In einer anderen Welt

David Weigend

Gestern abend haben die Flippers fast 4000 Zuschauer in der nahezu ausverkauften Rothausarena unterhalten. Ein kleiner Erklärungsversuch zu diesem Schlagerphänomen, das seit über 30 Jahren für klingelnde Konzertveranstalterkassen sorgt.

Die einfachste Annäherung an die Flippers ist die zynische. Nichts leichter, als das Trio mit den meist papageifarbenen Sakkos und den romantischen Fernwehliedern als tumbe Hitmaschine fürs Altersheim abzutun.Man kann aber auch innehalten und darüber nachdenken, wie es das „singende Reisebüro“ (Harald Schmidt) aus der Fauststadt Knittlingen mal eben so schafft, die Rothausarena nahezu auszuverkaufen und den Beflipperten Tränen der Rührung in die Augen zu spielen.24 Goldalben, fünf mal Platin, ein Echo, neun goldene Stimmgabeln, ein RTL Club Löwe: wer sind diese drei Männer?Beginnen wir mit Olaf Malolepski, staatlich geprüfter Tennislehrer und Gitarrist der Flippers. Auf der Homepage schreibt Malolepski in die Rubrik „Lieblingsbücher“ die Antwort „Sach- und Fachbücher“. Ein unverbindlicher Typ, dieser Malolepski, und genau diese Rolle spielt er auch im Bandgefüge. Olaf ist der Lebemann, der Casanova, der Strizzi für die lockeren Sprüche.Natürlich ist er, wie seine beiden Bandmates auch, verheiratet (Gattin „Sonja“ muss in mehreren Ansagen als Zoten-Steilvorlage herhalten), was aber nicht ausschließt, das Olaf gern tiefstimmig mit Erotika kokettiert und augenzwinkernd Kesses andeutet.

Manfred Durban, gelernter Werkzeugmacher sowie Drummer der Band, verkörpert den Typen des geläuterten Schwerenöters. „Der heilige Christopherus schützt die Autofahrer, Sankt Florian die Feuerwehrmänner und unser Manfred beschützt die Frauen“, charakterisiert ihn Bassist Bernd Hengst unter einigen Lachern im Auditorium. Tatsächlich singt Durban die Songs, die man eigentlich nur nach mindestens einer gescheiterten Ehe schreiben kann; Lieder des späten, unverhofften Glücks.Das Krasseste an Durban ist - neben seinem geilen Synthieschlagzeug, das irgendwie keine Funktion zu haben scheint – die schwere Gangsterhalskette. Die würde sich sogar Menace von Rapkilla ausleihen. Durban sieht von den dreien am ältesten aus, gibt sich aber am juvenilsten. Das rockt, oder, um es mit den Flippers zu sagen: „In Venedig ist MAS-KEN-BALL!“Schließlich macht Bernd Hengst den Dreier voll. Hengst ist der Oberromantiker der Flippers. Mit seinem Sakko (Muster: roter Tapetenteppich) ist Hengst für die zielgruppenorientierten Apotheker- und Zäpfchenwitze zuständig.Und es scheint, als bekäme der Elektrobasser in der Rothausarena die meisten Bonbonieren von den Fans am Bühnenrand überreicht. Der Karlsruher Werkzeugmacher (Lieblingsgericht: Schwäbischer Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln) nimmt die vielen Ferrero Küsschen, Milkaherzen und Monchéripackungen höflich in Empfang und legt sie auf die Showtreppe, die innerhalb der gut zwei Konzertstunden zum schokosüßen Flipperaltar wird.„Uouououo...roter Horizont, am großen Fluss / nur wir beide im Land des Lächelns / so verträumt und dein schwarzes Haar / im Abendwind /zärtlich hast du mein Herz verzaubert / und es schlägt / wie ein Schmetterling / Lotusblume hab ich dich genannt / als die rote Sonne in Japan versank.“Man kann dazu sagen: „Von diesem Kitsch wird’s mir schlecht.“ Aber wenn man sieht, wie sich unzählige, ältere Pärchen zu diesem Song in den Arm nehmen, sich herzeln, busseln und sich Sätze ins Ohr flüstern, die den Partner grinsen lassen, dann muss selbst der hartnäckigste Kulturpessimist zugeben, dass die Flippers irgendetwas richtig machen. Und sei’s nur playback.

Die Flippers sind so wertekonservativ wie die Bayernabwehr der vergangenen Saison. Das Ideal der treu geschworenen Ehe spielt in vielen Songs eine zentrale Rolle, ebenso die Warnung vor dem inflationären Gebrauch des Worts „Liebe“. Ja, es ist angenehm, sich von den Flippers ermahnen zu lassen. Es fühlt sich so an, wie wenn der Großonkel den Arm um deine Schulter legt, vielleicht auf der sonnigwarmen Panoramabank beim Dattler, und sagt: „Junge, jetzt sag ich dir mal was über die Liebe.“Wie man seit gestern abend weiß, ist „das ganze Leben eine Wundertüte“. Man wünscht sich am Ende des Auftritts, als Mittsechziger noch so tief hineingreifen zu können, wie die vielen tausend Flippersfanatics auf Rothaus. Danke, Olaf! Merci, Manfred! Und ein Marzipanriegel extra für dich, Bernd!