Impire: Datensammler am Fußballplatz

Till Neumann

Poldi lauffaul, Lell sprintstark, Schuster ausdauernd. Solche und unzählige weitere Erkenntnisse lassen sich aus Daten gewinnen, die seit dieser Saison die Münchner Firma Impire an Bundesligaclubs und Medien vertreibt. Zur Datenerfassung sind deren Mitarbeiter bei den Bundesligaspielen dabei – so wie Börries Greifeld bei den Partien des SC Freiburg.



Als Anfang Oktober Johannes Flum im Badenova-Stadion die 1:0-Führung des SC Freiburg gegen Borussia Mönchengladbach erzielt, jubeln Tausende Fans frenetisch. Nicht so Börries Greifeld. Der 26-Jährige sitzt am oberen Rand der Haupttribüne und verfolgt das Spiel konzentriert auf zwei Bildschirmen. Seine Hände arbeiten flink mit Maus und Tastatur. Neben ihm sitzen zwei weitere sogenannte Operatoren, die Spiel- und Spielerdaten erfassen. Alle drei studieren in Freiburg und arbeiten nebenbei für Impire.


Einer der drei Operatoren verfolgt die Beschleunigungen des Balls, die anderen beiden kümmern sich um die Laufwege der Mannschaften. Greifeld ist für die Heimmannschaft zuständig, also den SC. Vor dem Spiel hat er auf seinem Monitor jedem Spieler des Sportclubs eine Nummer und eine Markierung zugewiesen. Die mit zwei Kameras am Stadiondach verbundene Software kann somit alle Laufwege der Fußballer verfolgen. Greifeld muss dabei helfen: „Wenn die Spieler sich kreuzen oder bei einer Ecke dicht zusammen stehen, kann die Kamera nicht mehr zwischen ihnen unterscheiden. Dann muss ich die Spieler neu zuordnen.“

Wie schwierig das ist, zeigt sich nach Flums Tor. Zum Jubeln bildet sich eine Spielertraube auf dem grünen Rasen. Blitzschnell muss Börries die Spieler voneinander unterscheiden und die Markierungen neu zuordnen. Für Ungeübte sind die auf dem Monitor winzigen Spieler kaum zu unterscheiden.

Auch Greifeld, der gegen Gladbach zum fünften Mal für Impire im Einsatz ist, schafft es nicht immer, alle Spieler auf dem Monitor zu erkennen. Ist er sich unsicher, erhebt er sich kurz aus seinem Stuhl und schaut über den Monitor runter auf den Rasen. Die Spieler sind dort deutlich größer und somit leichter zu erkennen. Nur Bruchteile später ist sein Blick wieder auf dem Bildschirm, sein Hände auf Maus und Tastatur. „Putsila, Krmas, Abdessadki, die Markierungen stimmen wieder.“

Außer den drei Operatoren ist noch ein weiterer Impire-Mitarbeiter im Stadion. Der sogenannte Speaker sitzt mit einem Headset auf der Tribüne und übermittelt telefonisch die Aktionen auf dem Rasen. Er sagt zum Beispiel: „Makiadi, Pass auf Schuster, Schuster Sprint auf Außenbahn, Flanke auf Cissé, Kopfball, Tor.“

Auf die Daten können Vereine und Medien zugreifen

Angenommen werden die Infos von einem Impire-Mitarbeiter in der Firmenzentrale in München. Der sogenannte Writer speist die erhaltenen Informationen ins System. Zwei weitere Mitarbeiter in der Zentrale ergänzen sie mit zusätzlichen Details. Sprechen kann Börries während seines Jobs nur wenig. Das Risiko, abgelenkt zu werden, ist zu groß. Nur manchmal, in ruhigen Spielphasen, ist Zeit für eine kurze Bemerkung zum Spiel, oder eine Frage zur Software, die Börries noch nicht ganz beherrscht.

Für Antworten und Tipps steht Malte Hofmann zur Verfügung. Er begleitet als Teamleiter die drei Operatoren und stellt sicher, dass alles rund läuft. „Für den Job braucht man eine gewisse Fußball- und Computeraffinität. Die Jungs sind noch in der Lernphase. Wenn sie in ein paar Wochen die Software beherrschen, bin ich nicht mehr dabei“, erklärt Hofmann.

Börries Greifeld ist über die Jobbörse des Freiburger Studentenwerks auf die Stelle aufmerksam geworden. Er hat sich beworben und einen Aufnahmetest in Karlsruhe bestanden, bei dem Fußballwissen und PC-Affinität getestet wurden.

Die von Impire erfassten Daten liegen für die Vereine und Medien in Echtzeit vor. Gewonnene Zweikämpfe, Passquoten, Fouls, Torschüsse und Laufwege sind nur einige der ermittelten Statistiken. In der Halbzeitpause hätte SC-Trainer Marcus Sorg beispielsweise erfahren können, dass Julian Schuster in den ersten 45 Minuten bereits 6,65 Kilometer gerannt war.

Dass nicht nur Vereine, sondern auch Medien Zugriff auf alle Daten haben, ist neu und passt nicht jedem. Nachdem am ersten Spieltag Lukas Podolski in den Medien als lauffaulster Spieler gebrandmarkt worden war, forderten Vereinsvertreter den Stopp der Datenveröffentlichung. Kurze Zeit später akzeptierten jedoch alle Vereine den Medienzugriff. Sie mahnten aber einen vernünftigen Umgang mit den Statistiken an. Das fordert auch Patrick Baier, Co-Trainer des SC Freiburg. „Wir nutzen die Daten vor allem im Athletikbereich. Ich lasse mir aber von keiner Statistik die eigene Analyse ersetzen.“ Ob ein Spieler seinen Job gut gemacht habe, könne man nicht allein an Zahlen festmachen.

Auch Greifeld hat seine Meinung zum Zahlenkrimi: „Die Daten müssen vernünftig eingesetzt werden, sie aus dem Kontext zu reißen ist falsch.“ Er weist aber auch darauf hin, dass Podolski mit Kritik umgehen müsse, er sei ja schließlich Profi. Um selbst professionell zu arbeiten, bereitet sich Greifeld auf jedes Spiel vor. „Ich informiere mich im Vorfeld über die Mannschaft: Wer ist in Form, wer ist in der Startelf und so weiter.“

Trotz der Vorbereitung steht ihm während des Spiels die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Erst nach dem Abpfiff entspannen sich seine Züge. Dann wird auch mal mit den Kollegen gescherzt. Immerhin hat der SC  1:0 gewonnen, das freut die drei Freiburger Studenten. Den Glücksfaktor nach dem Sieg, den misst kein System der Welt – auch nicht Impire.

Für iPhone-Nutzer

Die Impire-App bietet für 70 Cent Echtzeit Zugang zu Spieldaten.

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