Im Berghain ist Berlin wie Freiburg

Nicolas Rogoll

Bis weit in den Montag reinfeiern? Im Berliner Techno-Club Berghain ist das völlig normal. Am vergangenen Wochenende hat der Freiburger DJ Rainer Trüby dort zum ersten Mal gespielt. fudder-Autor Nicolas Rogoll ist mitgereist - in der Erwartung, Sex, Drugs und Rock'n'Roll zu bekommen.



"Reich des Wahnsinns", "Festspielhaus in Ostdeutscher Brache", "Techno-Tempel": So schreiben das SZ-Magazin, die FAZ und Tobias Rapp über den Techno-Club in unmittelbarer Nähe des Berliner Ostbahnhofs. Mythen ranken sich um die Darkrooms, den angeschlossenen Sex-Club "Lab-oratory", und Sven Marquardt, diesen einen krassen Türsteher. Der aber muss auch irgendwann einmal ins Bett und überlässt die Tür seinen Kollegen. Die sind freundlich, aber gründlich. Zwei mitgebrachte Flaschen Wein müssen draußen bleiben. "Jibt ooch Wein hia", berlinert der eine.


Gespannt schleppe ich mich die Stufen der schwarzen Eisentreppe hinauf. Das Wummern wird lauter. Die Blitze greller. Auf einmal lieg sie vor mir, die Tanzfläche des Berghains. Auf ihr: Menschen, viele Menschen. Verschwitzte Körper, treibender Techno, ein Meer.

Ich sehe genau das, was man mir berichtet hat. Alle Erwartungen, die ich an diesen Ort gerichtet habe, verpuffen auf einen Schlag. Nicht, weil das Berghain enttäuscht, sondern weil es einfach nur seinem Ruf gerecht wird. Es überrascht nicht mehr. Das Berghain ist einfach nur ein Club. Es will gar nichts anderes sein. Nur sein Hype und seine Geschichte machen ihn zu mehr. Das wird mir klar, als ich am obersten Treppenabsatz ankomme.

Im Berghain reicht das Auge bis zur nächsten Wand

Es ist interessanterweise die Architektur des Ortes, die mir diesen Eindruck vermittelt. Das Innere des ehemaligen Heizkraftwerks ist auch nur eine Location. Im Berghain-Forum schreibt ein User: "Menschenmassen so weit das Auge reicht". Das Auge reicht bis zur nächsten Wand. Dort steht Berghain-Resident Norman Nodge an den Plattenspielern und treibt die Stimmung hin zur Ekstase. Mehr ist da nicht.

Noch einmal Treppenstufen. Dann stehe ich in der Panoramabar. Der Freiburger Disc Jockey Rainer Trüby, seit 19 Jahren Veranstalter der Root Down-Partys im Waldsee, wird bald sein Set spielen. Das vorletzte Set der "Klubnacht", die am Samstagabend beginnt und bis in die Morgenstunden des darauffolgenden Montags dauert. Es ist Sonntagabend, 20 Uhr. In einer Stunde wird Trüby das Mischpult von DJ Ge-ology aus New York übernehmen. Drei Stunden Zeit hat er für sein Set. Von 21 bis 24 Uhr. "Eine meinem Alter gerechte Uhrzeit", sagt er tags darauf beim Frühstück am Alexanderplatz.

Applaus brandet auf, als Ge-ology sein letztes Stück spielt und an Rainer Trüby übergibt. Trotz des nahtlosen Übergangs zwischen den Disc Jockeys steht im Berghain jeder Künstler für sich. Viele kommen nur, um den einen Disc Jockey zu hören und sich seiner Musikauswahl für mehrere Stunden hinzugeben. Latin, Soul, vereinzelt ein paar Samples bekannter Disco-Platten: Das ist, was Ge-ology gerade spielt. Zum ersten Mal bin ich an diesem Abend überrascht. Wenn man dem Glauben schenken mag, was man so liest, geht im Berghain nur Techno. Alle druff. Alle wollen Abfahrt. Der DJ muss liefern. Wohl geirrt.

Ein Ort mit eigenen Regeln - wie El.Pi und Kagan

So kommt es, dass Rainer Trübys erste Platte auch "Plastico" von Ruben Blades ist. Salsa. Die Menschen auf der Tanzfläche tun sich spontan zu Pärchen zusammen, egal ob gleichgeschlechtlich oder nicht. Sie fangen an, Salsa zu tanzen. Wie in Freiburg, wenn es auf Studentenpartys mal wieder so richtig bunt zugeht. Das hätte keine Tanzschule in Freiburg besser hinbekommen. Trübys weiteres Set ist von Ausflügen in lateinamerikanische Gefilde und andere Genres gespickt. "Irgendwann dachte ich mir dann, Mensch, wie komme ich jetzt aus der Disco-Nummer wieder raus?", wird Trüby sein Set später reflektieren.

Widerspricht es der Natur des Berghains, wo Woche für Woche Techno-Musiker von Rang und Namen auflegen, wenn auf einem Floor mal eine Salsa-Nummer läuft? Kein Stück! Der Laden ist zwar ein Ort mit eigenen Regeln. Aber das sind Orte wie das El.Pi und das Kagan in Freiburg eben auch. Vielleicht ist das Berghain sogar noch ein wenig spießiger, was Organisation und Regeln betrifft. Running Order, Lautstärke, Gästeliste: Alles bis ins Detail durchgeplant. Der Club ist ein perfekt durchorganisierter Betrieb. Von wegen zügellos und ungezwungen!

Vielleicht täusche ich mich auch. Vielleicht ist das Berghain ja auch nur unter dem Einfluss von Drogen und dem Entzug von Schlaf in seinem Wesen erfahrbar. Aber solange man darauf nicht zurückgreift, ist das Berghain nur ein Club mit großartiger Musik. Und bis auf den Applaus für die Disc-Jockeys und die Tatsache, dass ihnen kein Gast mit Musikwünschen das Ohr abkaut, vermisse ich in Freiburgs Nachtleben nichts. Nicht einmal die spärlich bekleideten Ausdruckstänzer. "Die haben wir bei Root Down-Partys schon länger, als es das Berghain gibt", sagt Trüby.

Mein Fazit: Im Berghain ist alles Realität und kein Traumgebilde. Nur wer Hedonismus für etwas Abartiges befindet, lässt sich von der Szenerie beeindrucken. Ein ganz normaler Club also, fast so normal wie ein Abend in Freiburg.

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[Foto: Nicolas Rogoll]