Internet Archive: Den 11. September verstehen

Martin Jost

Sonntag ist es zehn Jahre her, dass Terroristen mit gekaperten Flugzeugen Anschläge in New York, Washington D.C. und Pennsylvania verübten. Was TV-Sender in jeder Minute der Berichterstattung zeigten, lässt sich im Internet Archive nachvollziehen. Es war um 9 Uhr Ortszeit, 16 Uhr in Deutschland, als …



Die Morgennachrichten von CNN zeigen Bilder von Rauch, der aus dem Nordturm des World Trade Centers quillt. Der Moderator spricht mit Augenzeugen am Telefon und versucht, genaue Schilderungen von ihnen zu erhalten. Ein Flugzeug habe den Wolkenkratzer gerammt. „War es eine Cessna? Ein Propellerflugzeug?“ – „Nein, ein Jet. Ein zweistrahliges Passagierflugzeug.“


Es ist kurz nach 9 Uhr morgens Ostküstenzeit, nur Minuten nach Ausbruch des Feuers. Während des Gesprächs entgeht dem Moderator, dass ein zweites Flugzeug in den zweiten Turm des World Trade Centers fliegt. Wegen der Kameraperspektive hält er die Explosion für eine Folge des Feuers. Als ihm klar wird, dass eben innerhalb weniger Minuten zwei große Flugzeuge in zwei nebeneinander stehende Hochhäuser in New York geflogen sind, sucht er genauso hilflos nach Erklärungen wie seine Zuschauer auf der ganzen Welt: „Kann es so eine umfassende Fehlfunktion der Steuerelektronik unserer Flugzeuge geben? – Was für ein schrecklicher Unfall!“ Es herrscht Sprachlosigkeit im Live-TV wie seinerzeit bei der Challenger-Explosion.

Faszinierend ist, wie lange es dauert, bis jemand das Wort „Absicht“ in den Mund nimmt. Ein drittes Flugzeug muss ins Pentagon stürzen und ein viertes in Pennsylvania auf einen Acker, bevor von Terrorismus die Rede ist. So gesehen lebten wir 2001 noch in einer sehr unschuldigen Welt. Heute müsste bloß in einem Dorf eine Klärgrube platzen und das westweltliche Kommentariat würde von einem Anschlag sprechen.

Das Internet Archive, eine gemeinnützige Organisation, die kulturelle Produkte von Webseiten bis Bücher digital archiviert, hat seiner Sammlung von TV-Mitschnitten aus der Woche des 11. September 2001 ein neues Outfit verpasst. “Understanding 9/11” präsentiert sich nun mit einem riesigen Zeitstrahl, auf dem sich die Bilder auf 20 TV-Kanälen der Welt ansehen und vergleichen lassen. Die Videos sind in 30-Sekunden-Schnipsel unterteilt. Während auf dem japanischen Sender NHK schon Experten im Nachrichtenstudio Analysen formulieren, läuft in Washington auf dem Öffentlich-Rechtlichen noch Kinderprogramm.



Die Sammlung, die erstmals einen Monat nach den Anschlägen online ging (das war drei Jahre, bevor es Youtube gab), soll vor allem auch wissenschaftliche Recherchen ermöglichen. Der Zugriff der Forscher auf das Fernsehprogramm der Vergangenheit ist in der Regel sehr begrenzt, wie das Internet Archive auf seinem Blog schreibt. Aber auch Verschwörungsgläubige haben ihre helle Freude an der Quellensammlung – die ersten Blog-Kommentare stammen von ihnen.

Zur Sammlung auf “Understanding 9/11” zählen auch wissenschaftliche Studien, die sich kritisch mit der Berichterstattung über die Terroranschläge auseinandersetzen. Pat Aufderheide nennt den im Nachgang erwachten amerikanischen Patriotismus „therapeutisch“. William Uricchio analysiert, wie das baffe Fernsehen den unvorhergesehenen Ereignissen sofort seine konventionelle Erzählstruktur überstülpte.

Wer die Entwicklungen jenes Dienstags vor zehn Jahren selbst vor dem Fernseher verfolgt hat, wird sie noch einmal mit einem kalten Schauer erinnern können. Wer das Geschehen nur aus Dokus und Zusammenschnitten kennt, wird verblüfft sein, wie sich einen Tag lang Superlative und Nie-Dagewesenes übertrumpften, während Anschlag auf Anschlag folgt und dann auch noch die ehemals größten Gebäude der Welt in sich zusammenstürzen und Manhattan unter einer Aschewolke begraben. Einen Teil des Schauders bereitet man sich selbst – mit dem katastrophengeilen Voyeurismus, der einen an den Bildschirm kettet.

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