Ich werde die alte UB vermissen

Jule Markwald

Vergangene Woche hat fudder-Autor Martin ausführlich erklärt, warum er die UB nicht vermissen wird und sie am liebsten im heutigen Halb-Abriss-Zustand belassen würde. fudder-Autorin Jule sieht das anders. Denn Jule hat schon als Kind in der UB gespielt und auch sonst ganz viele gute Erinnerungen an den Bau, der jetzt vom Baggersaurus systematisch abgeknabbert wird. Eine Gegenrede.

Liebe UB,

ja, Du warst sagenhaft hässlich. Aber Du bist auch ein Stück meiner Biografie. Einen guten Teil meiner Kindheit hindurch warst Du eine feste Größe in meiner Stadt. Lange Zeit war ich der festen Überzeugung, dass Du das größte Gebäude auf der ganzen Welt sein musstest. Du warst geradezu furchteinflößend für ein fünfjähriges Mädchen.


Dass meinem Vater in Deinem Parkhaus der Mercedesstern von seinem klapprigen Benz geklaut wurde, verlieh Dir eine aufregend zwielichtige Aura. Die langen Gänge mit flackerndem Licht aus Neonröhren wirkten beklemmend auf mich, Deinen ganz eigenen, besonderen Geruch werde ich mein Leben lang nicht aus der Nase bekommen.

Doch Du hattest auch schöne Seiten. Deine Büchereisenbahn war zehnmal spannender als jedes Produkt, das Märklin jemals auf den Markt gebracht hat. Und wenn man artig leise war, dann durfte man sogar zwischen den endlosen Bücherregalen rumlaufen und so tun, als hätte man sich verirrt, während Papa wichtigen Unikram erledigte. Auf Deinen Kopierern habe ich die ersten Kopien meiner Handfläche erstellt und mein schönes weißes Kleid komplett mit Druckerfarbe eingesaut.

Viele Jahre später, als ich schon groß war, war Deine Tiefgarage der Tatort meiner ersten Schramme im ersten eigenen Auto. Und meine allererste Vorlesung zu Studienbeginn fand in Deinen Katakomben statt. Du warst Kinderzimmer und Schauplatz geschichtsträchtiger Momente in meinem Leben.

Ja, liebe UB,  Du warst hässlich. Aber tief drinnen, zwischen all dem Beton und grellen Neonlicht, da warst Du wunderschön.

Ich werde Dich vermissen.“