Im Nähcafé in Berlin

Christoph Müller-Stoffels

Wunderbare Gastroidee aus Berlin: Im Kreuzberger Problemviertel Wrangelkiez hat eine junge Holländerin ein Nähcafé eröffnet. fudder-Autor Christoph ließ sich erklären, was das ist...



Es ist kurz nach ein Uhr Mittags. Linda Eilers öffnet zum ersten Mal in diesem neuen Jahr 2007 ihr Nähcafé. Sie ist erkältet. Die Zeit zwischen den Jahren hat sie genutzt, um zu feiern. Das geht gut in Berlin. "Heute wird es ruhig", prognostiziert sie mit holländischem Akzent. Die Zeit der Weihnachtsgeschenke ist vorbei. Kaum hat sie das gesagt, öffnet sich die Tür. "Frohes neues Jahr!" Man kennt sich. Diesmal sind es Jacke und Hose, die Pierre Wolter ins Nähcafé treiben. Sie müssen repariert werden. Kein Problem, wenn man es selbst macht.


"Ich zeige den Leuten, wie sie die Maschinen bedienen müssen, gebe Ratschläge", erklärt Linda. "Nähen müssen sie aber alleine. Es gibt hier in der Gegend Änderungsschneidereien. Denen will ich keine Konkurrenz machen." Sie lacht. 'Stitch n bitch', etwa 'nähen und lästern' heißt der Laden, der an den Handarbeitsraum einer Waldorfschule erinnert. Jeder kann kommen, Vorkenntnisse sind hilfreich, aber keine Bedingung. Für fünf Euro pro Stunde bekommt man eine Maschine, auf Wunsch eine Anleitung und einen Kaffee oder Tee.

Seit August ist die 29-jährige in Berlin. Im September hat sie ihr Nähcafé eröffnet und sich einen Traum erfüllt. Ihre Augen leuchten, als sie das sagt. Da ihre Mutter Schneiderin ist, kam sie gar nicht am Stoff vorbei. Schon im Teenageralter nähte sie sich ihre eigenen Kleider. "Ich bin ein bisschen groß, da ist es schwer, etwas im Laden zu finden." Studiert hat Linda Philosophie. Ohne Abschluss. Es hat sie eher krank gemacht. Man merkt, dass sie nicht gerne daran denkt.

Pierre hat inzwischen seine Jacke geflickt und braucht Hilfe bei der Hose. Der Saum soll umgenäht werden, möglichst so, dass keine Naht zu sehen ist. "Da nimmst du am besten den Blinde-Hexe-Stich. Der heißt wirklich so!" Linda lacht wieder. Überhaupt scheint sie das gerne zu tun. "Der ist nicht ganz einfach, aber wenn du deine Hose damit genäht hast, wirst du stolz auf dich sein." Pierre scheint noch ein bisschen skeptisch zu sein. Aber Lindas Begeisterung ist ansteckend.

Warum sie gerade in Kreuzberg gelandet ist? In Holland scheiterte der Traum an den Ladenmieten. Aber die Wrangelstraße ist fast noch besser. "Ich mag Berlin, und ich wollte genau hier auf dem Kiez mein Nähcafé haben." Von einem Problemkiez, wie hin und wieder zu lesen ist, will sie nichts wissen.

"Ich habe kein Problem mit den türkischen Jugendlichen. Alle hier sind sehr nett zu mir." Das seien doch alles nur von den Medien aufgebauschte Probleme, meint auch Pierre. Er ist Inhaber der Galerie 'Art Claims Impulse' ganz in der Nähe. "Wir haben Außenmonitore, auf denen wir Filme zeigen. Da ist noch nie etwas passiert." Das Viertel sei viel eher ein wunderbares Versuchslabor. "Hier kannst du Ideen ausprobieren, ohne hinterher auf einem Berg Schulden zu sitzen, wenn es nicht klappt."

Lindas Konzept jedenfalls geht voll und ganz auf. Bislang habe sie nur positive Resonanz bekommen. Auch Männer kommen zu ihr, um zu nähen. "Männer kommen nur zum reparieren und ändern, Frauen nähen auch selbst." Den Männeranteil schätzt sie auf 30 Prozent.

Für die Zukunft kann sie sich eine Erweiterung vorstellen. "In fünf Jahren muss es weitergehen. Vielleicht eröffne ich weitere Filialen in Berlin, vielleicht verkaufe ich auch Stoffe, vielleicht mache ich auch etwas ganz anderes." Schon jetzt gibt sie Kurse, etwa im Korsettnähen. Man muss nur Ideen haben. Linda lacht.

Mehr dazu:

  • Das Nähcafé 'Stitch n Bitch' befindet sich in der Wrangelstraße 80 in Berlin-Kreuzberg.
  • Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 13-22 Uhr
  • Nächste U-Bahn-Station: "Schlesisches Tor"
  • Telefonnummer: 0152-01375225