"Im Wandel der Zeit": Schüler des Friedrich-Gymnasiums haben eine Doku über ihre Schule gedreht

Sara Feickert

Tagtäglich bewegen sich die Schüler des Friedrich-Gymnasiums in einem Gebäude, das über hundert Jahre alt ist - oft, ohne zu wissen, welche Geschichten seine Mauern zu erzählen haben. FG-Lehrer Gregor Delvaux de Fenffe ist diesen Geschichten jetzt nachgegangen und hat gemeinsam mit zwölf Schülern den Dokumentarfilm "Im Wandel der Zeit" gedreht. Wir haben ihn gefragt, ob Schulgeschichte nicht langweilig ist und was die größten Herausforderungen waren.



Schulgeschichte: Das klingt erst mal langweilig ...

Gregor Delvaux de Fenffe (auf dem Foto ganz rechts): Erst mal sehr richtig! In eigenen Nachforschungen habe ich die Geschichte unserer Schule für mich entdeckt und beschlossen, daraus einen Seminarkurs zu gestalten. Zu Beginn waren die Schüler von dem Thema nicht angetan. Auf den zweiten Blick hat es sie aber enorm fasziniert, da es genuin mit ihnen zu tun hat. Sie als Experten für diese Schule, die sie tagtäglich besuchen, erlebten einen Aha-Effekt, als sie die große Tiefe der Geschichte wahrnahmen, die sie ständig umgibt.

Gehen wir noch mal einen Schritt zurück: Warum betreibt man Schulgeschichte?

Um zu entdecken, dass die Schule nicht nur die vergangenen fünf Jahre existiert hat, sondern mehrere Jahrzehnte, über ein ganzes Jahrhundert. Man macht so etwas auch, weil es sehr spannend ist, sich mit diesem Gebäude, mit dem man sich als Schüler identifiziert, auseinanderzusetzen. Zu hinterfragen, was die Mauern, in denen man sich bewegt, schon alles gesehen haben.

Das Gebäude ist wie ein Seismograf für die deutsche Geschichte. Es hat alle Brüche und Epochen gesehen. Die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, der Nationalsozialismus, die Bundesrepublik haben das Gebäude und die Menschen drumherum geprägt. Gleichzeitig ist es aber auch ein Projekt, das den Schülern sehr viel abverlangt hat und noch mehr zurückgeben konnte. Das Projekt geht weit über den normalen Unterricht hinaus und hat sich im Laufe der Zeit verselbstständigt. Irgendwann konnten die Schüler mir etwas beibringen und nicht mehr umgekehrt.

Gab es für Sie als Geschichtslehrer da noch überraschende Entdeckungen?

Das Faszinierende für mich als Historiker war, dass wir nicht in einem Selbstbedienungsladen gearbeitet haben. Zwar hatten wir durch die Kooperation mit dem Stadtarchiv Freiburg einen Grundstock an Dokumenten, mussten aber trotzdem auf viele Menschen zugehen. Es wurden Szenen nachgestellt, Zeitzeugen gesucht und befragt. Besonders berührt hat mich Film- und Bildmaterial, das in ganz andere Zeiten zurückreicht. Ein Zeitzeuge hatte ein Bild der jungen Flakhelfergeneration aufbewahrt. Uniformierte Jungs, die zu dieser letzten Aufnahme im Schulhof zusammenkommen, freudestrahlend, nichts ahnend von dem, was da auf sie zukommt.



Was war die größte Herausforderung bei dem Projekt?

Die Infrastruktur für den Film zu stellen, also die Technik und Materialien, mit denen man arbeiten kann. Desweiteren, ein Handwerk zu unterrichten, zu zeigen, wie man so einen Film macht. Letztendlich aber auch, die Schüler Woche für Woche zu motivieren, an diesem Projekt weiterzuarbeiten. Sich immer wieder Neuem zu stellen.

Die zweite Herausforderung war, die Prokrastination zu bewältigen. Es war erforderlich, von Anfang an konstant mitzuarbeiten. Eine weitere Hürde war es, Geschichten hinter der Geschichte zu entdecken. Selbstständig ein Thema zu finden, mit dem man sich identifizieren kann. Protagonisten und das Material ausfindig zu machen und dann am Schluss das Zusammenfügen zu einem großen Ganzen. Eine Dramaturgie zu entwickeln, wie sie entstanden ist.

Klingt, als wäre das Lernziel erreicht worden. Wie benotet man ein so hart erarbeitetes Projekt?

Das Ziel wurde tatsächlich erreicht. Die Schüler haben automatisch damit angefangen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen - und das aus purem Eigeninteresse. Dieses Eigeninteresse ist dafür verantwortlich, dass fast alle Projekte richtig gut wurden. In den Prüfungen konnten die Schüler dann aus einer enormen Tiefe schöpfen.

Mir als Historiker hat es unheimlich Spaß gemacht, zu sehen, wie aus einer erwachsenen Haltung heraus angefangen wurde, den Prüfungsinhalt zu reflektieren und zu problematisieren. Als Lehrer ist man glücklich, wenn man merkt, dass ein Angebot wahrgenommen und umgesetzt wird und der Schüler dabei Erfolg hat. Denn die Intensität und Begeisterung, mit der die Schüler an diesem Projekt gearbeitet haben, war maßgeblich für die Note, die am Ende dabei herauskam.

Welche drei zentralen Dinge können die Schüler mitnehmen für die Zukunft?

Ganz grundlegende Fähigkeiten, die mit dem Projekt gar nicht mehr in direktem Zusammenhang stehen, sondern nur den Schüler direkt betreffen.

An erster Stelle ist das Mut. Der Mut, etwas unkonventionelles zu wagen, sich in kaltes Wasser zu begeben und zu schwimmen. Keine 50 Gründe zu finden, warum etwas nicht geht oder schiefgehen könnte.

Dann: Das Gefühl, fähig zu sein, sich etwas zu erarbeiten. Bei Null anzufangen und am Ende ein fertiges Werk in der Hand zu halten.

Der letzte Punkt ist die Teamarbeit - für mich am faszinierendsten. Die Schüler haben angefangen, sich gegenseitig zu helfen, die Projekte untereinander zu bewerten. Es hat sich ein richtiger Teamgeist entwickelt, es wurde wie in einem Redaktionsbüro gearbeitet.

Zum Projekt

"Im Wandel der Zeit", der Dokumentarfilm über die Geschichte des Friedrich-Gymnasiums Freiburg, ist eine Produktion des Seminarkurses "Geschichte im Film - mediale Konstruktion von Geschichte" der Kursstufe 1, 2012-2013, Friedrich-Gymnasium Freiburg.

Unterstützt wurde das Projekt vom Bürgerverein Herdern und gefördert mit Mitteln der Jugendstiftung Baden-Württemberg und des Vereins der Freunde des Friedrich-Gymnasiums. Der Eintritt zu den Vorstellungen ist frei.

Im Wandel der Zeit - Trailer

Quelle: Vimeo

Im Wandel der Zeit - Behind the Scenes

Quelle: Vimeo


Mehr dazu:

Was: Filmvorführung "Im Wandel der Zeit"
Wann: Freitag, 20. und Samstag, 21. September 2013, 19 Uhr
Wo: Aula des Friedrich-Gymnasiums
Eintritt: frei - um Spenden wird gebeten
FSK: ab 14