Songschreiben

Im Streaming-Zeitalter müssen Pop-Hits schneller zum Punkt kommen

Simon Langemann

Pop-Songs entstehen oft in Gruppen aus mehreren Autoren. Diese Arbeit hat sich durch Streamingdienste spürbar verändert. Was einen Song zum Hit macht, wissen Tom Olbrich und Robert Redweik.

Eigentlich müsste Tom Olbrich wissen, wie man einen Hit schreibt. Jedenfalls hat er eine klare Antwort auf die Frage, ob man das planen kann: "Gar nicht", sagt er. Weil man es im Voraus einfach nie einschätzen könne. "Denn da gibt es so viele Dinge, die nach dem Songwriting-Prozess noch passieren müssen." Heißt: Dem Künstler und dessen Management muss der Song gefallen. Das Label muss an den Song glauben – und zwar so sehr, dass es ihn zur Single kürt. Anschließend müssen Promotion und Marketing funktionieren. "Du kannst versuchen, etwas Emotionales zu schaffen, was auch handwerklich gut gemacht ist", sagt Olbrich. "Aber ob das bei irgendjemandem resoniert, das weißt du nicht."


Landet ein Musiker einen Chart-Hit, bleibt ein Teil der Protagonisten in der Regel im Hintergrund. Bei HipHop-Songs sind das die für den Beat verantwortlichen Produzenten. Bei Popstars oder Schlagerstars sind es die Songwriter. Leute wie Tom Olbrich und sein Kollege Robert Redweik. Olbrich hat etwa an Andreas Bouranis omnipräsenter WM-Hymne "Auf Uns" von 2014 mitgeschrieben. Redweik hat schon für Udo Lindenberg und Howard Carpendale gearbeitet. Beide stehen beim großen Musikverlag BMG unter Vertrag.

In Songwriting-Camps entstehen Stücke wie am Fließband

Einen solchen Verlag kann man sich als eine Art Songwriter-Agentur vorstellen: Er nimmt Autoren unter Vertrag und erhält einen Teil ihrer Einnahmen. Im Gegenzug zahlt er ihnen einen Vorschuss und zieht ihnen – vereinfacht gesagt – Aufträge an Land. "Die institutionalisierte Form davon sind die Songwriting-Camps", sagt Robert Redweik. "Dabei kommt etwa ein Künstler auf den Verlag zu und sagt: ’Hey, ich mache ein neues Album und brauche Songs.’ Und dann beruft der Verlag mehrere Songwriter für ein Camp ein." Tagelang arbeiten diese dann in kleinen Teams an neuen Stücken – in der Regel gemeinsam mit dem Künstler.

"Alles muss knackig sein." Tom Olbrich
Mehr denn je lautet dabei die Devise: Den Hörer fesseln, von Anfang an. Lange Instrumental-Intros sind zwar auch im klassischen Pop-Radio tabu. Doch Spotify schüttet zudem erst dann Geld aus, wenn der Nutzer die 30-Sekunden-Marke überschreitet. Das Songwriting habe sich dadurch komplett verändert, sind sich Olbrich und Redweik einig. "Man muss schnell zum Punkt kommen, alles muss knackig sein, die Songs dauern unter drei Minuten. Und nach dreißig Sekunden muss der Chorus kommen", sagt Olbrich.

Streamingdienste werfen immer noch zu wenig ab

Dennoch sind die klassischen Medien wie Radio und TV für die Autoren noch immer wichtig – weil sie schlicht lukrativer sind. Spotify bezahlt pro Stream unter 0,004 US-Dollar. Geld, das sich die Schreiber einerseits mit ihren Verlagen, andererseits mit den Interpreten und ihren Plattenfirmen teilen müssen. "Davon kann man sich vielleicht mal ein Eis kaufen", sagt Olbrich. "Aber damit auf etwas zu kommen, was die Miete bezahlt, ist fast unmöglich."

Bedeutungslos ist es für die beiden trotzdem nicht, wenn einer ihrer Songs auf einer populären Playlist landet und so ein breites Publikum erreicht. Denn: "Wenn Musikredakteure beim Radio einen neuen Künstler vorgelegt bekommen, gucken sie zuerst mal: Was geht denn bei dem auf Spotify und bei YouTube?", sagt Olbrich. "Und wenn da was geht, dann nehmen sie ihn vielleicht ins Programm."

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