Impressionen vom OB-Wahlkampf im Konzerthaus

850 Menschen sind gestern Abend ins Freiburger Konzerthaus gekommen, um sich ein Bild zu machen von den drei Kandidaten, die am 25. April Oberbürgermeister werden wollen. Wer konnte punkten, wer ließ Federn? Fünf Impressionen.



Flucht vor Beginn

In einer halben Stunde beginnt die Veranstaltung, die Türen wurden gerade geöffnet. Noch einmal Flagge zeigen und Flyer verteilen vor dem Eingang. Etwa tausend Leute werden sich hier durchschleusen. Alle drei Bewerber zeigen Präsenz: Ulrich von Kirchbach, Günter Rausch und Kommando Rhino. Nee, halt. Da stehen die dreirädrige Pizzavespa vom Rausch, ein mobiles Einrollplakat von von Kirchbach und gleich drei Transparente von Rhino. Von Salomon keine Spur. Der König muss am eigenen Hofe nicht betteln gehen.

Wenigstens ein Gangplatz, denke ich und lasse mich auf dem Sitz nieder. Von rechts pirscht sich gleichzeitig eine Frau mit Mann im Schlepptau heran. „Ach, da kennen wir ja doch jemanden!“ ruft sie mit überdrehter Stimme meinem Sitznachbarn zu, der direkt aufsteht. Eingekeilt lausche ich der Unterhaltung. Die Hände auf den Hüften gestützt, der Schal lässig um den Hals geschwungen, setzt die Frau sogleich eine ernstere Miene auf. Es geht ja um Politik. „Ja, der Rausch, den find ich ja ganz nett. Aber ob der das auch alles umsetzen kann?“ Die Stirn runzelt sich, man möchte ernst und interessiert wirken.



Rechts im Gang schlappt ein Fotograf vorbei. Er trägt Sandalen und Wollsocken. Fotografen scheinen nie damit zu rechnen, selbst vor die Linse zu kommen. Der Kollege einige Reihen vor mir wuchtet seine Fernsehkamera durch den Saal. Der Tonmann muss wie ein Hündchen an der Schnur folgen. Es ist fünf vor Acht. Ich beschließe, die Toiletten aufzusuchen und meinen Wahlkampfabend verfrüht zu beenden. Vielleicht möchte ich das Gefühl vermeiden, wie Homer Simpson dazusitzen, während in meinem Kopf ein Affe Einrad fährt. Es ist schwer, den Inhalt im oft Inhaltslosen zu finden.

[Dominik Schmidt]



Diverse Anliegen

Eine lebenswerte Stadt (Kirchbach), eine wunderbare Stadt (Rausch), eine fantastische Stadt (Salomon)! Der eine möchte zukunftsfähig arbeiten, der andere partizipativ, der Dritte vor allem nachhaltig. Der eine möchte gute Entscheidungen treffen und ein guter OB sein. Der andere will zuhören, wertschätzen und ernstnehmen. Der Dritte will vor allem nachhaltig sein. Der eine hat ganz viele Visionen. Der andere sucht die kurzen Wege, egal ob Amtsweg oder Verkehrsweg. Der Dritte hält es vor allem mit der Nachhaltigkeit.

Das Geklatsche, das Gejohle, das Gemeckere, das hämische Gelächter, das unentwegte Kopfschütteln – es kommt von vorhersehbarer Seite, an vorhersehbarer Stelle. Sie haben sich in ihren Grüppchen zusammengefunden. Vorne in den ersten Reihen.

Die engagierte Bürgerschaft kommt in der zweiten Hälfte des Abends zum Zuge. Es ist Fragestunde. Wie üblich versteht das nicht die ganz Bürgerschaft. Die, die es nicht verstehen, nutzen die Gelegenheit, Mikrofon und Aufmerksamkeit und halten selbst schnell eine Rede. Mit dabei ist Herr Schmidt, der sich bereits aktenfüllend um den Hochwasserschutz in St. Georgen sorgt, der Friedensaktivist, der im Gemeinderat gerne mehr über Atomwaffen diskutieren will und der Mann, der sich mehr Automobilkonzerne in der Stadt wünscht, damit auch die armen Kinder einen Arbeitsplatz finden.

[Claudia Kornmeier]

Emotionen

Der Saal ist voll. 850 Menschen lauschen den Ausführungen der drei OB-Kandidaten zu Mietpreisen, Verkehr und Nachhaltigkeit.

Einige Behauptungen quittieren die Zuhörer zwar mit Kopfschütteln, zu Protestrufen kommt es jedoch erst, als Salomon zu seiner Wahl auffordert, damit die Freiburger „auch weiterhin auf ihren Bürgermeister stolz sein können.“

Mit dem Einstieg in die Fragerunden steigt die Brisanz der Themen und die Deutlichkeit der Meinungsäußerungen: Ein Einzelkämpfer im Konfliktfeld Hochwasserschutz kann Buh-Rufe an den amtierenden OB provozieren, als er dessen Äußerung „Im Leben werde ich nicht mit Ihnen reden“ wiedergibt. Als der Geschmähte seinen Ankläger verlacht, lacht die Menge mit. Manche beklatschen das sogar noch.



Auch beim Thema Stadtbau kommen Emotionen auf: Als Günter Rausch feststellt, Wohnen sei Menschenrecht, ist die Zustimmung aus dem Saal deutlich zu hören. Als Dieter Salomon erklärt, die Mieter von ehemals städtischen Wohnungen, die infolge des Verkaufs an private Investoren vernachlässigt wurden, müssten sich gegen solche Zustände wehren, applaudiert nur noch der harte Kern seiner Anhängerschaft.

Am Ende bleibt der Eindruck, dieser Wahlkampf muss noch an Fahrt und Schärfe gewinnen, bis die Unterschiede zwischen den Kandidaten, sofern vorhanden, für die Wähler erkennbar werden.

[Felix Blaß]



Applausometer

Der Applausometer richtet sich nach dem Applaus während und nach den jeweiligen Vorstellungsreden der drei OB-Kandidaten:1 = Totenstille, 10 = tosender Applaus.

Der Ernste: Ulrich von Kirchbach setzt bei seiner Vorstellungsrede gezielte Beklatschungspausen, die manchmal zu stillen Pausen werden. Selbst, als er sein Hauptziel nennt – Freiburg solle eine „Null-Emissions-Stadt“ werden – bleibt der Applaus mager und nur in einzelnen Ecken des Konzertsaals wird geklatscht. Zwischendurch kassiert Kirchbach sogar Gelächter des Zweifels. Am Ende seiner Rede wird zwar geklatscht, doch es klingt nach einem Pflichtapplaus, der nur anhält, weil der Kandidat nicht vom Rednerpult weichen möchte. (4 Punkte)

Der Lässige: Günter Rausch ist der einzige der drei OB-Kandidaten ohne Krawatte. Das kommt an. Auch seine Rede klingt locker und enthält sogar einige Lacher. Der Applaus bleibt nicht aus, Rausch muss an mehreren Stellen sogar ungeplante Applauspausen setzen. Zum Schluss erntet Rausch großen Beifall, Jubel und frenetische Pfiffe. (8 Punkte)

Der Erfahrene: Vom amtierenden OB Dieter Salomon scheint das Auditorium mehr zu erwarten, schließlich macht er seinen Job schon seit acht Jahren. Das Publikum ist kritischer und der Applaus lässt daher eine Weile auf sich warten. Oder sind die Zuhörer einfach zu gebannt? Immerhin kann Salomon bereits Erfolge vorweisen. Schließlich wird  hier und da begeistert geklatscht.  Geräuschvoller Endapplaus, doch der große Jubel bleibt aus. (6 Punkte)

[Anna-Lena Zehendner]



Epilog: Mit Rausch im Grünhof

Günter Rausch ist ein großer und breitschultriger Mann, doch als er nach der offiziellen Vorstellung der OB-Kandidaten gestern Abend vor dem Konzerthaus steht und sich anhört, was der empörte Herr Müller (Name geändert) ihm zu den Verkehrsproblemen mit der B31 zu sagen hat, sieht man ihm an, dass er nach zwei Dutzend Vorstellungsrunden und den Fragen von hunderten Freiburger Wählerinnen und Wählern langsam ausgepowert ist.

Herr Müller spricht hastig ohne Pause auf ihn ein, so als ob er Angst hätte, unterbrochen zu werden, bevor er sein Gegenüber von seinen Ansichten und Anliegen restlos überzeugt hat. Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt, denn er hat das Publikum schon im großen Saal mit seinen Ausführungen genervt und der amtierende OB hat ihm ziemlich klar und wenig freundlich zu verstehen gegeben, was er von dem älteren Mann hält, dem er nun schon zum dritten Mal antworten muss.



Auch der „Sozialmanager“ Günter Rausch weiß natürlich, dass er es mit einem Querulanten zu tun hat, aber er darf sich Salomons Ungeduld nicht leisten, denn er ist der Kandidat aller Freiburger, auch und gerade der Schwachen, das ist sein Anspruch, dem muss er gerecht werden, er muss stark bleiben. Trotzdem ist er dankbar, als ihn ein paar Freunde wegziehen und ihn mit in den Grünhof nehmen, wo der harte Kern der Wählerinitiative WiR („Wechsel im Rathaus“) auf ihn wartet und Günter applaudiert.



Die aneinandergestellten Tische in der Mitte des Raumes erinnern ein bisschen an eine berühmte Abendmahlszene. Dort an den Fenstern sitzen die anderen, die „Salomon-Grünen“ ebenfalls an einer langen Tafel, aber ihr Kandidat fehlt. Rausch wechselt mehrmals den Platz, freut sich über Lob, freut sich über eine Applaus-Statistik, in der er laut eigenem Lager führt, holt sich Rat bei den Genossinnen und Genossen von der Linken, ärgert sich mit Stadtbau-Mietern über den Gegner und dessen angebliche Unterstützung durch den Herausgeber der örtlichen Presse: „Jetzt schreiben die den Salomon auch noch zum Protestanten!“ Echte Entspannung bringt auch das dunkle Weizen nicht, aber das „WiR“-Gefühl scheint wieder da zu sein.

[Robert]

[Fotos: alle Autoren sowie Ingo Schneider]

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