Im Crashkurs zum Latinum

Steffi

Ist es möglich, das Latinum mit drei Monaten Vorbereitungszeit zu erwerben, während man in der Schule sechs Jahre dafür paukt? Es ist. Seit den 1980ern versucht der 60-jährige Karl Müller, Studenten in Freiburg die Kunst des Übersetzens näher zu bringen. 90 Minuten Lateinsitzung mit 12 Studenten und Steffi.



„Dafür bekommen Sie aber keinen Deklinationspreis.“ Ernüchterung gleich zu Beginn. Eine Studentin wird von Lateinlehrer Müller aufgerufen und fängt an, ähnlich klingende Wörter aufzuzählen. Alle haben sie den gleichen Stamm und verschiedene Endungen. Jura, Juribus und so weiter. Für mich als Nichtlateinerin hört sich alles gleich und gleich verwirrend an. Die Studentin listet die Wörter fast ohne Unterbrechung auf.




Anfangs lehnt sich Müller noch entspannt in seinen Klappstuhl zurück. Dann steht er plötzlich und schaut die verunsicherte Studentin mit großen Augen an: „Das ist falsch.“ Dann sagt er: „Wissen Sie, bei uns damals mussten alle zum Deklinieren aufstehen und man durfte sich erst wieder hinsetzen, wenn man die richtige Form hatte. Sie hätten damals wirklich lange gestanden."

Gelächter. Wir befinden uns in einem Altbau in der Unterwiehre. Seit 1987 dient der 15 qm große Raum als Lateinklassenzimmer. Ein langer Schlauch. Es passt gerade mal ein rechteckiger Tisch hinein.

An diesem Tisch haben sich zwölf Studenten auf Klappstühlen niedergelassen. Die Klappfähigkeit der Stühle ist bei der Enge des Raums unabdingbar. Ein kleines Fenster mit Doppelbeglasung erlaubt einen Blick auf die stark befahrene Straße. Die kleine Tafel schmücken lateinische Begriffe.

An der Wand hängen zwei große Poster. Wie in manchen Ländern das Bild des Regierungsoberhaupts an der Wand hängt, so ist es hier die Stadt Rom, die ihre Lateinlernenden bewacht.



Auffallend ist, dass sich auf einer Seite nur Mädchen niedergelassen haben. Gegenüber sitzen die einzigen drei Jungs, umgeben von jeweils einer Studentin.

Von meiner Nebensitzerin erfahre ich, dass es bei den Deklinationen um Substantive, Adjektive und Pronomen geht. So, so.

Es geht reihum weiter mit dem Aufsagen: „Ferox, ferocis, ferocibus..." „Ferien sind noch lange nicht. Für Sie zumindest nicht“, unterbricht Müller einen Studenten. Ein Aufstöhnen erfolgt in der Gruppe.



Schon seit Anfang Juli sind die Studenten dabei, sich täglich 90 Minuten mit lateinischen Formeln, grammatikalischen Konstruktionen und Texten auseinanderzusetzen. Da die Studenten keine drei Semester lang Vorbereitungskurse an der Uni besuchen wollen, haben sie sich für den kurzen, aber intensiven Lateinkurs bei Herrn Müller entschieden. Mitte September wird ihr Wissen dann bei der schriftlichen Prüfung im Oberschulamt überprüft. Im Oktober folgt die mündliche Prüfung.

Der Ernst der Angelegenheit zeigt sich im Verhalten der Studenten: Konzentriert beugen sie sich alle über ihre Hefte und halten einen roten Stift zum Korrigieren bereit. Ein Blick in den Aufschrieb meiner Nachbarin gibt mir zu verstehen, dass ich nicht die einzige im Raum bin, bei der Latein für Verwirrung sorgt: Gelbe Markierungen, rotgeschriebene Verbesserungen und überall Durchgestrichenes- kreuz und quer.

Abyssus abyssum invocat. Ein Fehler zieht den anderen nach sich.

