DreamDoll

Im Elsass entstehen Sexpuppen fürs Hochpreissegment

Jannik Jürgens

Thierry Reverdi stellt in Duppigheim luxuriöse Sexpuppen her. Sie sind aus Silikon, beheizbar und kosten so viel wie ein Kleinwagen. Einige Kunden gehen mit ihrer Puppe angeblich sogar ins Restaurant. Ein Besuch mit Videokamera.

Wer das Ortsschild der elsässischen 1600-Seelen-Gemeinde Duppigheim passiert, vermutet nicht unbedingt, dass dort aufwändig an der Erfüllung erotischer Träume gearbeitet wird. Das Blumendorf, 15 Kilometer südlich von Straßburg gelegen, begrüßt den Besucher mit herausgeputztem Fachwerk und dem Luxus, dass hier ansonsten nicht besonders viel los ist. Der Ort ist Liebhabern von Sexpuppen allerdings weltweit ein Begriff.


Ortstermin im Gewerbegebiet, Rue de l’artisanat, Straße des Handwerks. Im Showroom zeigt Thierry Reverdi, Geschäftsführer von "DreamDoll", seine Produkte. Zum Beispiel Ginger. Sie liegt auf dem Rücken. Die Hände abgespreizt, die Beine breit. Durch das hellrosa Top schimmern zwei Brustwarzen. Die Lippen sind prall, der Mund ist weit geöffnet. Ginger ist eine Sexpuppe. Ihre Eigenschaften: Flexible Vagina. Mund mit leicht rauem Grund. Glatter und enger analer Einlass. "Schauen Sie, wie schön sie ist. Und wie real", sagt Reverdi.



Der 52-Jährige bewirbt mit solchen Beschreibungen seine Puppen auch im Internet. Drei Festangestellte beschäftigt er, etwa 200 Puppen verkaufte er vergangenes Jahr. Reverdi raucht E-Zigarette, trägt ausgewaschene Jeans und ein weites T-Shirt. Der Unternehmer lässt sich gern von Geschäftsmodellen in anderen Ländern inspirieren. So war es vor einigen Jahren mit einer Recycling-Maschine für Getränkedosen.

Die Idee mit den Sexpuppen kam ihm während einer USA-Reise. Er entdeckte die Puppen bei Matt McMullen, der früher Latexmonster für Hollywood produzierte und sich dann auf Sexpuppen spezialisierte. Reverdi war begeistert und startete vor zehn Jahren seine eigene Produktion in Frankreich.

Einige Kunden gingen mit ihrer Puppe ins Restaurant, kauften ihr Schmuck und feierten Geburtstag

Er hat eine Botschaft, die so gar nicht zum Porno-Touch seiner Ware passt: "Unsere Puppen kauft man nicht nur, um Sex zu haben." Die Puppen hätten eine wichtige soziale Funktion für seine Kunden. Viele von ihnen gingen mit ihrer Puppe ins Restaurant, kauften ihr teuren Schmuck und feierten ihren Geburtstag. Die Sexpuppe als Familienersatz.

Reverdi will in seiner Werktstatt keine Billig-Aufblaspuppen am Fließband herstellen, sondern Luxusgüter produzieren – hauptsächlich Unikate. "Wir kämpfen vor allem mit der Konkurrenz aus China", sagt Reverdi. Die Chinesen würden deutlich günstigere Puppen mit billigerem Material auf den Markt bringen. Reverdi versucht, mit Qualität und Handarbeit zu punkten.

Das wird am Arbeitsplatz von Boris Abisset deutlich. Der Bildhauer formt eine Puppen-Plastik aus Terrakotta. Das ist die Basis jedes Modells. Wenn die Plastik gebrannt ist, stellt er einen Abdruck des Körpers her, der dann als Schale für den ersten Silikonguss dient. Dem ersten folgen ein zweiter und ein dritter Silikonguss mit jeweils weicherem Material.

Werden Sex-Roboter bald den Menschen ersetzen?

Abisset bastelt grade an einem Kopf, der mal sprechen können soll. In den USA gibt es schon Roboter-Puppen, die Small-Talk beherrschen. Irgendwann sollen sich die Puppen auch bewegen können. Werden die Sex-Roboter also bald den Menschen ersetzen? Reverdi glaubt das nicht. "Eine Roboterpuppe wird nie an den Menschen rankommen", sagt er. Forscher von der Universität Wellington erwarten hingegen, dass Roboter-Prostituierte bis zum Jahr 2050 den Menschenhandel drastisch senken und dafür sorgen werden, dass es weniger Geschlechtskrankheiten gibt.

