Im Rausch der Brille

Martin Herceg

Um Jugendlichen bewusst zu machen, wie Alkohol die Wahrnehmung beeinträchtigt, setzen Krankenkassen und Präventionsfachstellen in Südbaden sogenannte Promillebrillen ein, die beim Träger ein Gefühl wie im Alkoholrausch verursachen sollen. Ein Tag im Rausch der Brille – fudder-Autor Martin Herceg macht den Selbstversuch.



Ich stehe im Fahrstuhl und habe mich nicht mehr unter Kontrolle. Eine Mischung aus Schwindel und Übelkeit macht sich in mir breit, ich versuche mich an der Fahrstuhlwand abzustützen. Nur mit äußerster Konzentration schaffe ich es, meinen Zeigefinger auf die Taste mit der Aufschrift „EG“ zu pressen.


Ich sehe nämlich nicht nur mehrere Zeigefinger an meiner rechten Hand, sondern auch mehrere „EG“-Tasten. Keine Frage – ich schaffe es nicht mehr, Abstände richtig einzuschätzen. Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung, und als sich seine Türen im Erdgeschoß öffnen, schwanke ich aus der Kabine. Dabei bin ich stocknüchtern. Der Grund für meinen labilen Zustand: Die Rauschbrille „Alcopop“.



Die Brille erinnert an Steampunk und beeinflusst meine Augen so, als hätte ich 0,8 Promille Alkohol im Blut. Bei meiner Statur müsste ich laut Internet-Promillerechner ungefähr sieben Flaschen Bier trinken, um diesen Wert zu erreichen. Die Rauschbrillen kommen in der Alkoholprävention zum Einsatz. Die  AOK Südlicher Oberrhein, der die Brille, die ich trage gehört, benutzt sie  seit 2005.



Drei unterschiedliche Modelle der amerikanischen Firma „Drunkbusters“ hat die Krankenkasse mir zum Selbstversuch zur Verfügung gestellt: „Alcopops“ für die 0,8 Promillesimulation, „Alcopops Nighttime“ für 0,8 Promille bei Nacht und das Modell „Impairment“ für 1,3 Promille. Drunkbusters hat auch noch das Modell „Totally Wasted“ („Sturzbesoffen“) im Programm – für das Mehr-als-3-Promille-Gefühl.

Entwickelt wurden Rauschbrillen in den 1980er Jahren von amerikanischen Augenärzten für das Museum of Science and Industry in Chicago. Museumsbesuchern sollte in einer Ausstellung Trunkenheit simuliert werden. Nach Anmeldung des Patentes verfeinerte die Firma Drunkbusters aus Brownsville, Wisconsin, die Brille und brachte sie zur Serienreife. Mittlerweile hat die Firma nach eigenen Angaben rund 15000 Kunden in 54 Ländern. Vor allem Jugendlichen soll mit den Rauschbrillen die Auswirkungen von Alkoholmissbrauch im wahrsten Sinne des Wortes  vor Augen geführt werden. „Wir nutzen die Brillen, um Jugendlichen, die mit Alkohol experimentieren, einen Spiegel vorhalten zu können“, sagt Sabine Lang, Referentin für Suchtprävention beim Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation in Freiburg.

Aus der Statistik der Drogenbeauftragten der Bundesregierung geht hervor, dass alleine im Jahr 2012 in Deutschland 26160 Jungs und Mädchen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren mit einer Alkoholvergiftung in Krankenhäuser eingeliefert oder behandelt werden mussten. „Es hat sich gezeigt, dass die Brille vor allem dann eine starke Wirkung hat, wenn es darum geht, nach Alkoholmissbrauch zu intervenieren,“ sagt Lang.



Die starke Wirkung der Brille merke auch ich. Nach der unangenehmen Fahrt im Fahrstuhl setze ich die Nacht-Alkopop-Brille auf. Beim wackeligen Gang vor die Haustür stelle ich fest: Mit der Rauschbrille vor den Augen geht fast gar nichts. Nur schemenhaft kann ich Menschen und Häuserfronten um mich herum erkennen – dabei stehe ich mitten in der Freiburger Innenstadt am Bertoldsbrunnen, wo ich mich bestens auskenne. Ich versuche, die Kreuzung von Kaiser-Joseph- und Salzstraße in Richtung Martinstor zu überqueren. Noch nie kam mir das Kopfsteinpflaster so holprig vor.

Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, habe ich instinktiv eine gekrümmte Körperhaltung eingenommen. Ich habe Angst zu fallen und  gehe  langsam mit unsicheren Schritten und ausgestreckten Armen. Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Plötzlich höre ich das warnende Klingeln einer Straßenbahn. Stehe ich etwa mitten auf den Gleisen? Panisch reiße ich mir die Brille vom Gesicht – doch die Straßenbahn ist noch nicht einmal in Sicht.

Meine extreme körperliche Reaktion erstaunt mich. Kann es wirklich sein, dass meine Wahrnehmung bei 0,8 Promille Blutalkohol so stark beeinträchtigt ist? Sabine Lang hält den Zustand, in den  mich das Tragen der Brillen versetzt, für eine durchaus realistische Rauschsimulation, auch wenn die Brille nur das Sehen beeinflusst. „Ein echter Rausch läuft anders ab, er kommt meist schleichend,“ sagt Lang. „Das Gehör, die Motorik, der Enthemmungseffekt, das Lallen, aber auch die Tatsache, dass der Körper den Alkohol wieder abbaut –  all das fehlt bei der Brille.“

Von meinem Plan, die Rauschbrille einen ganzen Tag lang zu tragen, rät sie ab. Die möglichen Nebenwirkungen  könnten von Übelkeit bis hin zu schweren Gleichgewichtsstörungen und sogar epileptischen Anfällen führen. Auf keinen Fall solle ich die Brille länger als 15 Minuten am Stück tragen, ein Wert, der mir als Herausforderung erscheint.



Ich  setze als nächstes das 1,3 Promille-Brillenmodell auf, diesmal abseits großer Gefahrenquellen in meiner Wohnung. Es ist ein bisschen stylisher gestaltet, sieht aus wie eine Skibrille. Ich schaue an mir herunter und sehe vier wacklige Beine, die gefühlte zehn Meter von mir entfernt sind. Mein Blickfeld ist deutlich stärker eingeschränkt als mit dem 0,8 Promille-Modell. Ich kann weder mein Smartphone bedienen, noch treffe ich die Tasten meiner Computertastatur. Beim Versuch, in der Küche Kaffee zu machen, stoße ich mir den Kopf an einem Hängeschrank. Trotzdem setze ich die Brille nicht ab, setze mich auf mein Sofa und versuche, mich so wenig wie möglich zu bewegen.

Irgendwann sind 30 Minuten vergangen. Mir ist übel, ich habe starke Kopfschmerzen und muss auch noch aufs Klo. Auf dem Weg ins Bad taste ich mich durch den Flur. Links von mir erkenne ich schemenhaft die Umrisse meines Bücherregals. Ich greife danach, aber verliere den Halt. Meine Knie werden weich, ich sinke zu Boden, neben mir fallen  Bücher herunter. Auf allen Vieren kniend schiebe ich mir die Rauschbrille vom Kopf. Nie wieder will ich besoffen sein – zumindest nicht, ohne davor Alkohol getrunken zu haben.

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[Fotos: Vinzent Hort]