In der Hitze von Ihringen

Lisa Bannert

Mittag, die Kirchglocke schlägt zwölf Mal. Die Straßen sind leergefegt, die Luft flimmert, verschlossen sind die Fensterläden. 31 C° im Schatten. Kaum ein Geräusch ist zu hören. Das wird kein Western, sondern eine Reportage vom "wärmsten Ort Deutschlands": hot hot heat in Ihringen.



Die Webmaster der Gemeinde Ihringen werben mit dem Superlativ, "wärmster Ort Deutschlands" zu sein. Das wollten wir mal nachfühlen. Erster Eindruck: es lässt sich hier kaum ein Anzeichen von Leben erkennen.




Halt, war da nicht eine Bewegung im Hinterhof? Ich gehe da rein und lande beim Ehepaar Gugel, das die Wäsche im Hof aufhängt. Während Alice (72) die Wäsche über die Leine hängt, folgt Emil (auch 72) mit Wäscheklammern. Was machen diese Ihringer gegen die Hitze? „Na ja, in Deckung gehen“, sagt Emil Gugel. Ehefrau Alice ergänzt kichernd: „Unter die Bettdecke“.



Früher, als Kinder, erzählt Emil, sind sie in den Panzergraben vom Zweiten Weltkrieg schwimmen gegangen, nicht in den vor Ihringen, denn dahin wurde das Abwasser abgeleitet. Aber der mit Regenwasser gefüllte Panzergraben vor Merdingen war für die Kinder der Gemeinde einen Sprung ins Wasser wert. Schließlich gab es damals noch kein Freibad. Inzwischen sitzen wir in der Küche der Gugels. Das Abendessen wird hier bereits um 15.30 Uhr serviert (Mittagessen um 10.30 Uhr). „Alice, mach den Fernseher aus“, sagt Emil.

Der ehemalige Winzer erzählt, dass sich die Vegetation verändert hat und heute auch Exoten in den Reben zu finden sind, Feigen zum Beispiel. Es ist schön, der Mundart des gebürtigen Ihringers zu lauschen, auf der Eckbank in der kühlen, dunklen Küche. Die muss ich jetzt leider wieder verlassen.

Ich trete wieder in das gleißende Sonnenlicht.



Auf der Suche nach Abkühlung gehe ich zum Dorfbrunnen. Dort treffe ich Horst Müller (70), der Wasser aus dem Brunnen in seinen Anhänger lädt. „Für die Blumen daheim“, sagt Müller. „Hier ist das Wasser schließlich umsonst.“ Müllers Methode gegen Hitze: „Wenn es mir zu heiß ist, dann gehe ich heim zur Frau, die was Gutes kocht und die Rollläden runter macht.“



Von Horst erfahre ich auch, dass die heißeste Stelle nicht mitten in Ihringen liegt, sondern draußen in den Reben, wo auch die Temperatur gemessen wird: „Zwischen eins und vier geht da aber gar nichts, überhaupt kein Schatten.“



Früher sei er auch in den Brunnen gesprungen, sagt Müller. Die Ihringer Jugend geht heute lieber ins Freibad, oder wie Sarah (20) in den Niederrimsinger Baggersee. In den Ihringer See geht sie nicht mehr, da ist ihr schon eine Ratte begegnet. Sie erzählt: „Wenn ich woanders bin, wissen die Leute nichts von Ihringen als wärmsten Ort Deutschlands. Ich erzähl es denen dann immer.“ Sarahs Freund Bernd (29), bislang ortsfremd, mag den Sommer sowieso nicht, hat sich aber heute trotzdem im Rathaus als Ihringer gemeldet.



Allein die Hauptstraße erfreut sich relativer Geschäftigkeit: Autos und Fahrräder durchfahren den Ort; braungebrannte Männer um die 50 lenken mit freiem Oberkörper ihre Traktoren über den Asphalt.



In einem schattigen Hauseingang treffe ich auf Dirk und seinen Arbeitskollegen, die gerade ihre Vesperbrote kauen. Sie kommen nur zum Arbeiten nach Ihringen, da ihre Firma für Klima- und Wärmetechnik hier ansässig ist. „Man merkt schon, dass es hier wärmer ist als anderswo“, sagt Dirk und nimmt einen Schluck Wasser. Sein Kollege sagt: „Man schmeckts am Wein.“



13 Uhr, der Rathausplatz ist völlig ausgestorben. Ich gehe durch die schwüle Hitze. Nicht ein Hauch von Wind. Ich schwitze. Niemand ist unterwegs. Nach einer Viertelstunde kommt mir Nadja (49) entgegen, mit zwei großen Einkaufstüten in den Händen. Vorneweg springt ihre Enkelin Alina (4).

Auf die Hitze angesprochen, kann Nadja nur lachen: „Bei uns früher in Kasachstan war es im Sommer bis zu 40 C° heiß und im Winter bis -40° kalt. Nur: hier ist es schwüler“, sagt die pensionierte Angestellte. In Ihringen fühlt sie sich seit elf Jahren heimisch, in der Nähe wohnen auch ihre vier Enkelkinder. „Heute hat die Kleine auf den Kindergarten, wie sagt man, verzichtet? Um bei der Oma zu sein.“ Gegen die Hitze weiß Alina einen guten Rat: „Wasser bis hier hin“, sagt sie und zeigt auf ihren weißen Bauchnabel.



Rückweg nach Freiburg. Die Breisgau S-Bahn ist klimatisiert. Welch angenehmer Kontrast. Ich schaue, wie die 6000-Seelen-Gemeinde Ihringen an mir vorbeizieht und mir fällt ein, was Emil vorhin erzählt hat. Wenn er einen Brief schreibt, vergisst er nie, bei der Absenderadresse den stolzen Nebensatz „Ihringen, wärmster Ort Deutschlands“ hinzuzufügen. So wird die Kunde in die weite Welt hinausgetragen. Zumindest bis zur Bezirkssparkasse in Breisach.