Im Kuriositätenkabinett der Wellnessindustrie

Eva Hartmann

Glückwunsch an alle, die am vorgestrigen Sonntag ungeduscht mit einer Tasse Tee und einem guten Buch den ganzen Tag im Bett rumgegammelt haben: Ihr habt das einzige richtige getan. Gewichtshalbiererin Eva war stattdessen auf der "fit-for-life"- Messe und lernte dort den Unterschied zwischen "Wellness" und "Gesundheitsbewusstsein" kennen.



Die „fit-for-life“ fand vom16. bis 18.März parallel zur Camping, Freizeit&Touristikmesse statt. Seit Monaten hatte ich mich darauf gefreut, mich auf dieser Messe über die neuesten Trends im Fitnessbereich informieren, entspannende Wellnessmassagen ausprobieren und jede Menge neue Inspiration für eine gesundheitsbewusste Gewichtshalbierung mitnehmen zu können. Stattdessen erwartete mich ein gut durchmischtes Angebot aus Skurrilem, Interessantem und höchst Zweifelhaftem.




Mein Messetag beginnt mit einem Bluttest am Stand des Labors Clotten. Hier kann man wahlweise sein „gutes“ HDL-Cholesterin oder seine Leberwerte messen lassen. In Erwartung eines sensationell guten Wertes wähle ich die erste Option und werde prompt enttäuscht: „Der Normwert für HDL liegt bei 40 Milligramm pro Deziliter“, erklärt die nette junge Dame mit den blauen Gummihandschuhen, „da liegen Sie mit 26,1 leider sehr weit drunter“.

Ich bin kurzfristig entsetzt, werde aber gleich wieder etwas beruhigt: „Der Wert alleine ist nicht aussagekräftig; man müsste jetzt beim Hausarzt einen ausführlicheren Bluttest machen um diesen Wert mit den anderen abzugleichen“.

Ihre Kollegin ist für das Thema Darmkrebsvorsorge zuständig und schenkt mir zum Trost das wohl skurrilste Giveaway, das ich je auf einer Messe bekommen habe: eine Packung mit zwei kackbraun bedeckelten Probefläschchen für Stuhlproben und der dazugehörigen Broschüre, auf der Frank Elstner mit den Worten „Wir sollten jede Chance nutzen“ für Darmkrebsvorsorge wirbt.



Aus letzterer erfahre ich, dass Darmkrebs bei Frauen die zweithäufigste Krebserkrankung ist, und auf der Rückseite derselben erzählt Iris Berben, dass das schönste Kompliment, dass man ihr je gemacht habe, der Satz “Sie haben einen super Darm, Frau Berben“ gewesen sei. Glücklicherweise ist daneben allerdings ihr Gesicht abgebildet.



Nach diesem ersten Dämpfer erfahre ich wenige Schritte weiter bei bodycure gleich den nächsten. Die dort ausgelegten Broschüren versprechen, eine Methode zu kennen, mir der man „natürlich schlank“ werden kann – na, wenn das mal nichts für mich ist! Nur wenige Augenblicke später finde ich mich mit einer Klemme auf der Nase und durch Plastikding im Mund in eine Maschine atmend wieder, welche die Leistung meines Stoffwechsels angeblich an meiner Atemluft messen können will.

Kurz bevor ich zu ersticken drohe, ist der Test beendet und man unterbreitet mir anhand hübscher Farbausdrucke, dass mein Stoffwechsel ungefähr die katastrophalste Leistung westlich von Santa Fe erbringt. „Hundertprozentige Glukoseverbrennung, Sie verbrennen nicht das geringste bisschen Fett!“, lautet der drastische Befund des weiß gekleideten Mannes hinterm Laptop.



Seine weiteren Empfehlungen: Ganz dringend muss ich meine Ernährung umstellen, ansonsten kann ich kein Fett verbrennen und dementsprechend auch nicht abnehmen. Außerdem sollte ich mal mit Magnetfeldtherapie versuchen, meinen Stoffwechsel zur Fettverbrennung anzuregen - dass bodycure „zufällig“ beide Dienste anbietet, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht zu erwähnen.

Meine Einwände, dass ich schon seit längerem ziemlich viel Sport mache, mich gesund ernähre und damit immerhin 12 Kilo abgenommen habe, werden nicht so recht ernstgenommen. „Unsere Kunden nehmen 10 Kilo in vier Wochen ab“, lautet die lapidare Antwort und ich verlasse den Stand einigermaßen frustriert.

Kurze Aufmunterung erfahre ich, als ich am Stand von EllaVITA, einem Fitnesscenter speziell für Frauen, ein einwöchiges Probetraining gewinne. So nett das Angebot klingt: ich werde es wohl nicht annehmen. Schließlich bin ich schon woanders Mitglied und so ganz ohne Fahrrad, Semesterticket und Auto ist mir der Weg nach Haslach auch irgendwie zu weit.