Weiter geht es mit der Besprechung der Hausaufgaben. Konjugierte Verben mussten bestimmt und übersetzt werden.



Mit seiner kräftigen Stimme ruft Herr Müller einzelne Schüler auf, die daraufhin zum Teil sehr unsicher ihre Übersetzungen vorlesen. Ihre Sätze beginnen mit „Vielleicht“, „Ich würde sagen“, „da fehlt mir was“ und enden meist mit einem fragenden "oder?"

Herr Müller lässt sich von den Verunsicherungen nicht aus dem Konzept bringen. Er ruft so lange einzelne Studenten auf, bis ihm jemand die richtige Übersetzung nennt. Oder auch nicht.

Die Enge des Raums hindert ihn nicht daran, etwa jede fünf Minuten aufzustehen, um sich zwischen Wand und Klappstühlen zu platzieren. Dazwischen liegen vielleicht 30 Zentimeter.

Überhaupt scheint Herr Müller ein Mann zu sein, der nicht verweilen mag. Mit seinem Schal macht er interessante Gymnastikübungen und seine Gesten erinnern an Politiker im Bundestag. Wenn ihm eine Antwort nicht gefällt, hebt sich seine Stimme.



Während ich bei jedem seiner Ausrufe zusammenschrecke, scheinen die anderen schon immun dagegen zu sein. Manche schauen nicht einmal auf, wenn er herzhaft mit der Faust auf den Schreibtisch haut und schreit: „Passiv Leute! Wie oft habe ich euch das schon gesagt.“ Herr Müller redet eigentlich ständig. Oft versucht er vergeblich, seine Studenten an schon Behandeltes zu erinnern: „Ach Leutchen. Das hatten wir doch erst letzte Woche. Sie erinnern sich doch, oder?“

Meint er das ernst? Die verzweifelten Gesichter zeigen keine aufkommenden Aha-Effekte. Doch der Wille zum Lernen ist da.

Wenn Müller plötzlich sagt: „Schreiben Sie das in ihr Vokabelheft“, folgen alle blitzartig. Wenn Müller Regel 13 erwähnt, scheinen die meisten damit etwas anfangen zu können.

Doch Herr Müller kann auch anders. Er ist nicht nur aufbrausend. Mit einer beruhigenden Stimme, die an Kindermärchenkassetten erinnert, erzählt er von Cicero. Seine „Vier Reden gegen Catilina“ sind als Nächstes an der Reihe.



Minutenlang wird diskutiert, ob ein Prädikat mit „werde, wird oder würde“ übersetzt werden sollte. Ich sehe keinen Unterschied. Student: „Das müsste dann „werde“ heißen." Daraufhin Müller lautstark: „Das muss! Die Wahrheit ist immer konkret.“

80 Minuten sind vergangen. Die Gesichter der Studenten sind gut durchblutet. Sie wirken erschöpft. Ihre Fragen häufen sich: „Können wir noch mal den Gerundiv machen?“

Drei Kurse unterrichtet Müller täglich. Meist Studenten der Geschichte, der Philosophie und der Philologien, manchmal aber auch Menschen, die im Alter freiwillig noch Latein lernen wollen. Müller selbst hat Latein, Geschichte und Philosophie studiert.



Müller sagt von seinem Latinum-Crashkurs: „Ich konzentriere mich auf das Wesentliche. Und ich vereinfache vieles. Meine Schüler können nach zwei Monaten mehr als die in der Schule. Was dort gemacht wird, ist reiner Schrott.“

Am Ende der Sitzung gibt Herr Müller seinen Schülern als Hausaufgabe einen „wunderschönen Vers“ von Horaz auf den Weg. Er zählt zu seinen so genannten Königsversen. Besonders schwere, verschachtelte Sätze. Einer von ihnen lautet wie folgt: „tecum vivere amen. tecum ob eam lubens“.

Wir freuen uns auf eure Lösungsvorschläge.