Im Trüben gefischt

Dirk Philippi

Es ist toll, wenn man für den prallen Hintern, die blauen Augen oder das kreative Geschenk, das man machte, gelobt wird. Nichts aber geht über Komplimente, die einen unvorbereitet treffen. Wenn einem die schöne Unbekannte in der Straßenbahn zuzwinkert zum Beispiel. Vorbereitete Komplimente dagegen sind eines der letzten großen Mysterien der Frauen-Männer-Geschichte. Eine Anekdote über passend unpassende Worte.



Wie ich mich neulich morgens so nonchalant an meine Küchenfußbodenkacheln kuschle, Rosamunde Pilchers „Irrwege des Herzens“ verschlinge und versuche meine Spucke beim Umkreisen einer Mund-zu-Mund-Umlaufbahn wieder aufzufangen, in all der duften Aufgeregtheit meines hübschen Lebens also, da höre ich erneut die Stimme, die meine Rede in der vergangenen Nacht so liebreizend erwiderte : „Was für ein Scheißspruch, Du Vollidiot!“ - Mit Mühe erhebe ich mich aus dem durchgefläzten Sperrmüllsofa, lege Bukowskis „Kaputt in Hollywood“ weg und eile zum Wasserhahn, um meine trockene Kehle zu ölen.


Wir waren nach einigen Vermouth haltigen Aufstellern in der „Bar 54“ und einer fetten Currywurst im „Grill am Ring“ noch in einem Kölner Club gestrandet, dessen Namen ich vergessen habe. Wir tranken und tanzten und schon früh fielen meine hungernden Augen auf ein Mädchen, deren Namen ich gar nicht erst kennen lernen sollte. Ich saß, falsch, ich stand und sie saß, und allein ihr Sitzen raubte mir den Verstand. Wobei – sie saß nicht einfach nur dort vor der Theke, sie thronte viel mehr auf dem Barhocker und erinnerte mich an Anna Pawlowa in ihrer Rolle der Odette im Schwanensee. Rundherum war hysterisches Massenbaggern angesagt und spärlich bekleidete Bauchnabel-Ikonen tanzten und balzten den lüsternen Jägern vor die Flinte. Ich stand nur wie angewurzelt da und Marc stieß mich in die Seite: „Quatsch sie an, los!“



Ein toller Tipp, ehrlich. „Und wie bitteschön?“, fragte ich ihn. „Scheißegal, reiß´ irgendeinen Spruch, Hauptsache Du machst ihr ein Kompliment!“ – Ein Kompliment also. – Kein Mädchen braucht Komplimente, aber Mädchen lieben Komplimente. Das sollte man wissen und das wusste ich. Genauso aber muss man wissen, dass nicht jedes Kompliment gleich als solches erkannt wird. Im besten Fall ist ein Kompliment ganz nah dran an einer Liebeserklärung. Dann, wenn es vor allen Dingen sehr viel mit der Person zu tun hat, an die es gerichtet ist, wenn nicht sogar alles. Doch wenn es nur so einfach wäre.

Ich habe viel über Komplimente gelernt, seitdem ich merkte, dass Mädchen mehr sein können als blöde Opfer beim Räuber und Gendarm, und ich sie nicht mehr nur mit unflätigsten Schmähtiraden bewarf. Wenn ich zum Beispiel meiner geflohenen Ex im Supermarkt ihren Lieblingsjoghurt in den Einkaufswagen legte, ging das schon als Kompliment durch. Vieles anderes aber wird schlicht nicht als schmeichelnde Äußerung akzeptiert. Einer geküssten Frau „Du bist schön“ zu sagen ist zum Beispiel total bekloppt, weil ja jede geküsste Frau schön ist. Was meist auch voll in die Hose ging, sind Komplimente, die als Angel ausgeworfen wurden. Etwa: „Du hast so zarte Hände – schau mal dagegen meine Wurstfinger.“



Nun in der Theorie war ich also – wie ich denke – ganz fit, aber als ich vor der Elfe stand, brachte ich keinen Ton raus. Ich starrte sie an und wartete vergebens auf irgendeine Vorlage. Eine Flanke, die ich in Hrubesch-Manier nur hätte vollstrecken brauchen, einen Kaltz´schen Augenaufschlag vielleicht. Manchmal denke ich, dass es vollkommen egal ist, was man sagt, sondern dass es nur auf den richtigen Zeitpunkt ankommt. Selbst wenig Originelles wie „Toller Busen“ kann im richtigen Augenblick Funken schlagen. Aber woher sollen wir das Timing nehmen? Mädchen geben in jungen Jahren seltenst Komplimente. Die suchen sich einen aus, schreiben ihn mit Herzchen in ihr Poesiealbum und das war’s dann auch. Es erinnert mich an die alte Vorspiel-Diskussion: Früher war alles, was Jungs wollten, ein wenig Fummeln, mal die Hand unter den Pulli schieben oder nackte Hinternhaut betatschen. Klar, damals war das ausgeschlossen, es hagelte Ohrfeigen und heute wundern sich die gleichen Frauen dann, wenn Jungs das Vorspiel gleich ganz weglassen.



Und so kam natürlich auch damals keine Vorlage und es war an mir, nun die passenden Worte zu finden und zu vollstrecken. Ja, Vollstrecken. Frauen verzeihen es nie, wenn man vorbeischießt! „Deine Haare glänzen so wunderbar“ – Schwachsinn, das wissen sie selbst, dafür waschen sie sie ja auch jeden Tag. „Hey, ich hab mich gerade in Deine Grübchen verliebt“ – Oh nein, niemals etwas Nettes über Dinge sagen, die vom gängigen Schönheitsideal abweichen, das MUSS schief gehen. „Kannst Du nochmal lachen bitte, ich sehe sonst hier im Dunkeln nichts“ – schon besser, aber auch nichts weiter als ein blöder Spruch.

Also was jetzt? Ich stand schon in Beinahe-Nötigungsabstand vor ihr, während sie noch stolz auf dem Hocker thronte, und da entfuhr es mir – einfach so: „Entschuldige, aber Du sitzt so unglaublich gerade!“ - - - Pause - - - Das habe ich jetzt nicht wirklich gesagt? - - - Sie blickte durch mich hindurch und - - - Reaktion siehe oben - - - Den „Vollidiot“ hörte ich nur noch aus der Ferne und ich eilte zum Jungenklo, um mein Selbstvertrauen in die Kanalisation zu spülen. Dabei war es doch wirklich als Kompliment gedacht. Ich mag Frauen mit Haltung und ich steh ja auch total auf Ballerinas. Also ich meinte das wirklich lieb, aber das scherte nun natürlich keinen mehr – sie am allerwenigsten.



Als ich zurückkam und den Ausgang anpeilte, sah ich Marc noch mit einer beliebigen Kampfblondine rumknutschen und meine aufgerichtete Elfe mit ihren Freundinnen, wie sie mit dem Finger auf mich zeigte und lachte. Als ich Marc am nächsten Morgen dann fragte, wie er das angestellt habe, erklärte er altklug und hochnäsig: „Es kommt auf das richtige Kompliment an, weißt du.“ – „Und was hast Du zu ihr gesagt?“ – „Na, wenn sie eine Träne wäre, würde ich nie mehr weinen, vor lauter Angst sie aus den Augen zu verlieren.“ - „Und Du siehst so aus, als ob ich einen Drink gebrauchen könnte“, entgegnete ich Marc entsetzt und schüttele noch heute den Kopf.

P.S.: An alle Mädchen und Frauen: „Du kannst so toll zuhören“ ist entgegen landläufiger Meinung übrigens KEIN Kompliment.



Bonustrack: