U25 Freiburg

In dieser Ausbildung lernen Jugendliche, wie sie Gleichaltrige in Lebenskrisen begleiten können

Fabian Thomas

Seit 2002 gibt es die Mailberatung U25 Freiburg, bei der Menschen unter 25 Jahren in Lebenskrisen von Gleichaltrigen begleitet werden. fudder hat die aktuelle Ausbildungsrunde besucht.

In der Begrüßungsrunde der U25-Schulung herrscht noch eine ganz lockere Atmosphäre. Alle sollen ihren Schlüsselbund rausholen: Vom Riesenschlüsselbund mit neun verschiedenen Schlüsseln und zwei Anhängern bis zum minimalistischen Zweischlüsselbund ist alles dabei; jeder soll kurz die Geschichte zu seinem Schlüsselbund erzählen, es wird viel gelacht und man hat den Eindruck, dass es eine Gruppe ist, in der man sich wohl fühlen kann.


Dann erklärt Clara Nordfeld, Leiterin der U25-Schulung, worum es heute gehen wird: Um Angehörige von Menschen, die sich selbst getötet haben. Hierfür wird erst die Doku "Nichts ist mehr, wie es war" geschaut, danach gibt es einen Theorieinput von Clara und eine kleine Diskussion. U25 ist eine anonyme Mailberatung für Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, die Krisen oder Suizidgedanken haben. Das Besondere: Nur Gleichartige beraten, man nennt sie Peerberater. fudder hat eines der letzten Treffen der halbjährigen Peerberater-Ausbildung besucht.

Peerberater sind keine Therapeuten

In ihrer Ausbildung lernen die Peerberater erstens die Grundlagen psychischer Erkrankungen, damit sie sich beispielsweise in eine Person, die an Depressionen leidet, einfühlen können. Zweitens lernen sie die Methoden der Mailberatung. Sie sollen sich sicher fühlen, wenn sie junge Menschen in einer Krisenzeit begleiten. "Wir wollen aber keine kleinen Psychologen ausbilden", sagt Clara Nordfeld. Die Peerberater sind keine Therapeuten, sondern eher Begleiter: Sie bieten den Jugendlichen einen Raum zum Erzählen – und zwar auf Augenhöhe.
Auszug aus einer Beispielmail

Hallo liebes [U25] Team.

Ich habe im Moment eine Menge Probleme und habe mir daher gedacht, dass ich mal irgendwo eine Beratung der ähnlich aufsuche, weil ich einfach nicht mehr kann... Ich geh unter in meinen Problemen ich weiß einfach nicht mehr weiter... mein letzter Ausweg ist der Selbstmord... soweit ist es jedoch noch nicht gekommen und ich möchte es um ehrlich zu sein auch nicht aber wenn es so weiter geht dann seh ich mich dazu gezwungen, weil es einfach irgendwo einen Punkt gibt, an dem es dann einfach nicht mehr weiter geht... Also ich würde mich freuen wenn ihr euch ein bisschen Zeit für meine Probleme nehmen würdet. Danke MfG

U25 ist Teil des Arbeitskreis (AK) Leben Freiburg, der in den Siebzigern im Rahmen der antipsychiatrischen Bewegung entstand. Es ging um die Idee, dass Hilfe bei Depression nicht nur professionell sein muss, dass es auch helfen kann, wenn ein Laie einfach mal zuhört und mitfühlt. Damals inserierte ein englischer Pfarrer in einer Zeitung: Bevor Sie sich umbringen, rufen sie mich an. Auch der AK Leben bietet Menschen in Lebenskrisen Unterstützung, etwa durch Gespräche mit ehrenamtlichen Krisenbegleitern. 2002 gründeten die Mitarbeiter des AK Leben Freiburg die Mailberatung U25. So wollten sie unter 25-Jährige besser erreichen - diese weisen die höchste Suizidversuchrate auf. Als die ARD dann den Film "Hallo Jule, ich lebe noch" ausstrahlte, der die Arbeit der Peerbegleiter zeigte, konnte sich U25 nicht mehr vor Anfragen retten: 2012 waren es 2000, Kapazität gab es für 200.

