In ein Wurmloch eintauchen: Berghain-Resident Fiedel im Interview

Bernhard Amelung

Techno trifft auf Elektro und Hi-NRG: Michael "Fiedel" Fiedlers Sets und Produktionen sprechen eine einprägsame Sprache. Am Samstag spielt der Berliner Discjockey, Resident im legendären Techno-Club Berghain, ein Set im Crash. Bernhard Amelung hat mit ihm gesprochen - über Marathon-Sets und rohe Soundästhetik.



Michael, Szenekenner beschreiben dich in Fachmagazinen mit den Worten “peaktime champion”. Was verstehst du darunter?

Michael Fiedler: Im Club ist die Peaktime der Zeitpunkt, in dem die meisten Leute da sind und die Party ihren Höhepunkt erreicht. Das unterscheidet sich von Club zu Club. Ich kann mir als DJ aber auch selber eine Peaktime schaffen, in dem ich mit Dynamiken und Rhythmen spiele und dadurch mein Publikum bewegen und mitreißen kann. Champion, ich weiß nicht… [lacht]

Im Berghain, deinem Resident-Club, dauern die Partys bis Montagmittag. Wann ist da der Höhepunkt erreicht?

Michael Fiedler: Eine Clubnacht im Berghain durchläuft verschiedene Phasen. Den einen Höhepunkt gibt es da nicht. Für mich als DJ ist es stets ein tolles Gefühl, wenn ich einen Weg finde, mit meinem Publikum zu kommunizieren, ob ich nun die Nacht eröffne oder das Closing am Montag spiele. Wenn montags immer noch 400 Leute auf der Tanzfläche stehen und ich sie in Wallung bringen kann, ist das ein tolles Gefühl. Dann spielt es auch keine Rolle mehr, ob ich acht oder zwölf Stunden auflege.

Wie bereitest du dich auf solche Marathon-Sets vor?

Michael Fiedler: Ich entscheide nach Tagesgefühl, was in meine Plattentasche kommt. Manchmal wähle ich eine Platte aus und spinne eine musikalische Struktur drum herum. Dann wieder suche ich Platten, die eine Stimmung transportieren. Diese versuche ich auch beim Auflegen rüber zu bringen. Schließlich habe ich auch die Aufgabe, mit dem Publikum eine Reise zu machen. Bei langen Sets kann es nicht nur nach vorne gehen. Das Publikum soll ruhig auch mal in ein Wurmloch eintauchen.

Das heißt?

Michael Fiedler: Wenn ich losgelöst von einer Uhrzeit auflegen kann, beende ich mein Set verträumt. Gerne auch mit einer anderen Rhythmik. Ich finde es schade, dass viele DJs nur straighten Techno spielen. Man hat auch eine Aufgabe, den Leuten etwas anderes zu zeigen.

Du legst seit den frühen Neunzigerjahren auf. Was hast du aus dieser Zeit für dich mitgenommen?

Michael Fiedler: Das sind zwei Dinge. Einmal, dass ich musikalisch und technisch vielseitig sein und alles so zusammen bringen kann, dass es am Ende Sinn macht. Techno macht zwar den Hauptteil meiner Sets aus, aber ich zwänge mich nicht in ein vorgefasstes Schema. Musikalische Diversität ist wichtig. Zweitens bewegt mich die Energie dieser Musik immer noch selber. Die ist so unbändig und kann mich manchmal so bewegen, dass ich die Nadel nur schwer auf die Platte bringe. Ich bin technisch sehr versiert. Ein Auflegeroboter bin ich trotzdem nicht.

Du produzierst auch eigene Musik, die eine rohe Ästhetik hat. Wovon lässt du dich inspirieren?

Michael Fiedler: Musik muss mich körperlich bewegen, muss mich gefühlsmäßig mitnehmen. Sie lässt mich entweder tanzen oder träumen. Das versuche ich, mit meinen Stücken auszudrücken. Deshalb funktionieren sie auf der Tanzfläche, sind aber vielleicht etwas intimer als rein funktionale Stücke. Deshalb dauert es immer auch so lange, bis ich etwas veröffentliche.

Als MMM, deinem Gemeinschaftsprojekt mit Erik Wiegand, sind es sieben Platten in rund 20 Jahren.

Michael Fiedler: Erik und ich unterliegen keinem Veröffentlichungsdruck. So kann unsere Musik gären, wachsen und in Ruhe erscheinen. Das bedeutet für mich auch künstlerische Freiheit. Als Einzelkünstler fräse und feile ich zwar auch an meinem Sound, aber ein Stück wird für mich schneller greifbar, schneller spielbar. Da nehme ich die Perspektive des DJs ein.

Wann ist für dich ein Stück eigentlich fertig?


Michael Fiedler:
Tracks müssen ein Gefühl erzeugen. Entweder muss ich darin schwelgen oder dazu tanzen können, auch im Studio, am Mischpult.

Mit Fiedelone und Fiedeltwo betreibst Du mittlerweile auch zwei eigene Plattenlabel. Wofür stehen sie und was unterscheidet sie?

Michael Fiedler: Fiedelone ist für meine Soloarbeiten reserviert. Auf Fiedeltwo veröffentliche ich Kollaborationen mit befreundeten Künstlern. Die erste war mit Your Silent Face aus Manchester, die zweite mit Tallmen 785, der in Berlin wohnt. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern möchte ich intensivieren. Aus gemeinsamen Sessions kann man als Künstler viel lernen, denn unter Umständen wird man vielleicht selber etwas betriebsblind.

Was hast du Dir dabei vorgenommen?

Michael Fiedler: Mit meinen zwei Plattenlabel habe ich mir die größtmögliche künstlerische Freiheit erarbeitet. Diese möchte ich in Zukunft noch stärker ausschöpfen.

Fiedel - Wax Treatment Podcast 047

Quelle: Soundcloud


Mehr dazu:



Was: Instinct w/ Fiedel (Ostgut Ton, Berlin)
Wann: Samstag, 04. Juni 2016, 23 Uhr
Wo: Crash
 
[Foto: Fiedel/Paul Krause]