Im virtuellen Buchclub

Hanna Teepe

Bücher gibt es längst nicht mehr nur auf Papier, sondern auch auf Bildschirmen jeder Art. Gleichzeitig nimmt auch die Art, sich über Bücher zu unterhalten, neue Formen an. Literaturportale sind zwar nicht die neueste Erfindung im Web, aber ihre Beliebtheit nimmt zu. Was bieten diese Portale – und was macht sie für Leser so attraktiv?



Wenn Melanie Richter ein Buch zu Ende gelesen hat, stellt sie es in zwei Bücherregale. In ihr reales im Wohnzimmer und in ihr virtuelles Bücherregal auf buechereule.de. Die 41-Jährige aus dem Münstertal arbeitet im  Arbeitsrecht und ist lesebegeistert: „Ich lese viel Verschiedenes, im Moment ein bisschen leichtere Kost.“ Sie zeigt auf einen Fantasy-Roman, der aus ihrer Tasche herausschaut. Ein Buch in der Handtasche ist für sie ein Muss.


Buechereule.de ist momentan Melanies Lieblingsliteraturportal, ein verhältnismäßig einfaches und kleines Netzangebot, selbstorganisiert und ohne Verbindung zu einem Verlag.  Davor war Melanie auf lovelybooks.de aktiv. Dort ist  sie seit Mai 2010 registriert und hat seitdem mehr als  600 Bücher in ihr virtuelles Regal gestellt und etwa 50 Rezensionen geschrieben. Auf buechereule.de fühlt sie sich inzwischen aber sehr viel wohler.

Es gibt im Netz viele Websiten, auf denen Menschen sich über Bücher unterhalten. Neben lovelybooks.de und buechereule.de gibt es unter anderem goodreads.com, shelfari.com, librarything.com, bookrix.de oder genre-spezifische Angebote wie krimi-couch.de. Das beliebte deutsche Portal setzt einen deutlichen Schwerpunkt, wie der Name verrät: Krimis. 2009 erhielt krimi-couch.de den Grimme-Online-Award in der Kategorie „Kultur und Unterhaltung“.  Neben der Krimi-Couch gibt es noch sechs andere „Couches“ wie die Belletristik- oder Histo-Couch.

Die Gestaltung der jeweiligen Portale unterscheidet sich in ihrer Aufwändigkeit. Viele kooperieren mit Verlagen oder Online-Buchhändlern und sind mit diesen verlinkt. Die Grundfunktionen sind aber auf allen Büchernetzwerken ähnlich.

Als Leser kann man  gelesene Bücher in sein virtuelles Bücherregal stellen, also öffentlich dokumentieren, was man gelesen hat. Außerdem kann man Bewertungen abgeben und Rezensionen schreiben und somit Empfehlungen für andere Leser geben. Hat man eine bestimmte Anzahl an Büchern angegeben, die man bereits gelesen hat und die einem gefallen, erhält man eine aus einem Algorithmus berechnete  Empfehlung.

Außerdem bieten die Leseportale die Möglichkeit, sich mit anderen über Bücher auszutauschen und somit Menschen zu finden, die gleiche oder ähnliche Interessen haben. Melanie Richter nutzt buechereule.de vor allem, um sich mit anderen Leuten über Bücher zu unterhalten und Rezensionen zu schreiben. Einen Lesetreff im herkömmlichen, realen Sinne könnte sie sich nicht vorstellen, das Online-Angebot erscheint ihr da viel flexibler. „In unserem schnelllebigen Rhythmus fehlt mir einfach die Zeit, einen Offline-Lesetreff zu besuchen“, sagt Melanie. Zudem sei  der Kontakt über den Bildschirm ganz anders. „Möglicherweise bin ich voreingenommen, wenn ich jemandem persönlich gegenüber sitze. Kenne ich ihn aber  über das Portal und sehe nur, was er schreibt, fehlt mir sein Gesicht. Hier gilt dann die Macht der Worte.“

Mit ihrer Liebe zum virtuellen Buchclub ist Melanie nicht allein: die Literaturportale boomen. So sind auf lovelybooks.de laut Betreiber mehr als 50.000 Mitglieder registriert, mehr als  420.000 Mal wird die Seite pro Monat besucht. Das weltweit erfolgreichste Portal ist goodreads.com. Dort sind 6,5 Millionen Menschen registriert, jährlich verzeichnet die Seite etwa 100 Millionen Besuche. Deutschland zählt für das englischsprachige Angebot zu den wichtigsten europäischen Märkten.

Und nicht nur für Leser sind die Angebote attraktiv: auch Autoren schätzen die Lesenetzwerke. Nils Mohl (40) aus Hamburg ist ein sehr aktiver  Autor bei lovelybooks.de, vor allem im Bereich der Leserunde, in der Nutzer die Bücher mit Autoren und Übersetzern diskutieren können. „Mich hat interessiert, was passiert, wenn ich mich direkt mit Lesern austausche“, sagt er.  Ein möglicher Werbeeffekt für seine Bücher sei eher nebensächlich. „Letztendlich muss mein Text im Mittelpunkt stehen. Und das war auf lovelybooks.de der Fall“, sagt Mohl. „Das hat mir Spaß gemacht.“ Der Rowohlt-Verlag, in dem seine Bücher erscheinen, unterstützt seine Autoren in ihren Internetaktivitäten, zwingt sie aber nicht zur Online-Präsenz – schließlich fühle sich nicht jeder wohl im Netz.

Zur Abschaffung von Offline-Lesegruppen hat das Internet aber noch nicht geführt. So veranstaltet die Freiburger Buchhandlung  Schwanhäuser seit drei Jahren einen Literaturkreis, der im zweimonatigen Rhythmus stattfindet.

„Die Idee kam von der Büchergilde Gutenberg in Freiburg“, sagt Buchhändlerin Julia Weiss. „Wir lesen im Wechsel einen klassischen und einen zeitgenössischen Roman.  Der Literaturkreis kommt inzwischen richtig gut an.“ Das Publikum ist gemischt, jedoch überwiegt die ältere Generation, und es besuchen mehr Frauen als Männer den Literaturkreis.

Buchereule.de will eine Brücke zwischen online und offline schlagen: Zweimal im Jahr organisiert das Portal ein Wochenend-Treffen, zu dem zwischen 80 und 200 Mitglieder kommen. Auch Melanie war schon dabei. „Das Treffen war toll“, sagt sie. „Hier kann man sich miteinander austauschen und Lesungen oder Fragestunden von Autoren besuchen. Auch Newcomer bekommen hier die Chance, ihre eigenen Werke zu präsentieren.“

Virtuelle Literaturportale:

 
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