Inimitable - Vom Zauber des Ungefähren

Stephan Elsemann

Die Schlange vor dem Kunstverein reichte noch bis zur nächsten Straßenkreuzung, als um 19.30 Uhr am vergangenen Freitag das Spektakel im Marienbad eigentlich schon beginnen sollte: Amanda Millers Company pretty ugly tanz köln war für eine Performance mit tibetischen Mönchen nach Freiburg gekommen.

In den Tagen zuvor hatten die jungen Mönche bereits unter großem Zuspruch ein Mandala aus buntem Sand geschaffen und in einer farbenprächtigen Zeremonie am Freitag Nachmittag wieder zerstört. Als Zeichen von Demut vor der Vergänglichkeit. Vergänglich, aber vor allem bedroht sei die tibetische Kultur ebenso wie die Ballettkunst, sagte Amanda Miller vor der Performance und so muss man sich eben zusammentun, um darauf aufmerksam zu machen. Wie es gelingen kann, ein buddhistisches Zeremoniell zusammen mit avantgardistischer Tanzkunst in einer gemeinsamen Performance unterzubringen, mochte man sich fragen und gerade in der Esoterik-Hauptstadt Freiburg ein fragwürdiges Zusammenwirken von Ethno-Kitsch und Gutmenschentum befürchten. Doch nichts von dem passierte.

Amanda Miller überließ den Beginn der Performance den Mönchen, die in tibetischer Sprache eine Debate vorführten - eine Art philosophisches Frage-und-Antwort-Spiel. Engagiert redeten sie aufeinander ein, klatschten sich ab und hatten offensichtlich großen Spaß dabei, der sich sofort auf das Publikum übertrug. Was sie sagten, blieb wohl fast allen verborgen. Und dies forderte vom Zuschauer die Bereitschaft zu schauen, zu hören, nicht aber: verstehen zu wollen. Schaut her, es ist fremd, aber wir dürfen teilnehmen. Amanda Millers ehrliches Engagement für die Kultur der Tibeter wurde so ganz nebenbei zu einem geschickten Kunstgriff zur Vorbereitung der Zuschauer auf die folgende Performance der Company. Denn auch das Universum von pretty ugly teilt sich über die ganz eigene Formensprache des Balletts mit - nicht über eine Handlung wie beim Tanztheater: Inimitable - unnachahmlich eben. Weitgehend unverbunden tanzend schufen die acht Tänzerinnen und Tänzer eine offene, bewegliche und mäandernde Skulptur aus Armen und Beinen. Und waren damit dem Sandmandala in seiner flüchtigen Schönheit sehr nahe. Da war er wieder, der Zauber des Ungefähren, der so typisch für die Arbeit von Amanda Miller ist. Gelingen kann das nur mit ausgezeichneten Tänzerinnen und Tänzern. Und einem fein-gesponnenen Soundscape aus Original-Tönen vom Klosteralltag, den einmal mehr Fred Frith gestaltet hatte. "Ich habe nichts verstanden, aber ich bin total berührt", sagte eine Zuschauerin, die zum ersten Mal bei einer Performance von pretty ugly war und doch genau begriffen hatte, was diesen Abend so wunderbar machte. Nicht endenwollender Applaus und glückliche Gesichter.


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pretty ugly:
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