Interplast: Urlaub im OP

Carolin Buchheim

Ihren Urlaub verbringen die meisten Twentysomethings weit entfernt von ihrer täglichen Arbeit: Mit dem Freund beim Backpacken in Australien oder mit der Clique All Inclusive auf Ibiza. Katharina Kopf aus Waldkirch hat im vergangenen Jahr zwei Urlaube gemacht: In Ecuador und Indien. Doch die 28-jährige OP-Schwester stand auch während ihres Urlaubs im Operationssaal: Sie war im Einsatz für Interplast, eine Organisation plastischer Chirurgen, die in Entwicklungsländern kostenlos Operationen vornehmen.



Ein kleines Mädchen in Ecuador, deren eine Körperhälfte bei einem Starkstromunfall schwer verbrannt worden und deren Hand durch Narbenkontraktion verkrüppelt war. Ein Mann mittleren Alters in Indien mit einer Lippenspalte. Eine junge Inderin, die schwerste Verbrennungen an Gesicht und Oberkörper erlitten hatte.


Das sind nur einige der Patienten, an die Katharina Kopf (Bild oben) auch lange nach ihren Einsätzen immer wieder denken muss.  Besonders die verbrannten Frauen in Indien gehen sie ihr nicht aus dem Kopf. „Sie kommen mit verheilten Verbrennungen und  entstellenden Narben“, erklärt Katharina. „Häufig ist das Kinn durch Narbenstränge direkt an den Brustkorb angewachsen, die Augen durch die Kontraktur der Haut aufgerissen, und der Mund lässt sich nur noch mit großer Mühe schließen.

Wie solche Patienten aussehen, kann man im Jahresberichtvon Interplast anschauen, der Organisation, mit der Katharina auf OP-Einsatz in Ecuador und Indien war.

Darin sind Fotos von Patienten, die von Interplast-Teams auf der ganzen Welt behandelt wurden, zu sehen. Der Blick auf diese Bilder ist ein Blick auf eine andere, härtere Welt. Es sind Bilder, die einen medizinischen Laien zwangsläufig überfordern: So können Menschen aussehen?

Kinder und Jugendliche mit von Kieferspalten entstellten Gesichtern. Eine alte Frau mit einem fußballgroßen Geschwür, das von ihrem Hals bis auf ihren Bauch herabhängt. Ein kleiner Junge mit einer so stark angeschwollenen Hand, dass sie fast wie ein riesiger Fuß aussieht. Und immer wieder die verzerrten Gesichter der verbrannten, vernarbten, indischen Frauen.

Sie kommen mit vernarbten Verbrennungen, für die sie meist noch keine medizinische Versorgung erhalten haben, zu den Interplast-Teams. „Sie sind von ihren Schwiegermüttern angezündet worden“, erklärt Katharina. „Wenn man die Frauen fragt, was passiert ist, sagen sie aber nicht die Wahrheit.“  "Wenn sie mit den frischen Wunden in die Klinik gehen würden, müsste der Arzt Anzeige erstatten." Für die Behandlung der abgeheilten Narben durch einheimische Ärzte fehlt ihnen das Geld.

Die Interplast-Teams können in solchen Fällen helfen. Sie bestehen aus erfahrenen plastischen Chirurgen, Anästhesisten und Anästhesie- und OP-Schwestern wie Katharina, die ihren Urlaub dazu verwenden, Entwicklungshilfe im Operationssaal zu leisten. Die Behandlung ist für die Patienten kostenlos.

Für zwei Wochen kommen Interplast-Teams an ein Krankenhaus, in dem Hilfe benötigt wird. Vorbereitet werden die weltweiten Einsätze zusammen mit lokalen Organisationen, die potentielle Patienten über Plakate und Medienhinweise über das Kommen der Ärzte informieren, damit diese rechtzeitig anreisen können. „Bei unserer Ankunft warten dann schon mehrere hundert Patienten auf uns“, sagt Katharina. „Oft haben sie eine oder mehrere Tagesreisen hinter sich, oft auch zu Fuß.“

Die ersten Tage eines Einsatzes bestehen für die Interplast-Teams aus Triage, der Ein- und Beurteilung der Patienten. Nachdem die potentiellen Patienten durch den Chirurgen und den Anästhesisten untersucht worden sind, und festgestellt worden ist, ob sie behandelt werden können und wie sie operiert werden, wird eine Patientenkarte erstellt. In Deutschland hat jeder Patient eine Patienten-Akte mit vielen Papieren und Röntgenbildern, bei Interplast-Einsätzen ist es nur eine Karteikarte, ergänzt durch ein Polaroidbild.



