Indonesien: Tauchen mit Mantas

Diana Himmelspach

Diana Himmelspach war bei fudder fürs Marketing zuständig, bis sie sich im August entschloss, für ein halbes Jahr nach Papua, Indonesien, zu gehen. Seit drei Monaten arbeitet sie als Divemaster auf der K.L.M. Shakti, einem 34-Meter-Holzsegelschiff. Ein Erlebnisbericht mit Fernweh-Faktor aus der neuigkeitsfreien Zone.



Ich lebe und arbeite derzeit als Divemaster auf der K.L.M. Shakti, die im Hafen von Sorong, Papua, stationiert ist.  Die Shakti wird nicht nur von erfahrenen Tauchtouristen, sondern auch zu Forschungszwecken von Wissenschaftlern oder von Hilfsorganisationen wie dem WorldWideFound for Nature (WWF) oder Conservation International (CI) gechartert.


Ihr Skipper David Pagliari - zugleich Inhaber, Designer und Erbauer - kennt die Gewässer um Raja Ampat wie kaum ein anderer. Er begann bereits 1998 mit dem Bootsbau und als er vor nun über 5 Jahren in diesem Gebiet als einziges Diverboard zu operieren begann, gab es kaum Informationen über die Hotspots Unterwasser. David hat mit seiner Crew Pionierarbeit geleistet und viele heute bekannte Tauchplätze erforscht und kartiert.



Nach fast zehn Jahren in Indonesien spricht der Schotte nicht nur fließend Bahasa Indonesia, sondern weiß auch mit der hiesigen Kultur und den Einheimischen umzugehen – eine der Schlüsselkompetenzen in einem abgelegenen und besonderen Gebiet wie diesem.

Die letzten Wochen erlebte ich als sehr anstrengend, die Shakti war mit neun bis zwölf Gästen immer voll gebucht. Zusammen mit Gästen und Mannschaft verbringt man die zwölf Tage eines Trips auf relativ engem Raum. Zwischen den Törns liegen gewöhnlich zweieinhalb Tage Pause – das heißt nicht wirklich Pause – eher gästefreie Zeit, in der die Shakti wieder fit für neue Abenteuer gemacht wird.

Lebensmittel werden eingekauft, das Boot getankt und mit Trink- und Duschwasser beladen. Jedes einzelne Mannschaftsmitglied hat viel zu tun. Dem Hafenmeister muss Bericht erstattet werden, die Passagiere samt Passnummern werden erfasst und gelistet – somit ist auch einiges an Bürokratie und Papierkram zu meistern.

Auf einem Boot gibt es einfach immer etwas zu tun.



Die Mannschaft ist sehr aufgeschlossen, kompetent und hilfsbereit – es sind derzeit sieben Landsmänner aus den verschiedensten Regionen Indonesiens. Da die wenigsten auch nur ein Wort Englisch sprechen, lerne ich die Sprache  recht schnell und kann mich nun schon einigermaßen mitteilen.

Die Landessprache zu sprechen ist besonders hier in Sorong unglaublich wichtig. Ich bin hier die einzige westliche Frau in der ganzen Stadt – mit blonden Haaren und blauen Augen falle ich überall auf. Für viele Einheimischen ist es ein absolutes Highlight mit einem Bulei (Ausländer) zu sprechen. Jeder will “ein Stück von Dir” – jeder deiner Schritte wird neugierig beobachtet – jeder der auch nur ein Wort Englisch spricht, will sich mit dir unterhalten, dich fotografieren.

Wenn ich in der Stadt einkaufen gehe oder mich am Hafen einfach mal kurz hinsetze und aufs Meer hinaus schaue, bin ich in kürzester Zeit umringt von neugierigen “Hello Misses”, “Hello Misses”! Manchmal ist das sehr anstrengend. Nun da ich mich einigermaßen verständigen kann, ist es zumindest etwas einfacher – dennoch – nach Sonnenuntergang wage ich mich nicht mehr alleine auf die Straßen.



Die meiste Zeit verbringe ich ohnehin nicht in der Stadt sondern auf der K.L.M. Shakti. In meiner Kajüte, in Shaktis Bauch, fühle ich mich pudelwohl und mittlerweile habe ich mich auch an die ständigen leichten Wogen des Meeres gewöhnt. Schwierig wird es, wenn ich versuche, Yoga zu machen – im Besonderen bei den Balance-Übungen.

