Kommentar

Immer mehr Studienabbrecher: Es fehlt an Eigenständigkeit

Wulf Rüskamp

Eine Umfrage zum Studienabbruch zeigt: Viele Abiturienten sind nicht auf die Hochschule vorbereitet. Sie kommen wenig mit anderen Studierenden ins Gespräch und scheuen den Kontakt mit Dozenten.

Ein Ziel hat die Bologna-Reform, die alle Hochschulabschlüsse auf Bachelor und Master umstellte, verfehlt: Die Zahl der Studienabbrecher signifikant zu senken. Mit Ausnahme Baden-Württemberg ist das nicht gelungen. Dass jeder dritte Student aufgibt, liegt indes nicht an der persönliche finanzielle Lage und auch nicht an Strukturfragen. Die jungen Leute sind vielmehr unzureichend aufs Studium vorbereitet.


Freiheit und Einsamkeit: Unter diese beiden Begriffe hatte der Soziologe Helmut Schelsky Anfang der 60er Jahre die Universität gestellt – darin Wilhelm von Humboldt folgend. Beides auszuhalten, fällt ganz offensichtlich schwer. Deshalb stehen die beiden Begriffe im Hintergrund von vielem, was Studienabbrecher als Problem benennen. Die Befragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung hat diese Motivationen in vorbildlicher Weise aufgelistet – und damit erstmals ein Profil der Studienabbrecher entworfen, das einfachen Schuldzuweisungen in Richtung Hochschulen nicht mehr erlaubt.

"Erstis" – eine nicht von ungefähr infantilisierende Sprache

Diese haben im vergangenen Jahrzehnt immer mehr Aufwand getrieben, um den Abiturienten den Übergang zu erleichtern – mit Brückenkursen, wo die schulischen Kenntnisse nicht ausreichten, mit Einführungswochen, damit sich die "Erstis", wie sie in einer nicht von ungefähr infantilisierenden Sprache genannt werden, einander kennenlernen können.

Doch die Untersuchung zeigt, dass die späteren Studienabbrecher öfter als ihre erfolgreicheren Kommilitonen diese Hilfsangebote gar nicht wahrnehmen. Sie kommen zudem weniger mit anderen Studenten ins Gespräch, scheuen den Kontakt mit Professoren und anderen Dozenten. Dazu passt, dass sie sich noch zu Schulzeiten weniger darüber informiert haben, was sie studieren wollen oder was während eines Studiums an Herausforderungen auf sie zukommt. Wie viele Dozenten an den Hochschulen beklagen, agieren die Studenten eher passiv, sie nehmen am Lehrgespräch nicht teil.

Das nötige Selbstvertrauen fehlt

Deshalb bieten ihre hauptsächlichen Begründungen für den Studienabbruch, man sei den Anforderungen des Studiums nicht gewachsen oder es fehle einem die Motivation, nur die Außenansicht. Denn in solche Situationen gerät, wem das nötige Selbstvertrauen und die Eigeninitiative fehlen.
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Offenkundig sind solche jungen Leute durch Schule und Elternhaus zu wenig vorbereitet auf ein Studium – oder dank achtjährigem Gymnasium einfach zu jung. Die Einsamkeit und Freiheit an der Hochschule erfordert Persönlichkeiten, die eigenständig neues Wissen erarbeiten und die ihren Lernalltag selbst organisieren können. Hochschulen können dabei helfen – aber es kann nicht ihre Aufgabe sein, junge Erwachsenen an die Hand zu nehmen und durchs Studium zu führen. Vielmehr müssen sie dies in eigener Verantwortung gestalten. Oder sie scheitern.