Ich steh' dazu: Ich rede im Kino mit meiner Sitznachbarin

Klara Hesse

Leute, die im Kino reden: Früher waren sie ihr verhasst, heute gehört sie selbst dazu. fudder-Autorin Klara Hesse ist Kino-Rednerin und steht dazu. Wie es dazu kam und warum sie das gar nicht mal so schlimm findet:



Es fing ganz harmlos an: In der Mittelstufe habe ich mich des Öfteren mit meiner besten Freundin am Wochenende verabredet, zum sogenannten "Schabernack-Film-Mimi-Klara-Übernachtungs-Abend". Das war immer das Highlight der Woche: Freitags Sachen gepackt, zur Freundin gegangen, ungesunde Sachen gegessen und Filme geschaut bis zum Abwinken.


In Sachen Filme ist meine Freundin nicht zu toppen: Man nennt einen Schauspieler, sie nennt sämtliche Filme, in denen er oder sie mitgewirkt hat - bei manchen erfährt man auch gleich noch den aktuellen Beziehungsstatus. Inzwischen habe ich deswegen einen Komplex: Ich versuche da irgendwie mitzuhalten.

An jenen Filmabenden fiel die Entscheidung für einen Film meistens recht leicht. Wir haben gefühlt jede dritte Woche die Herr-der-Ringe-Trilogie angeschaut. Klar, dass man schnell sämtliche Filmszenen mitreden konnte. Wir wussten, dass Frodo gewinnt, dass die Guten die Bösen besiegen, dass Sam seine Rosi bekommt ...

Nachdem das klar war, konnten wir uns also ganz darauf konzentrieren, einzelne Szenen zu kommentieren. "In der Szene sieht er/sie aber komisch aus", "Hast du gesehen, dass Legolas da stolpert?", ... Zuhause kann man das getrost machen, im Notfall kann man ja immer zurückspulen. Im Kino hingegen ist das nicht möglich.

Mich haben Leute immer genervt, die im Kino mit ihrem Sitznachbar sämtliche Szenen kommentieren - und zwar so laut, dass alle es mitbekommen. Mit ein bisschen Glück lässt sich jemand aus dem Publikum herab, einen bissigen Kommentar abzugeben, man solle das doch jetzt bitte unterlassen. Ohne Erfolg. Solche Zurechtweisungen führen entweder zu hysterischem Gekicher oder sinnlosem Rumpöbeln.

Als Kino-Rednerin geoutet habe ich mich im Dezember 2006. Ich war mit besagter Freundin in 'Eragon' und fand den Protagonisten unglaublich toll. Den ganzen Film über habe ich mich zusammengerissen und versucht, nicht mit meiner Freundin zu reden, aber eine besonders spannende Szene - einem Kampf zwischen dem Hauptdarsteller und dem Oberbösen - riss mich zu sehr mit. Ich konnte nicht mehr an mich halten und schrie durch den ganzen Saal: "Er darf nicht sterben, Mimi! Er sieht zu gut aus!"

Ein Junge vor mir drehte sich daraufhin vorwurfsvoll zu mir um. Peinlich. Mein Kopf war tomatenrot, ich wäre am liebsten im Boden versunken.

Inzwischen schreie ich nicht mehr, ich rede allerhöchstens so laut, dass es die Leute im Umkreis von zwei Metern hören. So gesehen bin ich fast also genesen.

Ich find's nicht schlimm, dass ich nicht still sein kann. Deswegen gehe ich doch mit Freundinnen ins Kino und nicht alleine: Ich will ja über den Film und die Schauspieler reden. Ich schaue gerne gute Filme und will mich dann auch darüber unterhalten. Warum ich das nicht nach dem Film mache? Manches muss einfach sofort gesagt werden. Ich will mir nicht merken müssen, was eine Schauspielerin in einer bestimmten Szene gesagt hat, nur um dann nach dem Kinobesuch zu meiner Freundin zu sagen: "Hey, weißt du noch, was die eine da in Szene 19 zu dem anderen da gesagt hat?"

Wenn jemand ein Problem damit hat, dass ich im Kino rede, soll er's mir direkt sagen, dann bin ich den restlichen Film über leise. Aber alles erleiden und dann später über die Idioten schimpfen, die während des Films gequatscht haben, finde ich unfair.

PS: Wenn ihr das nächste Mal ins Kino geht und jemanden reden hört: Das bin nicht zwangsläufig ich.

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