Im Hain der Heiden: Eins mit der Natur und sich selbst

Stefan Lederer

Was sind Heiden? Eine satanische Sekte? Naturfreaks, Antichristen? Die Vorstellungen über Heidentum sind diffus und gerade in Deutschland von Vorurteilen belastet. Auch deshalb tragen nur wenige Neuheiden ihre religiösen Gefühle deutlich nach außen. Ein Treffen mit Angehörigen des Freiburger "Hain der Heiden".



„Es wird heute leider nur ein kleiner Kreis. Sonst sind wir mehr“, sagt Bianka am Telefon. Die 28-jährige Studentin schreibt gerade ihre Doktorarbeit in Biologie und gehört zum „Hain der Heiden“. Die Freiburger Heidengruppe ist mit 14 Mitgliedern überschaubar. Sie trifft sich etwa alle zwei Wochen und soll Anlaufstelle sein für naturreligiös interessierte Menschen verschiedener Richtungen.


Natur und Gegenwart

Dieses Mal findet das Treffen auf dem Gipfel des Freiburger Schloßbergs statt. Nach dem Aufstieg machen wir es uns auf einem Baumstamm bequem. Bianka, Björn, Peter und Karl sieht man ihre heidnische Überzeugung nicht an, sie unterscheiden sich äußerlich nicht von anderen Ausflüglern.

Innerlich hat der Aufenthalt in der Natur für sie aber eine weiterreichende Bedeutung. „Wir interpretieren die Natur religiös und verknüpfen sie mit spirituellen und mythologischen Ideen“, sagt Peter. Die Sinnsuche führte den 25-jährigen Studenten vor zehn Jahren zu Asatru. Asatru bedeutet „Glaube an die Asen“, die germanischen Götter.

„Heide zu sein bedeutet zu versuchen, mit den eigenen Kräften und den Kräften in der Natur in Kontakt zu kommen und dort Möglichkeiten zu finden, sich selbst zu entwickeln. Das ist natürlich immer etwas Persönliches. Es gibt keine Standarddefinition, wie das aussehen muss“, sagt Bianka.

Zentral ist neben einem respektvollen Umgang mit der Natur und dem Erspüren ihrer Kräfte eine starke Konzentration auf das Diesseits. „Es spielt bei allem, was man tut, nicht das Leben nach dem Tod oder irgendeine andere Reinkarnation eine Rolle, sondern das eigene, gegenwärtige Leben.“

Feste und Rituale

Nicht alle Mitglieder der Gruppe nehmen im Rahmen der Jahreskreisfeste auch an Ritualen teil. Manche setzen ihre Überzeugungen nur im Alltag um. Anderen, wie etwa Bianka und Björn, sind gerade die Rituale wichtig, um zeitweise eine andere Bewusstseinsebene zu erleben. Bei den Jahreskreisfesten wird deren psychologischer Hintersinn betont.

Bianka gibt ein Beispiel: „Bei Lughnasadh, dem Schnitterfest, geht es darum, dass man immer im Leben auch Dinge beenden muss, damit es weitergeht. Man nimmt etwa das Leben des Korns, um selbst leben zu können. Das ist ja ein Grundprinzip, dass Dinge vergehen müssen, damit neue entstehen können.“

Jedes Ritual beginnt mit einer Einstimmung. Die Teilnehmer ziehen einen Kreis um sich, mit einem Stock oder mit den Händen. Dann werden die Himmelsrichtungen angerufen und die Geister des Orts eingeladen. Die gesprochenen Texte sind dabei weitgehend frei und dem Einzelnen überlassen. Dann vollziehen die Heiden dem Anlass entsprechende Handlungen: Das gemeinsame Streuen eines Mandalas, das Singen von Liedern oder auch das Darbringen von Opfern wie Getreideähren oder Früchten.

„Die rituellen Handlungen sind vor allem wichtig, um sich von der Alltagswelt zu trennen und in die richtige Stimmung zu kommen. Ich spüre die Naturkräfte im Alltag nicht so deutlich“, sagt Bianka.

Christentum

Das Verhältnis zum Christentum ist distanziert. Björn sagt: „Ich habe wohl den Moment verpasst, in dem mir die Glaubenssätze der Christen als einigermaßen einleuchtend hätten erscheinen können“, sagt der 30jährige Biologiedoktorand und grinst dabei durch seinen Bart.

Als „christenfeindlich“ würde sich aber niemand in der Gruppe positionieren: „Ich denke, das Christentum war eine gute Idee. Was aber aus dieser Idee gemacht wurde, steht auf einem anderen Blatt“, sagt Peter. „Ich unterscheide zwischen Christentum und Kirche. Vor allem die katholische halte ich für eine ultrareaktionäre, überkommene Institution.“

Bianka war früher selbst Christin, fand dort aber irgendwann keine Antworten mehr. Im Heidentum sah sie eine greifbarere Alternative. „Das Problem, das ich im Christentum sehe, ist einfach, dass man es halt glauben muss. Ich kann es nicht in der Form erleben, wie ich das Naturreligiöse erleben kann. Und wenn der Glaube fehlt“, sagt sie, „hat man als Christ ein Problem.“ Was natürlich nicht bedeuten würde, dass sie Christen nicht respektieren könne, nur weil sie diese Religion für sich ablehne.

Politik

Die Tatsache, dass einige wenige heidnische Gruppen im rechtsextremen Bereich politisch aktiv sind, sehen die Anhänger vom „Hain der Heiden“ kritisch. Die vier Gesprächspartner verwahren sich dagegen, solche Verbindungen zu verallgemeinern: „Heidentum mit Rechtsextremismus in Verbindung zu bringen ist so, als würde man behaupten, alle Christen seien Anhänger oder zumindest Sympathisanten des Ku-Klux-Klans. Beide Behauptungen sind gleichermaßen oberflächlich, undifferenziert und böswillig“, sagt Peter.

Entsprechendes Gedankengut ist im Hain der Heiden nicht erwünscht, nicht aus gesinnungspolitischen, sondern aus ethischen Gründen: „Auch wenn wir die Gruppe als Anlaufpunkt sehen, bedeutet das nicht, dass wir alles und jeden tolerieren. Ansonsten ist aber jeder willkommen, der mit uns feiern, diskutieren oder sich engagieren will.“

Mehr dazu:

  • Web: Asatru.is, Internetauftritt der Isländischen Asatru-Gemeinde
Heidentum ist ein Sammelbegriff für verschiedene nichtchristliche Religionen vorwiegend europäischen Ursprungs. Das Wort hatte lange diffamierende Bedeutung, erfuhr in moderner Zeit aber eine neutrale bis positive Umdeutung.

Neben Asatru (Glaube an die germanischen Götter) umfasst „Heidentum“ heute vor allem Wicca sowie neodruidische Bewegungen, die sich auf die keltische Mythologie beziehen. Asatru ist in Island, Dänemark und Norwegen offiziell als Religion anerkannt.

In Deutschland gibt es ebenfalls zahlreiche heidnische Gruppierungen, diese sind jedoch kaum einheitlich organisiert. Viele lehnen das auch ab, da sich die Ausrichtungen und Grundsätze unter ihnen zum Teil stark unterscheiden.

Es gibt acht Jahreskreisfeste mit variierenden Bezeichnungen, die in allen heidnischen Strömungen von Bedeutung sind und sich nach Sonnen- und Mondständen richten: Disting (Lichtfest), Ostara (Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche), Beltane (Walpurgisnacht), Mittsommer (Sommersonnenwende), Lughnasadh (Schnitterfest), Mabon (Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche), Samhain und Mittwinter (Wintersonnenwende).