Ich war eine Polizeimeldung: Wie es ist, überfallen zu werden

Martin Jost

"Haslach: Zwei Männer überfallen Passanten" lautete vor vier Wochen eine kurze Polizeimeldung auf fudder. Der Passant, der von zwei jungen Männern in der Nähe des Dorfbrunnens verprügelt wurde, war Martin, 26. Wie es ist, überfallen zu werden:



Vier Wochen ist es her, dass ich verschlagen und ausgeraubt wurde. Die Wunden sind so gut wie verheilt, aber ein bisschen Angst und ein bisschen Wut und ein bisschen Glaube an das Schlechte sind mir geblieben.


Ich war abends auf dem Heimweg vom Roten Kreuz. Meine Lust auf zu Fuß gehen und dabei Musik hören führte mich durch Weingarten und Haslach. Auf der Brücke, die die beiden Stadtteile verbindet, liefen mir zwei Typen nach: einen halben Kopf kleiner als ich und höchstens Anfang 20. Im Rückblick kommen sie mir ganz schön unentschlossen vor, bis sie sich endlich ein Herz fassten und mich überfielen.

Da hatte ich mich schon an der Ampel mit ihnen unterhalten und ihnen in die Augen geschaut. Und entschieden, dass mein mieses Gefühl ihretwegen übertrieben war. Trotzdem zog ich mein Telefon aus der Jacke und rief jemanden an. Keiner da. Kurz der Gedanke: Soll ich den beiden vorspielen, dass ich telefoniere und jemandem sage, wo ich bin? Aber das kam mir albern vor. Wozu bin ich eigentlich groß und stark, wenn ich noch Angst im Dunkeln habe?

Mit dem Handy am Ohr höre ich das erste Mal nicht auf die Schritte hinter mir. Ich stecke es ein und eine Faust trifft mich mit Wucht am Hinterkopf. Von da an halten mich die zwei Verbrecher fest und schlagen gleichzeitig weiter auf mich ein.

Sie sind aufgekratzt, total planlos, und rufen: „Geldbeutel her!“ Ich sage laut und deutlich, den könnten sie haben, wenn sie nur aufhören würden, mich zu schlagen. Sie hören aber nicht auf. Ich fische mein Portemonnaie trotzdem aus der Tasche und halte es  ihnen hin. Ein paar mal schlagen sie noch zu, dann verpissen sie sich. Mein Kopf wummert und mein Gesicht brennt. Ich sehe die beiden laufen, da telefoniere ich schon mit der 110. Die Polizei lässt sich von mir noch die Räuber beschreiben, da düsen die ersten Streifenwagen in die Richtung, in die sie geflohen sind. Geschnappt werden sie leider nicht mehr.

Eigentlich bin ich gut davon gekommen: Nie zu Boden gegangen; die Narbe von der Platzwunde sieht man nur, wenn man’s weiß; die Muskelzerrung im Genick tut fast nicht mehr weh. Ungefähr 90 Cent Bargeld los, mit Ersatz für Ausweise sowie zerrissene Klamotten vielleicht 150 Euro Schaden. Das übernimmt voraussichtlich die Versicherung vom Roten Kreuz, weil ich von einer ehrenamtlichen Arbeit kam.

Was mich fertig macht, ist, dass man alles richtig machen und trotzdem aufs Maul bekommen kann.

Wie unglaublich sicher ich mich gefühlt habe durch meine Größe und weil ich – mit Verlaub – keine Frau bin, ist mir erst jetzt klar, wo ich dieses Gefühl verloren habe. Ich drehe mich auf der Straße oft um. Aber ich erwarte nicht mehr eine Faust aus der Dunkelheit, die mich mit Wumms trifft, wenn mich nur ein Jogger überholt.

Geholfen haben mir viele Freunde, die von sich aus sagten: Sie sind für mich da, wenn ich sie brauche. Nicht so hilfreich war die Frage, warum ich die zwei Mistkerle nicht einfach zu Matsch gehauen habe. Hätte ich eine Chance gehabt? Vielleicht probiere ich das beim nächsten Mal.

Aber ich kann gut damit leben, es nie herauszufinden.

Mehr dazu: