In der Spielhalle: Mein Freund, der Automat

Philip Hehn

Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Spielsalons in Baden-Württemberg um 70 Prozent zugenommen. Stadtverwaltung und Gemeinderat versuchen in Freiburg, diesen Boom durch die sogenannte Bordellkonzeption zu stoppen. Wie es eigentlich zugeht in diesen Spielhallen, haben wir bei einem Besuch beobachtet.



Die Spielhalle nimmt eine komplette Passage in Bahnhofsnähe in Anspruch. Sie ist düster und riecht nach altem und frischem Zigarettenrauch. Die Wände sind gesäumt von Automaten namens Novoline und Novostar, neben jedem Automaten steht ein Aschenbecher. Sofas gibt es auch. Die Kunden spielen, setzen sich, spielen wieder. Über einem der Automaten hängt ein Schild, das darauf hinweist, dass kein Erstattungsanspruch für durch Gewalteinwirkung auf den Automaten verlorene Einsätze bestehe. Die wenigen anwesenden Spieler sind teils alt, teils jung, meist männlich. Alkohol ist nicht erlaubt, Minderjährige müssen draußen bleiben. Es ist seltsam still hier.


Ich setze mich an einen Automaten und versuche, aus ihm schlau zu werden. Es scheint keine Anleitung zu geben. Und: Die Spielautomaten lassen dem Spieler die Auswahl aus dutzenden Spielen. Altägyptische Symbole, stilisierte Edelsteine, Zahlen, Tiere, Pokerkartensymbole ziehen je nachdem auf drei, vier, fünf Spalten auf dem Bildschirm vorbei. Die Spiele funktionieren aber, wie sich herausstellt, fast alle nach demselben, simplen Prinzip. Der Spieler legt seinen Einsatz fest, Minimum fünf Cent, und drückt auf Start. Der Automat generiert eine Kombination von Symbolen, die entweder einen Gewinn abwerfen oder nicht.



Wenn der Spieler eine Runde gewinnt, kann er den Gewinn, der ein von der angezeigten Symbolkombination abhängiges Vielfaches des Einsatzes ist, einstreichen oder riskieren. In diesem Fall drückt er einen der beiden Risikoknöpfe und kommt in ein Bonusspiel, in dem er raten muss, welche Farbe als nächstes angezeigt wird. Rot oder schwarz? Jedes Mal, wenn man richtig rät, verdoppelt sich der Einsatz, wenn man falsch rät, ist die Kohle weg. Wie gewonnen, so zerronnen. Man kann außer „Start“ auch Autostart drücken. Dann startet der Automat selbsttätig immer neue Runden, während man ihm zusieht. Viele Automaten laufen alleine, während die Spieler irgendwo herumlaufen oder -stehen.

An einem Automaten sitzt ein junger, untersetzter Mann mit kurzgeschorenen Haaren. Er trägt beige Cargohosen und ein dunkelgraues T-Shirt. Er hat ein Guthaben von zweihundert Euro auf seinem Automaten. Neben ihm steht ein älterer Mann. Ein Onkel? Ein Kollege? Während der junge Mann spielt, sieht der ältere zu. Gelegentlich wechselt er auf eines der herumstehenden Sofas, dann kommt er zurück und fragt, wie es laufe. Läuft es schlecht, brummt er und macht eine beruhigende „Wird schon“-Geste, läuft es gut, macht er eine „Na siehst du“-Geste. Sie reden kaum, es gibt nichts zu bereden. Man drückt den Knopf und schaut, was passiert.



Ich will an einen bestimmten Automaten, an dem man Roulette spielen kann. Er ist schon besetzt. Der zweite Rouletteautomat ist auch besetzt. Insgesamt sind sechs Automaten besetzt, aber niemand sitzt tatsächlich davor. Der Spieler, ein gut gekleideter, junger Mann, steht stattdessen mit verschränkten Armen in der Mitte des Raums und beaufsichtigt „seine“ Automaten. Die Automaten laufen, nun ja, automatisch und zählen sein Geld in kleinen Häppchen in die Tasche des Spielhallenbetreibers. Der Mann sieht zu.

