In einem unbezahlten Land

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, dass es in Europa noch Länder gibt, die nicht von anderen Staaten anerkannt werden? Neben der Militärdiktatur Transnistrien im Osten von Moldawien gibt es noch ein Land, das schon seit Jahrhunderten auf seine Autonomie pocht, doch von niemandem erhört wird: Das Fürstentum Seborga.

Eigentlich ist Seborga nur ein kleines Dorf am westlichsten Zipfel Liguriens. Doch im Mittelalter wurde es von einer kleinen Abtei sogar bis zu einem im Heiligen Römischen Reich anerkannten (und einzigen) Zisterzienserstaat. Dann wurde es lange Zeit von Rittern des Templerordens verwaltet, bis das kleine Fürstentum 1729 von einem Savoyischen Herzog gekauft wird.


Dann kam die offizielle Geschichte, in der Seborga erst der Republik Genua, dann dem Königreich Sardinien und schließlich Italien als zugehörig definiert wurde. Doch ein historisch bewanderter Blumenhändler aus Seborga, Giorgio Carbone, fand Anfang der 1960er Jahre heraus, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war.

Er erfuhr, dass der Herzog von Savoyen den vereinbarten Kaufpreis gar nicht bezahlt hatte – die weitere Geschichte des Fürstentums und somit seine Zugehörigkeit zu Italien waren hinfällig. 1963 hatte Carbone seine Mitbürger so mit seinen Argumenten überzeugt, dass sie ihn fortan Prinz Georg I. von Seborga nannten.

Es dauerte jedoch weitere 30 Jahre, bis das Fürstentum offiziell seine Unabhängigkeit erklärte. Die Besatzungsmacht Italien nimmt die Freiheitsbewegung des 14 km²-Staates jedoch entweder nicht ernst oder erst gar nicht wahr: Weder die Unabhängigkeitserklärung noch die Herstellung der eigenen Währung "Luigino" bewegten Italien auch nur zu einer kleinen juristischen Reaktion.

Heutzutage fristet das stolze Fürstentum ein unbeachtetes Dasein. Da es von Italien besetzt ist, wird Seborga nur von ebenso unbeachteten Kleinststaaten wie der Freistadt Christiania in Kopenhagen oder dem Fürstentum Sealand anerkannt.