In Sorong gibt es nicht wirklich etwas zu sehen oder zu tun – sogar im neuesten Lonely Planet Indonesia wird von einem Ort gesprochen, an dem man sich nicht länger als unbedingt notwendig aufhalten möchte. Es ist Dreh- und Angelpunkt für den angehenden Tauchtourismus, das Tor zur Königsetappe – Raja Ampat.

Unglaublich aber wahr – im Hafen von Sorong leben sogar Delfine – ich kann sie regelmäßig beobachten. Wenngleich ich nicht recht verstehe, was diese wundervollen Tiere in ein schmutziges und oftmals von Ölteppichen gekröntes Hafengewässer wie dieses treibt. In Sachen Müll und Umweltschutz muss in ganz Indonesien und Papua noch viel Entwicklungshilfe geleistet werden.

Unsere letzten beiden Trips waren keine Tauchgänge, sondern sogenannte Wilderness-Trips, gebucht von der großen und anerkannten amerikanischen Reisegesellschaft WildernessTravel.

Ethan Daniels ist Meeresbiologe, Journalist und ein bekannter Unterwasser-Fotograf. Er begleitete diese WildernessTravel-Touren an Bord, und durch seine Vorträge habe ich sehr viel über Flora und Fauna unter und über Wasser gelernt. Es war großartig mit ihm zusammen zu arbeiten.

Gemeinsam organisierten wir tägliche Schnorchel- und Kajaktrips vom Boot aus, auch Dschungelerkundungen, Bird-und Sharkwatching-Touren standen auf unserem Programm.



Auf dieser Art Reise birgt ein jeder Tag ein neues Highlight. Wenn erforderlich per Speedboot, barfuß oder auf allen Vieren – in felsige Höhen oder mit Lampen in dunklen Fledermaushöhlen, auf leisen Sohlen mitten in der Nacht in dichten Regenwald um im ersten Licht mit Paradiesvögeln (Cenderwashi) auf Tuchfühlung zu gehen... Nirgends sonst in der Welt habe ich so geballt pralles und gesundes Leben erfahren dürfen. Immer wieder aufs Neue bin ich beeindruckt, überwältigt, sprachlos. This really IS God's Country!

Fantastische Inselformationen ragen aus den artrenreichsten Riffen unseres Planeten, mit all der anmutenden Flora und Fauna. Manchmal fehlen mir einfach die Worte. Raja Ampat hat viele verschiedene Gesichter, so viele Farben, bizarre Felsstrukturen, jungfräuliche weiße Sandstrände, türkisblaue Buchten, königsblaue Tiefen, tausende Grüntöne und Geräusche im Dickicht der Dschungel und Mangrovenwälder.



Ab und an kehren wir für einen kurzen Besuch in eines der 92 Dörfer ein und informieren die Dorfältesten über unsere Route. Ich bewundere die einfache Lebensart ihrer Bewohner und frage mich manchmal, ob das Leben wohl einfacher ist, wenn man weniger Möglichkeiten hat. Ob die Menschen ganz anders denken, ganz andere Ziele haben, und warum das Leben für unterschiedliche Völker und Kulturen auf unserer Erde so anders ist. Was ist anders, wenn wir doch eigentlich alle gleich sind? Denken wir uns müde in der westlichen Welt? Diese Frage stelle ich mir häufig.

Bei der 24-Stunden-Betreuung der Gäste ist viel Feingefühl und soziales Engagement gefragt. Man muss seine Augen gerade bei risikoreichen Touren am besten immer zu allen Seiten offen halten. Es gilt Unfälle zu vermeiden in einem Gebiet, in dem weder Krankenhaus noch Dekompressionskammer so ohne weiteres zu erreichen sind.  Unter Klienten und auch Crew gibt es immer irgendein Wehwehchen, Bitten, Wünsche und Fragen. Man ist ständig auf Stand-by.



Mein erster Trip, ein reiner Tauchtrip, lehrte mich einmal mehr, was wirkliches Tauchen bedeutet und wie klein und machtlos wir Menschen doch in diesem unvergleichlichen Ozean sind. In diesen Gewässern dreht sich alles um die Strömungen und Gezeiten. Ist man zur richtigen Zeit am richtigen Ort, erlebt man die abgefahrensten Tauchgänge. Ist man zu spät, oder am falschen Ort, verpasst man die fischige Show und das Tauchabenteuer kann dank sogenannter Ashing-Machine oder Down-Strömungen entweder sehr böse oder sehr langweilig ausgehen.

