Illegale Alleycat-Rennen in Freiburg: "Na klar über Rot!"

Finn Olsen

In Freiburg finden nachts Fahrradrennen statt. Ohne Genehmigung und ohne Absperrungen liefern sich hippe Rennrad-Aficionados halsbrecherischen Verfolgungsjagden - ohne Rücksicht auf Verkehrsregeln. Die Hetz durch die Stadt heißt Alleycat. fudder-Autor Finn Olsen ist mitgefahren:



Ich rase. Wie ein Presslufthammer schlägt mein Herz gegen das Innere meines Brustkorbs, jeder Atemzug Nachtluft schmerzt in meinen Lungen. Mein Verfolger ist nur drei Radlängen hinter mir, gemeinsam jagen wir auf unseren Rennrädern durch die Gassen des Stühlingers. Ich trete, ich schaue stur nach vorne, ich gebe alles. Die Rücklichter der Autos vor mir verschwimmen, meine Augen tränen, mein Haarband flattert. Eine Katze huscht über die Straße, mit einem gefährlichen Schlenker weiche ich ihr aus, Dreck aus einer Pfütze spritzt gegen meine Beine. Mit einem Manöver überhole ich drei Autos.


BAMM! Ein bunter Wasserballon knallt vor mir auf den Boden, mein Verfolger hat ihn im Fahren nach mir geschleudert. Trifft er mich, muss ich ins Gefängnis, so sind die Regeln. Denn er ist der Gendarm - und ich der Räuber. In diesem Fall habe ich Glück: Auf der Kreuzung Klarastraße/Egonstraße presche ich knapp vor einem Volvo, der von links kommt, über die Straße; der Gendarm bremst, stellt sein Fahrrad quer - und flucht. Ich habe ihn abgehängt.

Zwei Stunden vorher im Stadtgarten: Gerade ist die Sonne hinter der Stadt versunken, nun liegt ein orangefarbenes Licht über der Stadt. Vor einer Parkbank haben sich junge Freiburger versammelt, sie alle haben ihre Räder dabei: klassische Rennvelos aus Alu, einfarbige Urban Bikes, ein weiß-blaues Colnago-Fixie. Aus einer hastig hingestellten Boombox perlt Hiphop, die Jungs tragen kurze Jeanshosen, die Mädchen noch kürzere; fast alle haben Tattoos. Auch ich gehöre zu dieser Gruppe. Gemeinsam mit den anderen, werde ich gleich ein Alleycat fahren.

“Alleycat heißt streunende Katze”, sagt Michel, der sich gerade seine Rennradschuhe anzieht. Er trägt eine kurze Schirmmütze, das Schild hat er nach oben gebogen; auf dem Rücken eine dunkle Kuriertasche.

Michel fährt ein grünes Bianchi-Rennrad. Er ist ein Fahrradkurier, normalerweise fährt er Briefe und Pakete aus. Heute sind es Wasserbomben. Er erklärt mir: “Ich bin ein Gendarm. Mein Ziel ist es, Räuber zu fangen und ins Gefängnis am Tennenbacher Platz zu bringen. Du hast Glück: Du darfst ein Räuber sein. Du musst die Stationen auf deiner Karte abfahren und möglichst unbemerkt von uns Cops alle Stempel abholen. Für jeden Stempel kriegst du Punkte. Du benutzt am besten Schleichwege.”

Auf meiner Karte, meinem Manifest, sind 6 Stationen eingezeichnet. E-Werk, Stühlinger Kirchplatz, Spielplatz Draisstraße, Eschholzpark, Spielplatz Stühlinger und das Gefängnis am Tennenbacher Platz. Dazwischen lauern die Cops.



Das erste Alleycat wurde in Toronto gefahren, lange bevor deutsche Szene-Radler Fixies durch Innenstädte schoben. In Freiburg gibt es die Rennen nur selten, und wenn, dann erfahren nur Eingeweihte davon. Plakate, Flyer, öffentliche Facebook-Einladungen gibt es nicht. Aus gutem Grund: Alleycats finden im Geheimen statt, es gibt keine Absperrungen, keine Genehmigung und keine Straßenverkehrsregeln.

Alleycat-Fahrer suchen immer den schnellsten Weg, fahren gegen Einbahnstraßen und über Stoppschilder. “Was wir machen ist nicht immer legal. Natürlich passen wir dennoch extrem auf”, sagt Michel und grinst. Und rote Ampeln, fahrt ihr da drüber? Er nimmt seinen Ärmel, wischt etwas Dreck vom Rahmen seines Rads, prüft noch einmal den Sitz seines Sattels und sagt: “Na klar über Rot.”

Mutprobe an der roten Ampel

Dass das mit den roten Ampeln unter Alleycat-Racern eine ganz wichtige Sache ist, merke ich erst, als es zu spät ist. Ein Cop hat mich auf der Stefan-Meier-Straße aufgespürt, er hat mich an dem weißen Haarband erkannt, das alle Räuber tragen. Als ich ihm entgegen komme, fährt er einen U-Turn und verfolgt mich. Den Cop dicht hinter mir fahre ich auf eine Ampel zu; als ich noch hundert Meter entfernt bin, springt sie auf Rot.

