Interview: Der Freiburger Patrick Brosi hat einen Krimi über Whistleblower geschrieben

Joachim Schneider

Ein Blogger, der die Pharmaindustrie auf dem Kieker hat, kommt von einer Bootstour auf dem Titisee nicht mehr zurück. Der in Freiburg lebende Autor Patrick Brosi hat einen preisverdächtigen Kriminalroman geschrieben:



Ihre E-Mails sind nicht extra verschlüsselt, kein Problem für Sie?

Patrick Brosi: Kein akutes. Ich besitze zwar eine Anfälligkeit für Paranoia, sehe aber ein, dass im Alltag ein gewisser Pragmatismus nötig ist, um überhaupt sozial handlungsfähig zu bleiben. Die Möglichkeiten des Abgreifens von Information enden ja nicht mit der digitalen Kommunikation. Wenn man die Prinzipien der Verschlüsselung in allen Lebensbereichen weiterführt, kann man schnell als vereinsamter Wahnsinniger enden, den niemand mehr verstehen kann. Das ist ja auch nicht optimal.

Schon gar nicht für einen Schriftsteller – da will man ja von möglichst vielen verstanden werden, auch wenn die Materie schwierig ist.

Auf jeden Fall. Man könnte sogar sagen, dass dieses "Verstehen" mich beim Schreiben antreibt. Bevor ich überhaupt nur eine Zeile verfasse, schwirrt meistens seit Monaten eine sehr diffuse Idee in meinem Kopf herum. Das Schreiben von Romanen verstehe ich unter anderem als Möglichkeit, solche Ideen sich selbst klar zu machen, aber auch sie anderen mitzuteilen.

Können Sie die Idee für den "Blogger" noch formulieren?

Oh je, ich glaube nicht. Wenn ich das, was ich mit dem Roman vorhatte, in ein paar knappe Sätze packen könnte, dann hätte ich das gemacht und kein Buch verfasst. Schreiben ist nämlich eine sehr langwierige, anstrengende Arbeit, die nicht unbedingt Spaß machen muss.

Der Kriminalroman ist auf jeden Fall ein Plädoyer für Whistleblower, oder?

Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ich will nicht zu viel verraten, aber die Whistleblower im Roman werden fast alle instrumentalisiert oder sind von Interessen getrieben, die ich nicht gerade ehrenvoll nennen würde. Wenn ich den Roman auf einen Satz reduzieren müsste, würde ich vielleicht sagen: Es ist ein Buch über Manipulation und Täuschung.

Braucht es nicht eine gehörige Portion Wut im Bauch, um so ein Buch zu schreiben?

Nein, gar nicht, ich bin nicht wütend. An schlechten Tagen vielleicht ein bisschen zynisch. Wenn überhaupt, dann zeugt der Roman von einer etwas pessimistischen Weltsicht des Verfassers.



Na ja, zumindest den Leser wird es wütend machen, dass Pharmakonzerne so skrupellos und brutal agieren können. Ist das in ihrem Sinne?

Es ist ein Roman, kein Sachbuch. Das Meiste, was im Buch beschrieben wird, ist Fiktion, soll unterhalten und die Handlung tragen. Ich habe natürlich eine Ahnung davon, welche Gefühle der Roman transportieren soll. Wut oder Hass gehören jedenfalls nicht dazu.

Welche Gefühle denn?

Schwer zu konkretisieren. Die Sprache ist in dieser Hinsicht leider sehr, sehr beschränkt – viel mehr als zum Beispiel die Musik. Eine Einsicht, zu der ja auch Kommissar Nagel, meine Lieblingsfigur im Roman, gekommen ist.

Das Schöne am Kriminalroman ist, dass der Autor durch das Spannungsmoment einiges dem Leser unterjubeln kann: Aufklärung, Erkenntnis, Alltag. Das gibt es bei Ihnen zuhauf.

Freut mich, dass Sie das so sehen. Tatsächlich ist es im Roman so, dass man die Unzulänglichkeiten der Sprache ein wenig reparieren kann, indem man dem Text durch die Handlung, die Figuren und das, was man auslässt, zusätzliche Tiefe gibt. Auf 450 Seiten sind viel mehr Zwischentöne möglich, die man beim Lesen gar nicht bewusst wahrnimmt, die aber trotzdem – davon bin ich überzeugt – ihre Wirkung tun.

Eine spannende Handlung ist dabei natürlich sehr wichtig. Im Roman fällt einmal der Satz: Wenn man Erfolg haben möchte, muss man über Bande spielen. Das gilt wohl auch für die Übermittlung von Erkenntnis mit Hilfe von Literatur.

Sie sind Informatiker und Historiker, wo haben Sie das Schreiben gelernt?

Es gab tatsächlich mal eine Phase, in der ich dachte, dass ein Geschichtsstudium ganz brauchbar sein könnte, wenn man später einmal Bücher verfassen möchte. Das war ein Irrtum, der mich in den ersten Semestern sehr beschäftigt hat. Sobald man Schreiben zielgerichtet und institutionalisiert betreibt, läuft man Gefahr, nur noch Phrasen zu variieren – zumindest ist das mein Eindruck. Wenn man das Schreiben wirklich lernen möchte, muss man zunächst einmal von der Welt in Ruhe gelassen werden. Und das funktioniert sehr gut, wenn man das Label "Informatikstudent" trägt.

Patrick Brosi
Der Blogger
Roman
Emons Verlag, Köln, 2015
455 Seiten
14,95 Euro
ISBN 978-3-95451-676-6

Mehr dazu:

Was: Lesung Patrick Brosi: Der Blogger
Wann: Donnerstag, 8. Oktober, 20 Uhr
Wo: Buchhandlung Rombach, Bertoldstr. 10, 79098 Freiburg [Foto: Verlag/privat]