Was meine Unterwassererlebnisse angeht, so konnte ich mir in den letzten Monaten einige meiner größten Träume erfüllen. Das erste nennenswerte Ereignis, was mein Taucherherz höher schlagen ließ ,war die ganz besondere Begegnung mit den Mondfischen (Giant oceanic sunfish, siehe Bild oben) in Cryztal Bay, etwa eine Bootsstunde von Bali entfernt.

Der Tauchgang war nicht einfach, zunächst schreiende Strömung und, als diese nachließ, plötzlich bitterkalt. Unterhalb der Sprungschicht fand ich mich in nur noch 17 Grad kaltem klarem Blau wieder. Doch beim Anblick des ersten urzeitlichen Riesen hab ich die Kälte ganz schnell vergessen. Mit einem Umfang von etwa drei bis dreieinhalb Metern erscheinen diese schwimmenden Mondscheiben unwirklich, beeindruckend und wie von einem anderen Planeten. Mondfische sind durchaus neugierige Wesen. Eines der vier ausgewachsenen Exemplare kam sogar ganz nah und schwebte etwa in zwei bis drei Meter Entfernung ganz gemütlich und interessiert über meinen Kopf hinweg. Ich traute mich kaum auszuatmen, da ich nicht wusste, wie der Fisch auf die von mir beim Ausatmen generierten aufsteigenden Luftblasen reagieren würde.

Auf meinen Tauchgängen in Raja Ampat/Papua bin ich mittlerweile nicht nur den verschiedensten Hai-Arten begegnet – so zum Beispiel dem erst im letzten Jahr entdeckten Walking Shark (Epaulette-Shark), sondern auch vielen verschiedenen Arten von Meeresschildkröten, Rochen und sogar Seekühen.
Kein Wunder, dass Fischkundler Dr. Gerry Allen erst in diesem Jahr einen neuen Rekord an gezählten Fischarten in nur einem Tauchgang in diesem Gebiet aufgestellt hat.

Ein weiteres Highlight war das Nachtschnorcheln mit den Mantas, der größten Art in der Familie der Rochen. In einer malerischen Bucht kreisten eines Nachts vier große Mantas um den Rumpf der Shakti, angelockt vom planktonreichen Wasser im Lichtkegel des Bordlichts. Zugegeben, etwas Mut erfordert es schon, mitten in dunkler Nacht mit diesen sanften Riesen auf Tuchfühlung zu gehen, doch in einer geschützten und nicht sehr tiefen Bucht sind zum Glück keine großen jagenden Haie zu erwarten und somit steht einem relative sicheren Mitternachtsplansch nichts im Wege.



Die erste Berührung mit einem der Mantas war ganz unabsichtlich “von Bauch zu Bauch”: Gewöhnlich kreisen die Rochen mit offenem Maul loopingartig vom Meeresgrund bis an die Wasseroberfläche, an der ich mit Maske, Schnorchel und Flossen ausgerüstet schwebte.

Ich bin wahnsinnig erschrocken, zumal sich die Haut der Rochen sehr rauh anfühlt. Dann wollte ich es genauer wissen und bin mit einem tiefen Atemzug einige Meter hinabgetaucht um die Flügelspitze einer der fliegenden Teppiche zu berühren. Zunächst ohne Erfolg, der Rochen ist blitzschnell in dunkle Tiefe abgetaucht und ich zurück an die Oberfläche gepoppt. Doch der schwarze Manta kehrte neugierig zurück und für den nächsten Versuch ließ ich uns viel mehr Zeit. Ich tauchte immer wieder in des Mantas Blickwinkel und immiterte seine Bewegungen, bis er mir schließlich erlaubte, meine Hand auf seinen Rücken zu legen und ein paar Bahnen mit ihm in völliger Synchronität zu schwimmen.

Ein Erlebnis, das ich niemals vergessen werde.



Unser nächster Trip wird uns zusammen mit dem WWF an die nordöstliche Küste Papuas führen. Walhaibeobachtung und Erkundungstauchgänge stehen auf dem Programm. Ich bin sehr gespannt. Ein weiterer Tauchtrip startet dann im Dezember. Weihnachten und Silvester verbringe ich also auch in diesem Jahr unter südostasiatischer Sonne.

Mehr dazu:

fudder-Artikel: Neuigkeitsfreie Zone