Interview: Deniz Binay über das Ende des Stinnes-Areals

Marius Notter

Das Stinnes macht dicht, hieß es vor einigen Wochen. Doch die Veranstalter schwiegen beharrlich zu den Gründen. Jetzt hat fudder-Autor Marius Notter mit einem von ihnen gesprochen: Deniz Binay von Stinnestäuschung-Events.



Wie beurteilst du die aktuelle Lage Freiburger Nachtlebens?

Deniz Binay: Ich würde sagen, dass wir im Moment an einem Punkt angelangt sind, an dem sich Freiburg zu einem Zentrum der elektronischen Musik zwischen Stuttgart und Basel entwickelt hat. Noch vor sechs Jahren hatten wir hier zwei kleine Clubs, die elektronische Musik gespielt haben - meist mit Locals. Heute haben wir dreimal so viele Clubs verschiedenster Façon, angesagte Headliner spielen hier noch und nöcher. Jedes Wochenende sind tausende Personen auf elektronische Tanzmusik unterwegs. Sogar erste DJs wie "Borrowed Idendity" und "Mandibula" haben es auf gute Labels geschafft haben. Als ich in diese Szene kam, gab es kaum Produzenten, geschweige welche mit Verträgen in der Gegend.

Und dann heißt es plötzlich: "Das Stinnes macht zu" - für viele ein Schock.

Klar ist das für viele ein Schock. Durch die vielen Großveranstaltungen und die Kapazität der Location waren natürlich auch sehr viele Leute bei uns zu Gast. Die fragen sich natürlich jetzt: "Warum? Lief doch gut!"

Diese Frage stellt sich glaube ich jeder Clubgänger im Moment.

Ich würde gerne an dieser Stelle diese Frage auch beantworten, aber dazu steht im Moment zu viel auf dem Spiel. Pläne und Wunschträume kann und will ich im Moment nicht verraten, sicher ist jedoch: Wir setzen uns nicht zur Ruhe.

Wann geht’s weiter? Wie? Vor allem aber: wo?

Zum "Wo" kann ich im Moment noch nichts sagen. Sicher ist jedoch: Unsere großen Partys wie die Electronic Sensation, Techno Never Dies und die Progressive Experience werden in jedem Fall weiter geführt. Wir halten an diesen Konzepten fest. Auch direkt nach der Stinnes-Schließung werden Sinnestäuschung und Nitebeat mit Veranstaltungen in Freiburg präsent sein.

Und die Flimmerkiste?

Dieses Projekt ist auf Eis gelegt. Es war ein Club im Club im Club. Und die Freiburger sind ja bekanntlich schwer zu motivieren, für eine kleinere Veranstaltung zwei Kilometer weit ins Industriegebiet zu fahren. Ein großer Traum von mir bleibt die Flimmerkiste aber noch immer.

Also bedeutet die Schließung des Stinnes-Areals nicht das Ende von Sinnestäuschung-Events?

Auf keinen Fall! Wir sind immer noch ein gutes Team, das viel Spaß daran hat, in Freiburg Partys zu organisieren. Klar war das Stinnes Areal für uns der perfekte Ort, um große Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Das wir bereits so viel Energie und Geld in den Laden gesteckt haben, tut unserer Motivation allerdings keinen Abbruch: Wir lieben unsere Stadt, sie liegt uns am Herzen. Wir wollen, dass sich die jungen Menschen hier austoben und entwickeln können. Sie dürfen ja nicht alle nach Berlin ziehen…

In Berlin herrscht doch eine ganz andere Feierkultur?

Klar, das ist ein Unikum. Das braucht niemand so kopieren oder übertragen zu wollen. Aber es fängt bei simplen Dingen an wie der Sperrstunde: Die verhindert meiner Meinung und Erfahrung nach, dass die Menschen friedlicher und entspannter feiern können.

Also weg mit der Sperrstunde in Freiburg ?

Darüber müsste man mit der Politik sprechen, aber generell glaube ich mit einer Sperrstunde tut sich die Stadt keinen Gefallen. Sie sorgt nämlich dafür, dass die Menschen denken, sie müssten alles in den drei bis fünf Stunden im Club, die sie zur Verfügung haben, erleben - für die ganze nächste Woche im Voraus - egal, ob trinken, tanzen, Drogen oder einfach nur einen Partner für die Nacht finden. Das spannt die Leute an und tut einigen nicht gut.

Der ein oder andere würde dir jetzt vorwerfen, du wolltest nur mehr Geld verdienen.

Es gibt immer viele Menschen, die denken, wir verdienen uns eine goldene Nase. Man muss als Veranstalter aber immer den Schnitt sehen: Bei dem einen Event verdienen wir gut, beim anderen legen wir ordentlich drauf. Wieviel Geld verschwunden ist, wenn so ein Headliner mal die Hand aufhält, kann auch keiner einschätzen. Durch längere Öffnungszeiten würden wir auf keinen Fall reich werden: Der Eintritt ist doch eh schon gezahlt und den Gastro-Bereich darf man jetzt, besonderes morgens, auch mal nicht überschätzen. Was sind da schon zwei Stunden?



Zur Person

Vor sechs Jahren gründete Deniz Binay die Eventorganisation "Sinnestäuschung-Events" mit seinem Partner Aron Lederer, der vor zwei Jahre überraschend verstarb. Der Versuch, in Freiburg elektronische Musik stärker zu etablieren, ist ihm mehr als gelungen: Heute sind Partys von Binay und seinen Kollegen nicht mehr aus Freiburg wegzudenken. Auf seinen Großveranstaltungen im Alten Stinnes-Areal versammeln sich regelmäßig hunderte tanzwütige Menschen. Marcel Dettmann, Marek Hemmann, Fritz Kalkbrenner und Oliver Huntemann sind nur einige wenige Beispiele internationaler DJ-Schwergewichte, die Binay nach Freiburg gebracht hat. Mit der "Flimmerkiste" startete er letztes Jahr den Versuch, kleinere House-Veranstaltungen auf dem Gelände des Stinnes-Areals zu etablieren. Das Projekt wurde nach der vierten Veranstaltung allerdings auf Eis gelegt.

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[Foto: Fabio Testa, A.L./fudder-Archiv]