An der nächsten Ecke präsentieren allesamt hübsch gekleidete Mitglieder des 1. Freiburger Rock’n’Roll Club e.V. ihre Tanzkünste. Hier entdecke ich das coolste Outfit des gesamten Messetages: Ernst und Marlies Zimmermann aus Köndringen geben, sie im Petticoat mit Polkadots und er mit Hut und Mafiososchuhen, das stylischste Paar weit und breit ab.

Der weitere Weg durchs Gedränge beschert mir bergeweise Prospekte von Schuhhändlern, Tanzschulen, Haarentfernungspraxen und Esoterikbuchhändlern. Ich entdecke den Stand einer Rückenschule, bei der man sich in ein absurdes Gestell einspannen und seine Wirbelsäule vermessen lassen kann. Das Angebot erfährt regen Zuspruch, aber ganz egal, wie demonstrativ ich mich in der Nähe der Promotionmädels platziere: ich scheine die Kriterien eines potentiellen Kunden nicht zu erfüllen und so lässt man mich einfach konsequent stehen.



Einige Meter weiter entdecke ich Julia, die den sicherlich blödesten Job auf der ganzen Messe mit tapferem Lächeln erträgt: Stundenlang sitzt sie in einem Wasserbassin und strampelt sich auf einem Unterwasserfahrrad ab. A propos Wasser: Einen Vertreter für Wünschelruten und Wasseraktivatoren gab es auch.

Außer seltsamen Adaptern, die aus „totem Wasser“ angeblich  „bio-energetisch aufbereitetes Wasser“ machen können, vertickt er auch noch Metallkapseln zur Abschirmung von Elektrosmog - die sehen übrigens ganz genau so aus, wie die Wasseraktivatoren – einzig das Etikett unterscheidet beide voneinander. Der Moralapell des Tages kommt aus einem seiner Werbeprospekte: „Es ist eine Unsitte, das Handy dauernd in der Brusttasche zu tragen!“.



In der umfangreichen Touristikecke der „fit for life“ finden sich fast ausschließlich Vertreter von schweizerischen und österreichischen Wellnesshotels. Dazwischen: Metzger, Käsehändler und Bäcker; ein Anbieter von Kletterzubehör, der unschuldige kleine Kinder bis unter die Hallendecke scheucht und dort an einer Kuhglocke rütteln lässt.



Zuviel Action für mich – ich verziehe mich in den Kosmetikbereich, erstehe zwei Kajalstifte mit Bienenwachs, begaffe den „FaceJogger“, ein Gerät zum Gesichtsmuskeltraining,  und beobachte die Damen von Claire Fisher, die unter dem Slogan „nur das beste für Ihre Haut“ rauchend und Prosecco schlürfend an ihrem Stand sitzen – eine durchaus etwas fragwürdige Methode, für teure Apothekenkosmetik  zu werben.

Außerdem entdecke ich hier so etwas wie einen Trend: An mehreren Ständen stehen Rüttelplatten in den verschiedensten Ausführungen herum: Man stellt sich barfuß darauf, hält sich oben fest und wird einige Minuten lang durchgeschüttelt. Am Stand der Firma Implos wird ein solches Gerät mit dem Feature „rechtsdrehend“ angeboten, dieses verspricht „biomechanische Muskelstimulation“ zur „Wiederherstellung der extrazellulären Matrix“ und sogar die „Rückbildung von Tumoren“.

Die meisten anderen dieser Geräte sind sogenannte Power-Plates, auf denen man sich in den verschiedensten Verrenkungen platzieren und dann vibrierenderweise Übungen zur Muskelkräftigung, Entspannung oder Cellulitebekämpfung machen kann. Das muss ich natürlich sofort ausprobieren.



Zur Belohnung gibt’s ein Schlückchen sauteuren Nonisaft, der nach einer Mischung aus Blutorange und Karotte schmeckt – eigentlich gar nicht mal so schlecht, nur leider ist das Zeug seltsam dickflüssig, was meinem Magen nach dieser Rüttelplattenaction vorerst den Rest gibt.

Viel mehr gibt es nun auch nicht mehr zu sehen, und ich beschließe, den Heimweg anzutreten. Ich bin recht erstaunt, wie weit der Begriff "Wellness" zu fassen ist und wie genau man mitunter hinsehen muss, um nicht für dumm verkauft zu werden.

Dennoch wäre der Einwand, dass auf der "fit for life" zuviel Zweifelhaftes und zu wenig Seriöses geboten wurde, nicht berechtigt: Das Angebot war insgesamt tatsächlich sehr ausgewogen, auch wenn ich persönlich auf einer Sportmesse vermutlich besser aufgehoben gewesen wäre, als auf einer solchen für Wellness. Während ich mich auf dem Weg zur Bushaltestelle von Wind und Regen malträtieren lasse, lese ich ein Plakat, dem ich entnehme, dass ich am 10. und 11. März die „bike aktiv“- Messe verpasst habe – da hätte ich mal hingehen sollen!