Kontakt mit Menschen in schweren Lebenskrisen

Die gerade noch so lockere Gruppe wird still als der Film beginnt. "Nichts ist mehr, wie es war" erzählt die Geschichte von verschiedenen Familien, die jemanden durch Suizid verloren haben - einen Sohn, eine Tochter, eine Mutter. Die Angehörigen erzählen, wie ihnen die Nachricht überbracht wurde, wie sich ihre Angehörigen umgebracht haben, wie sie es anfangs nicht glauben konnten, und wie lange Trauer dauern kann. "Wir wären nie auf die Idee gekommen, er ist depressiv", sagt ein Vater über den Suizid seines Sohnes, auf seinem Gesicht ist immer noch unendliche Trauer. Eine andere Familie berichtet: "Wir saßen mit unserem Scherbenhaufen alleine da". Sie sagen, dass ihre Freunde nicht mehr wussten, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Manche hätten sich aus Scham sogar abgewandt.
Auszüge aus verschiedenen Mails

Mike, 13 Jahre:
"Ich habe einen Traum, dass meine Eltern wieder zusammen sind. (…) Meine Mutter hat einen neuen Partner. Er zerstört meinen Traum. Ich weine jede Nacht/Abend und halte es nicht mehr aus. (…) ohne meinen Traum kann ich nicht mehr leben."

Nina, 24 Jahre:
"Fühle mich furchtbar allein… Keiner ist da, niemand mit dem ich reden kann."

Anna, 15 Jahre:
"Ich hab Angst vor mir selber… ich wollt mich schon 4 mal umbringen…"

Michaela, 19 Jahre:
"Es ist wie wenn der Tod nach mir rufen würde. ich höre es ganz deutlich."

Tanja, 16 Jahre:
"… Ich habe solche Angst… Angst noch einmal eine Freundin auf diese Weise zu verlieren und nichts dagegen machen zu können!!!"

Die Schicksale, die der Film darstellt, machen klar: Die Peerberater von U25 kommen durch ihre Arbeit in Kontakt mit Menschen in schweren Lebenskrisen, ob durch den Suizid eines Angehörigen oder die eigene Depression. Im Film reden die Hinterbliebenen sehr offen über den Suizid ihrer Nächsten. Es sind Details, die einen Eindruck vermitteln über die Tiefe ihrer Trauer - und die hier nicht stehen sollen. Die Gruppe ist ganz ruhig, als der Film endet, ein Peerberater weint.

Ein Mitarbeiter liest die Mails mit

Die Ausbildung bei U25 ist auch introspektiv. Die Reflexion eigener Krisen kann eine wertvolle Ressource sein, um die Krisen anderer zu verstehen. Gleichzeitig sollen sich die Peerberater auch bewusst sein, welche Themen sie triggern können. "Die Peers sind nie alleine", sagt Clara Nordfeld. Am Anfang werde noch jede Mail der neuen Peerberater vor dem Abschicken gegengelesen, und auch später lese ein Mitarbeiter von U25 die Mails immer mit. Dazu kommen Fallbesprechungen in der Gruppe, die alle zwei Wochen stattfinden. Ob sie Angst hat, dass mal etwas schief geht? Nein, sagt Clara, jemand der sich mit dem Thema auseinandersetzt, müsse schon sehr viel falsch machen, um etwas zu schreiben, dass jemand in den Tod treiben könnte. Vielmehr erlebe sie, dass die Peers schnell ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie ihre Mails gut formulieren können.

Nach dem Film gibt es einen Theorieinput von Clara. Es geht um die verschiedenen Trauerphasen und die jeweiligen Aufgaben, die es in jeder Phase zu bewältigen gilt. "Bei einem Trauerprozess ist ganz, ganz viel ganz, ganz lange normal", sagt Clara. Zum Beispiel könne man nicht erwarten, dass die Trauer nach dem Suizid eines nahen Angehörigen nach zwei Jahren abgeschlossen ist. Für die Peers ist es eines der letzten Treffen, bevor ihre Arbeit als Mailberater beginnt. "Ich bin aufgeregt, aber ich freue mich auch", sagt eine von ihnen. "Die Ausbildung geht schnell vorbei", meint ein anderer. "Aber wir werden ja nicht alleingelassen."
U25 Freiburg

Bei der Mailberatung werden junge Menschen unter 25 von gleichaltrigen Ehrenamtlichen beraten, den sogenannten Peerberatern ("Peers"). Diese werden von professionellen, hauptamtlichen Mitarbeitern ausgebildet und regelmäßig fachlich begleitet. Jugendliche zwischen 16 und 25 aus Freiburg und der näheren Umgebung können eine Ausbildung zu ehrenamtlichen Krisenberatern mit dem Schwerpunkt Mailberatung machen. Die Ausbildung dauert sechs Monate und findet an sieben Nachmittagen plus drei Samstagen in der Talstraße 29 statt. Die Nächste Schulung beginnt im Herbst 2019




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