Inferno: Wie ich beim längsten Volksskirennen der Welt mitgefahren bin

Marius Buhl

15 Kilometer, 2000 Höhenmeter, Spitzengeschwindigkeiten von über 100 km/h: Das Inferno-Rennen im schweizerischen Mürren ist das längste Volksskirennen der Welt. fudder-Redakteur Marius Buhl war bei der Hatz vom 2970 Meter hohen Schilthorn am Start - und ist dem Bond-Bösewicht Blofeld entkommen:



James Bond wäre stolz auf mich. Meine Beine klappen fast unter mir weg, mein Herz rast, ich atme schnell. Eine Kurve noch. Weit nach rechts außen steuere ich meine langen Abfahrtski, ziehe dann eng zum roten Fahnentor und schieße durch die Linkskurve. Noch einmal Abfahrtshocke. Adrenalin. Arm nach vorne. Ziel. Erschöpft werfe ich mich auf den Boden. Auf der Anzeigetafel steht meine Zeit: Sieben Minuten und 58 Sekunden. Langsam weicht die Anstrengung der Erkenntnis: Ich habe das Infernorennen in Mürren bezwungen, das längste Abfahrtsskirennen der Welt. Aber der Reihe nach.


Infernovorabend. Wichtiger als das eigentliche Rennen ist die Vorbereitung. Wir sitzen in der Pension Sonnenberg, mitten im Skigebiet Mürren im Berner Oberland. Aus dem Fenster können wir gerade noch die massiven Felswände von Eiger, Mönch und Jungfrau erkennen, ehe die Dunkelheit sie verschluckt. Wir fachsimpeln. Rotes Wax muss auf die Ski, sagt einer. Aber auch blau, wegen der Kälte, sagt ein anderer. Am Start muss man einen Schluck aus der baumelnden Schnapsflasche nehmen, sagt einer. Nie im Leben, sagt ein anderer. Die alten Infernofahrer erzählen Geschichten von früher. Einmal habe sich einer am Vortag des Rennens eine Abkürzung überlegt. Am Renntag selbst stand dort aber kaum sichtbar ein Zaun. Es krachte fürchterlich. Ein anderes Mal habe sich der Sieger im Ziel schon gefeiert, als mit einer der letzten Startnummern ein hünenhafter Amerikaner alles in Grund und Boden fuhr. Es sind die Geschichten und Mythen, die dieses Rennen zur Tradition haben werden lassen.

Kein Schnaps, dafür ein Katapultstart

Samstagmorgen, 8 Uhr. Die erste Gondel schwebt gen Schilthorn. Darin versammelt: die 100 schnellsten Infernofahrer der letzten Jahre. Die Regel ist: Je schneller du bist, desto besser ist die Startnummer im nächsten Jahr. Ich habe heuer die Nummer 81, wer zum ersten Mal dabei ist, startet mit 1800. Klack, Klack. Ich steige in die Bindung, knalle die Schnallen meiner Schuhe zu, zurre meinen Helm enger, setze die Brille auf, ignoriere die Schnapsflasche. Die Nummer 80 startet. 12 Sekunden bis zum Start. Im Kopf gehe ich noch einmal die Schlüsselstellen durch. Zehn Sekunden. Im Kanonenrohr alles riskieren. Acht. Am Gegenhang schieben und skaten. Sechs. Windschatten suchen. Vier. Keine Angst haben. Zwei. Alles geben. Null. Katapultstart.

Die Strecke beginnt steil. Von knapp unterhalb des Schilthorns rase ich auf geradem Weg bergab, springe über eine Welle und passiere eine Rechtskurve, die in einen ersten Ziehweg mündet. Ich mache mich so klein wie möglich, lasse die Ski gleiten. Aus dem ersten Ziehweg geht es in einen zweiten, erst nach rund drei Minuten kann ich mich kurz aus der Abfahrtshocke erheben. Die Fahrer vor mir sind außer Sicht, dafür ist der hinter mir näher gekommen. Innerlich fluche ich: Mein Ski ist ziemlich langsam heute.

70 Jahre zuvor, im Jahr 1928, war das mit der Skipräparation kein Thema. Mit einer Handvoll Kollegen machte sich der Brite Sir Arnold Lunn auf den Weg zum knapp 3000 Meter hohen Schilthorn. In einer langen Kolonne trampelten sie eine Spur in den Tiefschnee - in der sie später das erste Inferno-Rennen austrugen. Ein verletzter Kollege wartete im Ziel und stoppte die Zeit. Die einzige weibliche Teilnehmerin verlor rund zehn Minuten auf den Sieger, weil sie anhielt, um einem Kollegen zu helfen. Der hatte sich bei einem Sturz die Rippen gebrochen. Der Sieger dieses ersten Infernorennens war Harold Mitchell. Für die Abfahrt vom Schilthorn nach Lauterbrunnen benötigte er 1:45 h.

So schnell wie James Bond

Mitchell und Lunn sind aber nicht die einzigen Briten, die dem Schilthorn und dem Skisport in Mürren zur Popularität verhalfen. 1969 stürzte sich ein gewisser James Bond die Strecke vom Schilthorn herab - und entkam auf rasanter Fahrt seinem Verfolger, dem Bösewicht Blofeld. Noch heute ertönt in den Schilthornbahnen die berühmte James-Bond-Melodie.

Gleitfähigkeit, Fitness, Mut, Material: Das Infernorennen verlangt dem Skifahrer alles ab - damals wie heute. Die Originalstrecke windet sich über knapp 15 Kilometer und über 2000 Höhenmeter vom Schilthorn nach Lauterbrunnen. In diesem Jahr endet die Strecke allerdings im 1600 Meter hoch gelegenen Mürren - weiter unten fehlt schlicht der Schnee. Besonders die hinteren Fahrer haben es schwer: Die Strecke ist dann verfahren, das Nachmittagslicht trübt die Sicht auf die abgerutschten Eisplatten. Immer wieder stürzen und verletzen sich Fahrer.

Im Kanonenrohr

Mein liebster Streckenabschnitt beginnt nach dem zweiten Ziehweg. Vorbei am Skilift Kandahar wird die Strecke steiler und anspruchsvoller. Ich gleite um eine Rechtskurve, federe eine Bodenwelle ab, stürze mich einen Steilhang hinab, fahre vorsichtig über eine Steilstufe und hinein in eine Kompression.

Zwischen Felsen und Fangzaun verengt sich die Strecke zu einem schmalen Band - dem Kanonenrohr. Besonders die Einfahrt in diese Schlüsselstelle, das „Blattwang“, ist extrem steil - unten endet der Streckenabschnitt in Serpentinen. Hier muss ich Tempo mitnehmen: Über ein schmales Schneeband rase ich auf den Allmendhubel zu - eine mörderische Linkskurve, an der die meisten Zuschauer stehen. Sie jubeln und applaudieren - ich kriege davon aber kaum was mit.

Über einen langen Anstieg, einige Wege und Serpentinen erreiche ich schließlich das Ziel in Mürren. Mit meiner Zeit, sieben Minuten und 58 Sekunden, schaffe ich es auf Rang 82. Das ist zwar langsamer als ich mir erhofft hatte, ein anderes Ziel habe ich aber erreicht: Der Fahrer hinter mir hat mich nicht eingeholt, meinen persönlichen Blofeld habe ich abgehängt. Wie gesagt: James Bond wäre stolz auf mich.



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[Video: Marius Buhl & Daniel Laufer, Foto: Gertsch]