In der Sexpuppen-Werkstatt klingt das wie Zukunftsmusik. Eric Leonard, ein weiterer Mitarbeiter, mischt flüssiges Silikon und helle Hautfarbe. Mit dem Stabmixer rührt er die Mischung um, bis keine Blasen mehr da sind. Zuvor hat Leonard die Puppenform zusammengeschraubt. Weiße Elemente bilden die Außenhülle des Körpers. Das Ganze erinnert an die Mumie aus einem Horrorfilm. Leonard nimmt den Eimer mit dem Silikon-Farb-Gemisch, steigt auf eine Leiter und lässt die Mischung vorsichtig in die Puppenform laufen. Die Puppe muss dann einige Stunden aushärten.

Bei Reverdi kann man sich seine Traumpuppe zusammenstellen. Schwarze Haare lassen sich mit haselnussfarbenen Augen, einem kaukasischen Gesicht, asiatischem Teint und Busen in den Größen B, C, D oder EF kombinieren. Es gibt auch eine Hermaphrodit-Version, bei der man einen Plastikpenis einsetzen und abnehmen kann. Die günstigste Puppe kostet 3.990 Euro. Mit Extrawünschen wie beheizbarem Körper schnellt der Preis auf 8.490 Euro hoch. So viel wie ein Kleinwagen. Bleibt nur die Frage: Wer kauft sich solch eine Puppe?

Puppen-Fans fragen sich, warum sie schief angeschaut werden, wenn sie über ihr Hobby reden

Thierry Reverdi fährt sich mit der Hand durch die Haare und überlegt. Dann zählt er auf: Ein junges Paar hat letztens eine Puppe abgeholt. Er hat eine Puppe an eine Kinoproduktion verkauft. Und ein Akkupunkteur nutzt seine Puppen, damit Schüler das Nadeln-Setzen üben können. Ganz normale Leute? Ja, sagt Reverdi. Aber hauptsächlich seien es doch einsame und schüchterne Menschen.

Es seien Leute, die Jahre lang sparen, um sich eine Puppe leisten zu können. In Internetforen reden einige von ihnen über ihre Puppen-Beziehung. Sie freuen sich über das Gefühl der Anwesenheit, wenn die Puppe im Raum ist. Über Halt und Trost, die ihnen die Puppe bieten kann. Und darüber, dass die Puppe sie ansieht, ohne sie dabei zu bewerten. Sexuelles Verlangen spielt natürlich eine Rolle. Und viele Puppen-Liebhaber fragen sich, warum der vermeintlich normale Rest der Gesellschaft sie schief ansieht, wenn sie über ihr Hobby reden.

Riesenbrüste und aufgeblasene Lippen, wie bei Porno-Stars

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Puppen nicht wie normale Frauen aussehen. Sie haben Riesenbrüste und aufgeblasene Lippen, so wie Porno-Stars. Deren hypersexualisierte Körper haben schon in der Realität nichts Echtes mehr an sich. Und so könnte man sagen, dass Reverdis Puppen der teure Abklatsch eines Sex-Objekts sind. Vielleicht ist das aber auch zu einfach.

Wenn die Puppen auf Raphaela Auducs Tisch landen, bekommen sie den letzten Schliff. Die Visagistin schneidet mit der Nagelschere kleine Silikonreste von den Fingern. Es ist eine Fleißarbeit. Dann drückt sie die Augen in die Höhlen und setzt die Ohren ein. Auduc hat die schneeweißen Haare zu einem dicken Zopf geflochten. Ihr blaues Make-Up lässt sie ein bisschen so aussehen, wie der Charakter einer Fantasy-Serie. "Ich mag es nicht so gerne, wenn die Dinge zu ordentlich sind", sagt sie und malt der Puppe die Augenbrauen.

Wenn sie neuen Bekannten von ihrer Arbeit erzählt, fragen die sie manchmal, ob es sie nicht störe, in der Sex-Industrie zu arbeiten. Auduc schmunzelt. Natürlich stört es sie nicht. "Jeder soll seine Vorlieben so ausleben, wie er will", sagt sie. Dann tunkt sie den kleinen Pinsel in die rote Farbe und zieht ihn der Puppe über die Lippe. Bald wird das "Silikonmannequin" (Website) in einer diskret verpackten Kiste landen, per Express versandt und dem glücklichen Käufer schweigend gegenübersitzen.

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