Literarisches Pausenbrot

In einer Kirche in der Wiehre wird ab Montag immer in der Mittagspause aus einem Buch vorgelesen

Inanna Tribukait

2013 gab es in der Christuskirche (Wiehre) mittags eine Vorlesestunde. Jetzt kommt die Veranstaltung zurück. Ab Montag lesen professionelle Vorleser Erzählungen von William Saroyan aus der Zeit der großen Depression vor. fudder hat Organisator Michael Schwarz befragt.

Eine Lesung in der Kirche, täglich in der Mittagspause. Was ist der Gedanke hinter diesem Format?

Der Gedanke geht zurück auf die erste öffentliche Mittagslesung, die wir 2013 in der Christuskirche veranstaltet haben. Da ging es im Prinzip darum, dem Alltag, der bei uns ja auch häufig mittlerweile geprägt ist durch Hektik und Optimierung, versuchen, literarisch zu begegnen. Wir bieten eine Pause an, an einem Ort, der sowohl von seiner Architektur, aber auch von seiner kulturellen Bedeutung so etwas anbietet.

Was können Sie mir über dieses Buch erzählen? Was macht gerade dieses Buch für das Format geeignet?

Ich wollte einfach auf Autoren und Autorinnen aufmerksam machen, die aus unterschiedlichen Gründen in dieser wahnsinnigen Flut von Veröffentlichungen untergehen. Ich bin im Grunde einfach über den Titel darauf aufmerksam geworden: "Wo ich herkomme sind die Leute freundlich". Da dachte ich, eigentlich ist der Titel ja schon ein Angebot, da muss ich reingucken. Und dann hat sich bei mir schon von der ersten Erzählung an so eine großartige Qualität hergestellt, so eine Leichtigkeit, ein Witz, ein Humor, von Leuten zu erzählen, die eigentlich keinen Grund haben, lachend durchs Leben zu gehen. Es sind alles prekäre Existenzen von denen erzählt wird, miteingenommen der Autor – und die trotzdem voller Lebensmut und Zuversicht sind. Auch ein ganz wichtiges Element ist, dass diese Figuren auch immer auf Augenhöhe mit den Autoritäten in den Erzählungen sind.

Für das Format geeignet macht das Buch erstens mal, dass es einfach gute Literatur ist. Es sind aber auch klassische Amerikanische Storys, so wie bei Hemingway, der übrigens auch eine Rolle spielt, als formgebender Schriftsteller. Und die passen einfach wunderbar in die Zeit, keine Erzählung ist länger als 15 Seiten.

Und warum finden die Lesungen in der Kirche statt?

Ich finde, das verknüpft sich. Grundsätzlich ist ja Literatur etwas, was normalerweise leise funktioniert; wir lesen ja alle für uns, im Stillen. Gerade literarische Texte katapultieren einen aus dem Alltag raus, wenn sie einen packen. Und eine Kirche tut das ja auch. Wenn ich zum Beispiel Reisender bin und in Großstädten unterwegs bin, dann ist ja die Kirche auch immer ein Ort, der mich rauskatapultiert. Und es ist halt auch ein Ort, wo das gesprochene Wort einen großen Stellenwert hat, wo ganz bewusst nichts zum Event gemacht wird. Es war aber gar keine Diskussion mit den Pfarrern, dass die Veranstaltung sich nicht thematisch an die Kirche andocken muss.

Wie war denn bei der ersten Vorlesereihe die Resonanz? Und womit rechnen Sie dieses Mal?

Erstaunlich! Also zur ersten Veranstaltung kamen direkt hundert Leute, und dann hat sich wirklich eine Gemeinde gebildet. Es gab Leute, die sind jeden Tag dahin gepilgert und wir hatten durchschnittlich 30, 35 Leute am Tag. Das hat mich auch erstaunt, die haben wirklich ihren Tagesablauf danach eingerichtet, da hinzukommen.

Interessanterweise können sich auch wirklich viele an die erste öffentliche Lesung vor sechs Jahren erinnern, und ich hoffe, dass sich das wieder einstellt. Und es ist ist ja auch frei, es soll auch ganz bewusst nicht kommerzialisiert werden, die Kirche wird aufgemacht und die Leute hören zu. Ich habe dieses Mal um Spenden gebeten, für die Lesenden, die das netterweise Honorarfrei machen.

Seit dem letzten Event sind sechs Jahre vergangen, soll es jetzt häufiger passieren, oder wieder im gleichen Abstand?

Nein, da möchte ich einfach frei sein. Dieses Jahr hatte ich den Impuls, da dachte ich mir, es wäre doch irgendwie schön, sowas wieder zu machen, und dann muss einfach ein passender Text da sein. Und deshalb soll sich das auch nicht Jahr für Jahr in einem regelmäßigen Turnus wiederholen. Vielleicht ist das jetzt das zweite Mal und letzte Mal, vielleicht passiert auch in zwei Jahren wieder was.

Was ist ihre schönste Erinnerung an die Veranstaltung 2013?

Die schönste Erinnerung war, dass es so angenommen wurde. Man geht da hin, ich war ja sowas wie ein Küster, ich hatte da den Schlüssel. Ich bin dann kurz vorher hingegangen, hab die Leute reingelassen, die Vorleserin stand am Pult, hat begonnen zu lesen, und es war einfach eine sehr konzentrierte Atmosphäre, und dann gingen die Leute wieder. Und wie gesagt, dass sich da so eine Gemeinde gebildet hat, und aber auch mit den Vorleserinnen und für mich als Veranstalter, über diese vier Wochen hat uns das so getragen, dass wir fast traurig waren, dass es schon zu Ende war. Es hat sich da auch zwischen den Vorleserinnen, die ja auch unterschiedliche Persönlichkeiten waren, ein kleiner innerer Zirkel gebildet, und wenn sie Zeit hatten, sind sie beieinander auch immer als Zuhörer dabeigewesen.
Pausenbrot – Öffentliche Mittagslesung

Die Lesungen finden vom 1. bis 12. Juli, montags bis freitags von 12.30 bis 13 Uhr in der Christuskirche, Maienstraße, statt. Die Texte werden von Schauspieler Heinzl Spagl und Sprecherzieher Marcel Hinderer gehalten. Organisiert wurde alles von Michael Schwarz von der Buchhandlung Schwarz.