Ab dem zweiten Tag wird operiert. „An einem typischen Tag geht ein Teil des Teams nach dem Frühstück gleich in den OP, um alles zu richten, der andere Teil macht Visite auf der Station und Verbandswechsel. Danach wird den Rest des Tages in zwei Teams operiert.“ Oft wird an zwei Tischen in einem Raum parallel operiert (siehe Bild oben). Bis zu 120 Patienten kann ein Team so während eines zweiwöchigen Aufenthalts versorgen. Schwere Fälle werden zu Beginn des Aufenthalts operiert, damit so lange wie möglich nachbehandelt werden kann. Die Erfolge sieht man meist sofort. Selbst bei den schwer vernarbten Frauen.

„Ist das Kinn durch Narbenbildung am Brustkorb angewachsen, gibt es die Möglichkeit der so genannten Lappenplastik“, erklärt Katharina. „Dabei wird das feste Narbengewebe im vorderen Halsbereich durchtrennt  und durch ein Gewebestück aus der Schulter mit Stiel, das ein Blutgefäß enthält, um das Gewebe zu versorgen. Diese beiden Lappen, aus der rechten und linken Schulter, dreht man dann nach vorne in den Halsbereich. Dadurch wird die Beweglichkeit des Kopfes wieder hergestellt.“ Die zurückgewonnene Beweglichkeit im Halsbereich, wieder Essen können, das bedeutet für diese Patientinnen eine große Verbesserung. Das vorherige Aussehen aber ist unwiederbringlich verloren. „Ein Vater zeigte mir ein Bild seiner Tochter vor der Verbrennung des Gesichtes. Ich hätte sie nicht erkannt. Sie war vorher bildhübsch.“

„Es ist toll zu erleben, dass das Leben eines Patienten sich durch unsere Arbeit zum Positiven verändert hat“, sagt Katharina. „In Indien wurde ich einmal von einem Mann auf der Straße angesprochen, der seine untere Gesichtshälfte mit einem Tuch bedeckt hatte. Ich habe mich zuerst erschrocken, doch dann zog er das Tuch herunter und ich konnte die Narbe auf seiner Lippe sehen. Wir hatten ihn operiert. Er strahlte über das ganze Gesicht und war so glücklich, dass er immer wieder „Namaste! Namaste!“ gemacht hat (Anmerkung: „Das Göttliche in mir verneigt sich vor dem Göttlichen in Dir“, indische Dankformel). Er hat das Tuch nur noch wegen des Staubs in der Stadt getragen, nicht, weil er sich wegen seiner Lippe geschämt hat." In Freiburg ist Katharina noch nie von Patienten angesprochen worden. „Die würden wohl auch eher dem Arzt danken, als mir.“

Als OP-Schwester in einem Entwicklungsland zu arbeiten ist jedes Mal eine neue Herausforderung. „Ich weiß vorher nicht, was ich zur Verfügung habe“, sagt Katharina. Das macht kreativ. „Man kommt aus der Routine heraus, eingespielte Handgriffe muss man teilweise neu überdenken, weil einfach der ein oder andere Faktor fehlt. Zum Beispiel im OP die Hände waschen, wenn die Seife fehlt. Dann muss ich sie eben ohne Seife waschen. Handtücher gibt es auch keine, okay, dann lass ich sie halt so trocken. Man kann sich da immer behelfen."

Manchmal gibt es im ganzen Krankenhaus nur drei Decken, um die Patienten während der OP zu lagern, damit sie sich nicht wund liegen. Manchmal nicht einmal genügend sauberes Wasser. "Eine ganz lustige Situation gab es in Ecuador: Ich kann kein Spanisch und musste den OP-Schwestern vor Ort begreiflich machen, dass ich ein Desinfektionsmittel brauche, in das ich meine Instrumente einlegen kann. Sie waren ganz begeistert, und meinten, sie hätten mich verstanden, und haben Waschpulver in mein Wasser gekippt. Dann habe ich die Instrumente eben in Waschpulver eingelegt. Hinterher wird das natürlich wieder abgespült, geputzt, geschrubbt und sterilisiert."

Material, das in westlichen Operationssäalen Wegwerfware ist, ist für das medizinische Personal vor Ort sehr wertvoll. "In Indien fand ich es unglaublich, dass unsere Einmal-Handschuhe, -Mundschutz und die OP-Hauben aus dem Müll geholt, gewaschen, getrocknet und wieder verwendet wurden." Das Material für Interplast-Einsätze wird meist von Firmen gespendet, oder im Voraus gekauft und mitgenommen.