Ich verstehe nun, dass die rote Ampel weit mehr ist als eine Verkehrsregelung. Sie ist die Mutprobe: Fahre ich drüber, bin ich eine streunende Katze, ein Räuber, ein Radfahrer aus Leidenschaft. Kneife ich, bin ich ein gewöhnlicher Stadtradler. Viel zu fest packe ich nun die Schaumstoffgriffe meines Lenkers, in meinem Magen dreht sich ein Karussell, der Rücken ist schweißverklebt. Dann fahre ich mit geschlossenen Augen über die Ampel - und bin erleichtert. Ich bin jetzt einer von ihnen.

Zwei Stationen habe ich bereits passiert, ich war am Stühlinger Kirchplatz und am E-Werk. Dazwischen bin ich zwei Wasserbomben ausgewichen und habe mich hinter einem Auto vor einem heranstürmenden Cop versteckt. Um meinen Atem etwas zu beruhigen, fahre ich den Umweg über die Ferdinand-Weiß-Straße zur nächsten Station, dem Eschholzpark. So kann ich entspannen, ohne auf einen Cop zu treffen. Doch ich liege falsch. Aus dem Schatten parkender Autos taucht auf einmal Michel vor mir auf, er zückt eine kleine Wasserpistole und spritzt Wasser in meine Richtung. An mir vorbei wie ich finde. Direkt auf meinen Rücken, wie er findet. Nach kurzer Diskussion gebe ich nach - und fahre ins Gefängnis. Ich muss nun von Neuem beginnen.

Als ich befreit werde, gelingt mir eine Serie. Ich jage von Station zu Station, fahre durch dunkle Gassen, sehe kaum einen Cop - und wenn dann bin ich schneller. Ich fahre vom Spielplatz Draisstraße zum Stühlinger Kirchplatz und von da zurück zum Spielplatz Stühlinger. Dann will ich zum E-Werk. Eine Viertelstunde dauert das Rennen noch, ich gehe jetzt Risiko, verzichte auf dunkle Umwege: Rennroute Eschholzstraße.

Plötzlich ist da ein echter Cop

Mit Vollspeed rase ich sie hinunter, meine Oberschenkel brennen, als würde jemand spitze Nadeln hineinstechen. In voller Fahrt fahre ich auf die Ampel an der Kreuzung zur Lehener Straße zu, als ich fünf Meter davor bin, springt sie auf Rot. Diesmal bin ich mutiger: Nach einem Blick nach rechts fege ich ungebremst über die Ampel. Dass das ein Fehler war, merke ich erst, als ich drüber bin. Ein Polizeiauto ist gerade ebenso an die Kreuzung gefahren, als der Fahrer mich sieht, wendet er das Auto. Ich begreife, dass aus Spiel gerade Ernst geworden ist, etwa 150 Meter trennen mich von dem Polizeiauto.

Ohne mich noch einmal umzublicken beschleunige ich mein Rad. Ich flüchte. Wenn sie mich kriegen, bin ich am Arsch. Auf Höhe der Bar Brasil reiße ich den Lenker nach links, kreuze die Straße und fahre über die Gleise der Tramtrasse, die hinaufführen zur Stadtbahnbrücke. Hier darf kein Auto fahren.Mit einem Satz springe ich über die Schienen, und zwänge mich in Höchstgeschwindigkeit durch einen Ausgang, der links und rechts meines Fahrrads nur wenige Millimeter Platz lässt. Dann biege ich in eine Seitengasse, blicke über meine Schulter nach hinten auf eine leere Straße und rolle in einen Hinterhof.

Zwischen Taubendreck und Mülltonnen lege ich mein Fahrrad ab, setze ich mich auf den Boden, und lehne meinen Kopf an eine graffiti-verschmierte Hauswand. Mein Blick ist klar und wach - hier findet mich kein Polizist. Ich habe gewonnen.

Um einen Eindruck zu vermitteln wie Alleycat-Rennen ablaufen, hat Finn Olsen mit einem anderen Mitfahrer dieses Video gedreht:





Alleycat


Alleycats
sind privat organisierte Fahrradrennen in der Stadt, die ohne Anmeldung und Absperrung im fließenden Verkehr stattfinden. Nicht immer achten die Teilnehmer auf die Verkehrsregeln, rote Ampeln werden oft überfahren.

Die Polizei Freiburg hat diese Rennen jedoch nicht gesondert im Visier. "Wir haben keinen Anlass zu denken, dass es in Freiburg Kleingruppen gibt, die illegale Rennen abhalten", sagt Norbert Becker, Verkehrsreferent bei der Polizei Freiburg. Er sieht eher ein generelles Problem bezüglich der Verkehrsmoral Freiburger Fahrradfahrer: "Die regulären Fahrradfahrer sind das Problem, wie unsere großangelegte Überprüfung diesen Sommer wieder gezeigt hat." Dennoch warnt Becker davor, rote Ampeln zu überfahren: "Je nach Zeitpunkt kann das teuer werden, im schlimmsten Fall kostet das 180  Euro und es gibt Punkte."

Mehr dazu:

[Symbolfoto: Florian Forsbach; Michel hat eigentlich einen anderen Namen. Wir haben ihn auf seinen Wunsch geändert.]