Ich war inkognito beim Speed-Dating der Facebook-Seite "Freiburger Singles"

Carl Dohmann

Nach der großen Liebe beim Speed-Dating suchen? Man muss ja nicht jeden neumodischen Kram mitmachen. Wie fudder-Autor Carl Dohmann den Selbstversuch erlebt hat:



Teelichter und rote Rosen auf allen Tischen, leise Jazzmusik im Hintergrund. Einige sind schon da. Etwas unsicher betrete ich das Obergeschoss der Mehlwaage, wo in ein paar Minuten das Speed-Dating der Facebook-Seite Freiburger Singles stattfinden soll. Es ist kurz vor vier am Sonntagnachmittag. Sechs andere Männer haben sich im Eingangsbereich versammelt, fünf Frauen sitzen am anderen Ende des Raumes. Erst später erfahre ich durch die Veranstalter, dass das auch durchaus so gewollt ist.


Theo Lammich kommt gleich auf mich zu und heißt mich willkommen. Er hat schwarze Haare, trägt ein Hemd, ist etwa 20 Jahre alt. Fünf Tage vorher hatte ich mich übers Internet für die Veranstaltung angemeldet. Die Teilnahme kostet 14 Euro. Zusammen mit Verena werde er das Speed-Dating leiten, erklärt er mir. Sie ist etwas legerer gekleidet als er, hat blonde Haare, dürfte auch etwa in seinem Alter sein.

Die beiden moderieren auch die Facebook-Seite (50 Paare haben sie laut Theo schon zusammengebracht) und organisieren nun im dritten Jahr nacheinander das Speed-Dating. Außerdem ist Theo Moderator bei "Du weißt du bist Freiburger, wenn". Ob ich nervös sei, fragt er mich. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht oute, denn auch die Veranstalter wissen nicht, dass ich als Journalist hier bin. Es werde zum Auftakt erst mal Sekt und Orangensaft geben. Wir warten noch bis Viertel nach vier, falls kurzfristig doch noch Teilnehmer erscheinen.

Stadt oder Dorf?

Ich bin nicht der einzige, der zum ersten Mal an einem Speed-Dating teilnimmt. Die meisten wissen nicht, was sie erwartet. Entsprechend zurückhaltend geben sich die Teilnehmer. 18 bis 30 Jahre alt sollen sie laut Flyer sein, die anwesenden Frauen bewegen sich tendenziell eher an der unteren Altersgrenze. Bei den Männern gehöre ich mit 24 Jahren zu den Jüngsten.

Sieben Minuten werde man sich mit jeder Frau unterhalten, sagt Verena. Sie erklärt die Regeln für die Männer, Theo am anderen Ende für die Frauen. Man vermeidet in jeder Situation, dass sich die Fraktionen außerhalb der Gespräche zu nahe kommen. Zwischen jedem Gespräch gibt es eine kurze Pause, in der man sich auf einem Zettel Notizen zu seinem letzten Gegenüber machen kann. Am Ende muss man sich entscheiden, ob man ein "Daumen hoch" oder ein "Daumen runter" gibt. Haben sich zwei geliket, bekommt man irgendwann später die E-Mail-Adresse des anderen zugeschickt. Jeder klebt sich nun ein Etikett mit seinem Namen (oder einem Pseudonym) auf die Brust. Die Frauen verteilen sich auf die Tische, die Männer sollen einmal durchwechseln.

Mit meiner ersten Gesprächspartnerin rede ich über Hobbys und das Speed-Dating, die zweite erzählt mir von den früheren Nachteilen, in einem abgelegenen Dorf gelebt zu haben. Die dritte ist in ihrem Dorf sehr aktiv. Viele Fragen wiederholen sich, man redet über Herkunftsorte, Studium oder Ausbildung, Freizeitaktivitäten. Mehrere spielen ein Instrument im Musikverein, mit vielen unterhalte ich mich darüber, ob das Leben in der Stadt oder im Dorf schöner ist. Wir sind erstaunt, wie schnell sieben Minuten vorbei sind. Obwohl die Gespräche relativ oberflächlich verlaufen, bleibt von jedem doch etwas hängen. Ich frage mich, wie viel ich in ein paar Tagen noch von jeder Einzelnen wissen werde.

Wer hat's erfunden? Ein jüdisch-orthodoxer Rabbiner

Gerade habe ich mich an das Verfahren gewöhnt, bin ich auch schon an der Reihe, für zwei Gespräche auszusetzen: Der Männerüberschuss macht sich bemerkbar. "Dieses Problem gibt es überall", sagt Theo. "Bei jedem Speed-Dating, auf allen Flirt-Portalen." Die einzige Chance sei es, aggressiv dagegen vorzugehen: "Wir haben die Anmeldephase bei den Männern früher beendet als bei den Frauen. Außerdem haben wir versucht, den Flyer so zu gestalten, dass er mehr Frauen anspricht." Ein Sektglas, Wolken und eine kleine Rakete mit einem Herz drauf zieren das Veranstaltungsplakat.

Für alle sind nun fünf Minuten Pause. Theo erzählt, dass ursprünglich ein jüdisch-orthodoxer Rabbiner das Speed-Dating erfunden habe. Mit meiner vierten Gesprächspartnerin unterhalte ich mich über verschiedene Freiburger Locations, mit der fünften darüber, welche Überlegungen man bei der Wahl eines Studienfachs anstellen sollte. Ich habe den Eindruck, dass die Teilnehmerinnen meist recht ungezwungen und eher zufällig da sind. Man sei mit einer Freundin zusammen gekommen oder habe auf Facebook über "Du weißt du bist Freibuger, wenn..." vom Speed-Dating gelesen und sei dann einfach mal hergekommen.

Kurz nach halb sechs sind die Gespräche beendet, wir füllen unsere Zettel aus. Bis jetzt habe ich mir keine einzige Notiz gemacht, mir wäre es unangenehm gewesen, wenn andere meine Kommentare hätten lesen können. Manche haben es wie ich gehalten, andere haben den Zettel während der Gespräche umgedreht.

Ein paar Minuten später ist alles vorbei. Ich habe noch keine Ahnung, was die anderen über mich geschrieben haben. Etwas mulmig ist mir, als ich die Mehlwaage wieder verlasse. Fest steht aber auch: Ich bereue es nicht, dagewesen zu sein.

Von alleine wäre ich nie zu einem Speed-Dating gegangen. Das wird auch in Zukunft so sein. Mein Vorurteil aber, dass ich unter vom Leben verzweifelten Balzpartnersuchenden landen würde, hat sich nicht bestätigt. Jeder Nachtclub kommt dieser Vorstellung wohl deutlich näher. Vielmehr sind solche Veranstaltungen Anstoß für neue Bekanntschaften. Was dann daraus wird, hat nichts mehr mit Speed-Dating zu tun. Theo meint, oft hätten sich einfach "neue Freundschaften gebildet."