Ich setze mich an einen anderen Automaten und spiele mit meinen letzten drei Euro Book of Ra. Ich setze fünf Cent. Start, Start, Start, monoton klopfe ich auf den Knopf. Ich gewinne zehn Cent, setze auf Risiko, gewinne. Zwanzig Cent. Ich wähle noch mal Risiko, verliere, ärgere mich. Weiter gehts. Es ist eigentlich entspannend. Nichts wird von mir erwartet und doch passiert etwas. Ich bin beschäftigt und ich habe, wider besseres Wissen, die vage Hoffnung, am Ende irgendwie zu gewinnen. Gelegentlich gewinne ich tatsächlich, aber wie ein vom Wind hochgewirbeltes Blatt komme ich am Ende doch unten an.

Während ich zusehe, zerfressen Zeit und statistische Wahrscheinlichkeit unaufhaltsam mein verbleibendes Guthaben. C’est la vie, ein Sinnbild der Vergänglichkeit. Ich wechsle zu Roulette, setze zwanzig Cent auf Schwarz, gewinne, setze vierzig auf Rot, gewinne, verteile die 80 Cent auf drei Zahlen, gewinne mit einer und habe meinen Einsatz von einem Euro auf vier Euro gesteigert. Was soll ich mit vier Euro? Wenn ich verliere, will ich den Verlust wettmachen, wenn ich gewinne, denke ich, dass es jetzt so weitergeht. Ich spiele weiter. Und endlich ist das Geld weg.



Nach zwei Stunden habe ich zehn Euro verbraten, setze mich raus in die Passage und esse eine Currywurst. Über mir läuft ein Fußballspiel im Fernsehen, hinter mir trinken zwei Gerüstbauer Jägermeister, unterhalten sich über Gerüstbefestigungssysteme im Wandel der Zeit und versuchen, die Bedienung, die halb so alt ist wie sie, zu einem Date zu überreden.

Einer der beiden hält drei Finger hoch und bestellt „fünf Bier für die Männer vom Sägewerk“ – ein alter Kalauer. Die Bedienung hat keine Zeit, muss immer arbeiten, stellt sich heraus. Heute bis Mitternacht, morgen früh ab sieben. Männer machen eh bloß Ärger, sagt sie. Dafür habe sie keine Zeit.

Im Internet fragen Menschen einander nach Tricks, tauschen Strategien aus, stellen Videos ins Netz, auf denen sie in vier Minuten zwei Euro in 400 verwandeln. Es ist schwer zu akzeptieren, dass die Automaten derart simpel sein sollen. Und die Vorstellung, keinerlei Kontrolle, keinen Einfluss auf den Ausgang des Spiels zu haben, ist unerfreulich. Es widerspricht auch auf emotionaler Ebene irgendwo der Lebenserfahrung – soll es hier wirklich keinen Trick, keine Hintertür geben? Kein Ausmaß an Bauernschläue kann mir helfen? Und so tauschen sie ihre todsicheren Rezepte, x Spiele bei 20 Cent, dann y bei 80, warten bis zum ersten Gewinn, dann wieder runter auf 60. Und so weiter.



Andere schwören, man könne am Geräusch beim Münzeinwurf erkennen, wann der Automat voll sei und Geld auswerfen müsse. Wieder andere bieten „Tricksammlungen“ für Geld an. Dazwischen geben Leute mit ihren monströsen Gewinnen und todsicheren Systemen an, andere erzählen von katastrophalen Verlusten und dem Vorsatz, jetzt aber wirklich aufzuhören. Genug für ein schönes Auto hat der eine verspielt, der andere Haus, Ehe und Freunde. Einige warnen die anderen, geben Tipps, wie man aufhören kann, raten, sich Limits zu setzen oder auf Sportwetten umzusteigen. Alles auf der Suche - wonach? Glück? Spaß? Schnellem Geld?

Knapp 30 Spielhallen gibt es zur Zeit in Freiburg. Momentan liegen der Stadtverwaltung fünf neue Bauanträge vor. Die Stadt wird versuchen, die Expansion der Daddelfreunde zu unterbinden.

[letztes Foto: dpa]

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