Kunstausstellung

Im Hauptbahnhof ist eine Hommage an LGBTTIQ-Menschen zu sehen

Matej Snethlage

Seit 2017 reist die Ausstellung "We are part of culture" von Bahnhof zu Bahnhof, um LGBTTIQ-Menschen zu zeigen, die eine wichtige Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung Europas spielten. Aktuell ist sie in Freiburg zu sehen.

Wussten Sie, dass Tschaikowsky schwul war? Der wohl größte und wichtigste Komponist der Romantik, dessen Lieder bis heute unmotivierten Klavierschülern und übermotivierten Balletttänzern prägen wie kaum ein anderer, war, wie Hunderte seiner Briefe und Tagebucheinträge belegen, homosexuell.


Seine Neigung wurde versucht geheim zu halten und ist dementsprechend kaum bekannt: Wenn man "Tschaikowsky Homosexualität" googelt, erscheinen 18.000 Ergebnisse, selbst bei "Tschaikowsky Illuminati" kommen fast fünf Mal mehr Treffer.

LGBTTIQ*-Menschen sichtbarer machen

In der modernen Welt werden LGBTTIQ-Menschen häufiger als Opfer denn als erfolgreiche und einflussreiche Mitglieder unserer Gesellschaft gesehen, ihre Sexualität oder ihr Geschlecht wird mutwillig ignoriert. LGBTTIQ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Transgender, Intersexual und Queer. Es sind Menschen, die sich nicht der binären Geschlechtsstruktur und der heterosexuellen vermeintlichen Norm beugen wollen.

Holger Edmaier, unter anderem bekannt als Kabarettist, wollte dem ein Ende setzten und eine Bewegung gründen, die LGBTTIQ-Menschen sichtbarer machen sollte und sich für die Rechte der Marginalisierten einsetzte. 2014 gründete er 100% Mensch, jetzt entwarf er die Kunstausstellung "We are Part of Culture". Diese Wanderausstellung reist seit 2017 von Bahnhof zu Bahnhof, um allen Menschen die KünstlerInnen, ErfinderInnen und Staatsmänner- und frauen zu zeigen, die in ihrer Sexualität oder ihrem Geschlecht nicht zu der Mehrheit zählten und deshalb diese versteckten oder wenn nicht, von der Gesellschaft unterdrückt wurden. Oder wie es der Untertitel des Kunstprojekts sagte: Der prägende Beitrag von LGBTTIQ an der gesellschaftlichen Entwicklung Europas.

Eröffnung im Freiburger Hauptbahnhof

Am Mittwoch, 16. Oktober, war die Eröffnungsveranstaltung von "We are Part of Culture" im Freiburger Hauptbahnhof. Auf der Bühne erzählte Holger Edmaier, queere Themen seien immer noch nur Randthemen in der Schule. Dass es dem kleinen Jungen, der irgendwie schon wusste, dass er anders war als die anderen, geholfen hätte, dass es normal ist, dass er Jungs hübscher findet als Mädchen und das auch die großen Männer der Geschichte manchmal Jungs hübscher fanden als Mädchen. Alexander der Große, Friedrich II., Leonardo da Vinci – sie alle waren homo- oder bisexuell. Aber für diese kurze Randnotiz reiche es meistens nicht in den Klassenräumen Deutschlands.

Dabei sind wir doch schon so weit, hier in Deutschland. In 75 Ländern ist (oft nur männliche) Homosexualität verboten. In acht davon steht auf diesen Gesetzesbruch die Todesstrafe. Die Lage für Homosexuelle ist alles andere als rosig. Auch in Deutschland ist spätestens seit dem Aufstieg der AfD eine starke Homophobie zu spüren. Holger Edmaier spricht von einen "sehr kleinen, sehr lauten Teil unserer Bevölkerung, der Hass versprüht und das Leben von Minderheiten, auch von LGBTTIQ-Menschen, schwer macht".

Doch er sieht auch die guten Seiten: Die Gesellschaft gehe immer weiter progressiv nach vorne, die Gesetzte ändern sich langsam aber stetig und immer mehr Menschen zeigen und propagieren ihre Toleranz und Liberalität.

Aufklärungsarbeit leisten

"LGBTTIQ-Menschen wurden immer als Opfer und Paradiesvögel gesehen. Kaum jemand spricht davon, was sie für uns alle geleistet haben". Für Holger Edmaier ist Freiburg die letzte Station einer langen Reise. In Berlin sind sie gewesen, in Frankfurt, in Leipzig, eigentlich überall in Deutschland. In jeder dieser Städte wurden emotionale Reden geschwungen, Lieder gespielt und Menschen, die seit Jahren für die Rechte von LGBTTIQ-Menschen kämpfen, Anerkennung erwiesen.

Was allen Mitgliedern des Projekts äußerst wichtig ist, ist die Aufklärungsarbeit. Schüler und Schülerinnen jeglichen Alters sollen sich die Kunstwerke anschauen, sollen die Fotos von Porträts großer Persönlichkeiten der Geschichte sehen und wissen, dass Menschen jeglichen Geschlechts und jeglicher Sexualität das gleiche erreichen können.

Queere Menschen der Geschichte

Nicht umsonst sind die Erklär-Tafeln der Bilder in einfachem Deutsch geschrieben, dazu noch auf Russisch, Arabisch und Englisch. Jeder, sei es Schüler oder Schülerin, Reisender oder Reisende, bekommt präsentiert, dass die Welt der Berühmtheiten deutlich größer ist, als nur männlich und weiblich.

Bis zum 25. Oktober kann man jetzt queere Menschen der Geschichte sehen, Menschen, die jeder kennt, aber nichts über ihre Sexualität weiß. Tschaikowsky war homosexuell genauso wie Thomas Mann. Doch ersterer outete sich nie, zweiterer erst wenige Tage vor seinem Tod. Leider kann man verstehen, wieso sie ihre Homosexualität geheim hielten. Alan Turing, ein Mathematiker und Informatiker, rettete Millionen Menschen durch die Erfindung der Enigma-Maschine während des zweiten Weltkriegs das Leben. Das Problem: Er war schwul, eine Straftat im damaligen Großbritannien. Da er nicht ins Gefängnis wollte, wurde er chemisch kastriert. Durch die Ausgrenzung und körperliche Veränderung wurde er depressiv, 2 Jahre nach der Kastration nahm er sich sein Leben.

Die Regierung entschuldigte sich 2009 dafür, aber die repressive Politik, die immer noch in Teilen der Welt Homosexuellen ihr offenes Ausleben ihrer Sexualität unmöglich, kostet Menschenleben.

Tschaikowski und Leonardo da Vinci waren homosexuell

Wenn man also in den nächsten Tagen am Bahnhof ist, dann lohnt sich der schnelle Blick auf die Ausstellung. Dann werden vielleicht noch ein paar mehr Menschen wissen, dass Tschaikowski und Leonardo da Vinci homosexuell waren. Noch ein paar mehr Menschen werden sich ins Bewusstsein rufen, dass alle Menschen, ungeachtet ihrer Sexualität und ihres Geschlechts, die Möglichkeit haben müssen, alles erreich zu können, was sie wollen.

Und dann wird sich vielleicht auch der ein oder andere kleine Junge oder das ein oder andere kleine Mädchen, das denkt, dass es irgendwie anders ist, wissen, dass es auch Menschen gab, die genauso anders waren, aber die trotzdem so viel erreicht haben.
  • Was: Ausstellung "We are part of culture"
  • Wann: 16. bis 25. Oktober 2018
  • Wo: Freiburger Hauptbahnhof

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