Interview: Coinneach McCabe zur Abspaltungs-Abstimmung in Schottland

Konstantin Görlich

Coinneach McCabe (39) ist wahrscheinlich Freiburgs bekanntester Schotte. In Freiburg lebt der gebürtige Glasgower seit 1999. Drei Mal wurde er in den Gemeinderat gewählt: zuerst für Bündnis’90/Die Grünen, dann zwei Mal mit der Grünen Alternative Freiburg. Wir haben ihn zur womöglich bevorstehenden Unabhängigkeit seines Heimatlandes befragt:

Verfolgst Du die Abspaltungsdebatte?


Coinneach McCabe: Am Anfang habe ich mich da ein bisschen rausgehalten, es nur aus dem Augenwinkel betrachtet. Aber in den letzten paar Wochen bin ich mehr und mehr reingekommen und jetzt bin ich komplett drin.

Schottland war ja schon immer sehr selbständig, mit eigener Nationalmannschaft und eigenen Gesetzen. Ist diese Unabhängigkeitsbestrebung jetzt die logische Fortführung?

Schottland war immer ein bisschen eigenständig und hat eine deutlich andere politische Kultur als England. Es hat beispielsweise ein völlig anderes Gesetzessystem: England hat ein angelsächsisches, Schottland ein eher römisches. Die Gesundheits- und Bildungssysteme sind komplett getrennt. Die haben sich nie darum gekümmert, daraus ein System zu machen. Großbritannien hat eine ungeschriebene Verfassung.

Das heißt, dass vieles tatsächlich nicht geregelt ist, zum Beispiel das Verhältnis der Parlamente in Edinburgh und London. Deren Aufgaben überschneiden sich schon. Das ist, glaube ich, eines der Probleme, warum es jetzt etwas hakt. Aber es gab immer Bestrebungen nach mehr Selbständigkeit. Bei einer Abstimmung 1979 gab es schon mal eine Mehrheit für die Abspaltung, aber das Quorum wurde nicht erreicht. Seither hat man es nicht hinbekommen, diese Verfassungsfragen zu regeln, darum ist es immer mehr auseinander gegangen.

Die Leute, die jetzt die Abspaltung voran treiben: Sind das herkömmliche Nationalkonservative, oder ist das so eine Art schottische UKIP?

Weder noch. Tatsächlich ist es eine linke Bewegung, vergleichbar mit den Basken. Schon nach dem ersten Weltkrieg gab es eine starke Unabhängigkeitsbewegung, die aus der Arbeiterbewegung kam. Die SNP (Scottish National Party) war früher etwas rechts. Seit den 70ern ist sie mehr nach links gerückt, bis sie in die Regierung kam. Dann sind sie etwas moderater geworden, man würde sie aber als sozialdemokratisch beschreiben. Also wirklich sozialdemokratisch, nicht wie die SPD.

Die SNP wird in Deutschland am stärksten wahrgenommen, es gibt aber auch eine ziemlich große Basisbewegung. Die sieht es als Chance, alles komplett neu zu gestalten, eine sozialere Ausrichtung der Politik zu schaffen, weg von der neoliberalen südenglischen Politik. Der Neoliberalismus ist in Schottland nie richtig angekommen. Nur ein einziger schottischer MP ist von den Conservatives!

Die Tories loswerden, ok, aber dabei gleich das ganze UK zerstören: Wie fühlst Du dich dabei?

Ich fühle mich etwas gespalten. Ich bin eher dafür, weil es eine Chance ist, etwas Neues zu machen. Aber Nationalismus ist immer problematisch! Es ist aber in diesem Fall die Wahl zwischen britischem Nationalismus und schottischem Nationalismus.

Nationalismus ist keine Lösung für soziale Probleme, aber es gibt die Möglichkeit, zumindest für einen Teil der Erde etwas zu verbessern. Und ich sehe, dass es mit der Abspaltung tatsächlich eine Chance dafür gibt. Das ganze Großbritannien umzukrempeln, die Machtstrukturen in Westminster aufzubrechen, das wäre eine deutlich schwierigere Aufgabe.

Könnte die Queen die Abspaltung verhindern?

Sie könnte ihr Veto einlegen! Nach der Abstimmung bräuchte es noch einen Parlamentsbeschluss, und gegen den hat die Queen natürlich - formell - Vetorecht.

Stimmst Du eigentlich mit ab?

Ich bin zwar Staatsbürger, habe aber kein Stimmrecht. Das haben nur Leute, die in Schottland wohnen.

Wie werden die Schotten entscheiden?

Die meisten Umfragen deuten auf eine leichte Mehrheit für Nein, ein paar deuten auf Ja. Ich glaube, es wird sehr knapp sein. Aber egal wie es ausgeht: Es wird weitreichende Änderungen in Großbritannien geben. Alle großen britischen Parteien haben versprochen, dass das schottische Parlament mehr Macht bekommen wird. Daran müssen sie sich halten, sonst gibt es Ärger.

Die große Frage ist natürlich: Was passiert, wenn England und Schottland zwei Staaten werden?

Dann wird ganz viel davon abhängen, wie sie miteinander auskommen. Sie können ja immer noch sehr viel zusammen tun. Die werden immer noch auf der selben Insel sein! Und sie haben ja auch viele kulturelle Gemeinsamkeiten.

Es wird auch vorgeschlagen, dass sie die selbe Währung teilen. Das wäre sinnvoller, als in Schottland den Euro einzuführen, weil England und Schottland ja sehr viel Handel miteinander haben. Wenn das Rest-Königreich das aber nicht will, wäre der Euro eine Möglichkeit. Schottland ist vermutlich etwas stabiler als beispielsweise Griechenland, auch wegen der Rohstoffe.

Schlimmstenfalls gäbe es auf der großen britischen Insel eine Schengen-Außengrenze. Was ist das für ein Gefühl, an Grenzübergänge dort zu denken?

Diese Drohung kam schon von der Labour Party, und es gab natürlich Witze, man müsste den Hadrians Wall wieder aufbauen. Ich finde es ziemlich unrealistisch, denn es gab nie eine Grenze zwischen Irland und Nordirland, nur Kontrollpunkte, und es gibt auch zwischen Schottland und England keinen Grund für eine Grenze. Ich bin aber gespannt, wie sich eine Unabhängigkeit Schottlands langfristig auf Nordirland auswirken wird. Die Protestanten dort identifizieren sich ja als britisch - aber schottisch-britisch!

Den bewaffneten Kampf werden die Schotten aber nicht aufnehmen, oder?

Es gab früher mal eine Gruppe, die SNLA (Scottish National Liberation Army) aber die waren schon seit Jahren nicht mehr aktiv. Es ist eine komplett andere Situation als in Nordirland.

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[Foto: Konstantin Görlich]