"Man bekommt durch solche Einsätze einen anderen Blickwinkel auf den hier vorhandenen Luxus.“ erzählt sie. „Auch auf den medizinischen Luxus." Haben die Einsätze sie zu einer besseren Schwester gemacht? „Nein“, meint Katharina. Aber während man ihr zuhört, wie sie von Indien und Ecuador erzählt, merkt man, dass die Einsätze ihr Selbstvertrauen geschenkt haben und sie abenteuerlustig geworden ist.



Den Wunsch, Entwicklungshilfe zu leisten, hatte Katharina schon als junges Mädchen. „Ich wusste, dass ich das irgendwann machen würde.“ Von Interplast hat Katharina zuerst durch ihren Chef Dr. Martin Schwarz am Zentrum für Ambulante Diagnostik und Chirurgie erfahren. Er war Assistenzarzt bei Professor Dr. Gottfried Lemperle, der 1980 den deutschen Ableger von Interplast gegründet hat, und fährt auch selbst jedes Jahr für zwei Wochen auf Interplast-Einsatz.

Ein Vorteil von Interplast sieht Katharina in der kurzen Einsatzdauer: „Man muss sich nicht gleich für eine längere Zeitspanne verpflichten, wie zum Beispiel bei Ärzte ohne Grenzen. Man nutzt nur seinen Urlaub.“

Vergangene Woche ist Katharina zu einem weiteren medizinischen Einsatz geflogen: Nach Nepal. Diesmal nicht mit Interplast, sondern mit der christlichen Organisation 'Jugend mit einer Mission'. Dort wird Katharina nicht im OP stehen, sondern vier Wochen lang mit einem kleinen Team medizinische Basisversorgung leisten.

Angst vor dem Einsatz hat sie, trotz Aufregung und Neugier auf die Situation, die sie erwartet, nicht. "Ich arbeite seit sechs Jahren in der chirurgischen Ambulanz, ich werde mit den Beschwerden und der Versorung der Patienten sicher klar kommen“; meint Katharina. "Ich habe mir vor den anderen Einsätzen selber einen unheimlichen Druck gemacht, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Was ist vorhanden? Was haben die für eine Erwartung an eine Schwester? Ich glaub immer, ich bin unterqualifiziert, dabei waren am Ende immer alle mit mir zufrieden. Ich krieg das schon hin.“

Solange Waschpulver da ist, kriegt Katharina fast alles hin.

Personalien

Katharina Kopf ist 28 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Ottersweier in der Ortenau. Heute lebt sie in Waldkirch. Sie ist Krankenschwester im Zentrum für Ambulante Diagnostik und Chirurgie im Stühlinger. An zwei Tagen in der Woche steht sie im OP und assistiert bei Hand- und Schönheitsoperationen, sowie  Darm- und Magenspiegelungen.

An drei Tagen in der Woche ist sie in der Ambulanz tätig. An der Arbeit im OP mag sie, das Sehen der tatsächlichen Arbeit. „Dadurch weiß ich später in der ambulanten Behandlung besser, wie ich dem Patienten helfen kann.“ Wie es ihr gerade in Nepal ergeht, werdet ihr nach ihrer Rückkehr auf fudder lesen können. Internet gibt es in der Region im Osten Nepals, in der Katharina gerade ist, nicht. 

Dr. Martin Schwarz (Bild unten, während einer Operation in Indien), Katharinas Chef, ist Sektionsleiter von Interplast Freiburg. Für ihn sind die Einsätze nicht nur unmittelbare humanitäre Hilfe, die das Leben einzelner Patienten maßgeblich verändert, sondern auch ein Ausgleich zum deutschen Arzt-Alltag, den er als zunehmend patientenfern und bürokratisch erlebt.

Vier seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ihm Mitglieder bei Interplast und fahren auf Einsätze. Er ist stolz auf das Engagement und bemerkt positive Veränderungen: "Man muss im Einsatz viel mehr leisten, weil man den Rückhalt, den man hier in der Praxis hat, nicht hat. Man muss sich selbst ganz streng einschätzen 'Kann ich das, kann ich das nicht?' Man ist gezwungen, eine Leistung zu bringen, die sonst so nicht eingefordert wird. Das macht selbstbewusst."



Mehr dazu:

  • Interplast International: Website
  • Interplast Germany Sektion Freiburg/Schopfheim: Website