Ich steh' dazu: Ich mach' noch Mixtapes

Alexander Ochs

Die BluRay-Disc soll demnächst die DVD ablösen, seit gut zehn Jahren hat sich das mp3-Format als Standard für Audiodateien durchgesetzt. Und was macht Max weiterhin? Mixtapes aus der analogen Steinzeit – zwei Mal 45 Minuten auf Maxell XLII-S 90.



Ich mache noch Mixtapes. Ich habe eine Stereoanlage mit CD- und Plattenspieler, ich habe einen kleinen iPod, einen PC – und einen Walkman, Typ Sony DD Quartz, Baujahr 1993. In meinem alten VW-Bus steckt auch noch ein Kassettendeck.


Im Grunde sind sich beide – Volkswagen und Sony-Walkman – ähnlich, denn für Auto und das mobil-analoge Kassettenabspielgerät gilt: läuft und läuft und läuft... In Sachen Haltbarkeit dürfte das so schnell kein iPod nachmachen.

Ich stelle Mixtapes zusammen für verschiedene Zwecke oder Anlässe: Geburtstage, Touren mit meinem VW-Bus, Überraschungsgeschenke für die Holde oder was auch immer. Damit die geschenkte Kassette nicht zur bösen Überraschung für Digitalisten wird, habe ich sogar schon zwei Mal ein Tapedeck mit dazu geschenkt.

In der „Königsklasse“ Soundtrack und ähnlich anspruchsvollen Kategorien habe ich seit 1996 rund 30 Tapes zusammengestellt. Für den Hausgebrauch gibt es nochmal circa 40 bis 50 mehr oder weniger liebevoll zusammengebastelte Exemplare und auch im Bulli wartet stets eine Mixtape-Kiste auf den Start zur nächsten Tour.

Die Herausforderung dabei ist immer, die Platten oder Songs eines Künstlers oder verschiedener zusammenpassender Künstler so auszuwählen, dass die Zeitvorgabe von zwei Mal 45 Minuten (und der Kenner weiß, dass eine 45er-Seite gut 46 Minuten Spieldauer bereithält...) erfüllt wird. Halt! Ganz wichtig: ein Spiel hat (gut) 90 Minuten. 60er sind für Leute, die zu wenig gute Musik kennen und 120er für Weicheier, die der Herausforderung einer strikten Liedauswahl nicht gewachsen sind. Meine Bibel, mein Tonträger Nummer 1, war und ist seit je her die Maxell XLII-S 90.

Die Seiten müssen exakt voll sein, ohne dass auch nur ein Song ausgeblendet werden darf. Genauso ist die perfekte Songauswahl absolut wichtig: Es darf keine Längen oder Hänger geben, da man ja nicht dauernd vorspulen will und es sehr schwierig ist, einen schlechten Song im nachhinein durch einen besseren, genau gleich langen zu ersetzen.

Natürlich bedeutet es mehr Aufwand, ein Tape zusammenzustellen. Eine CD ist ja in Minutenschnelle gebrannt. Eine Audiokassette kann ich nur in Echtzeit aufnehmen, so dass ich dabei sämtliche Songs nochmal höre, vielleicht Unstimmigkeiten bemerke, die Lieder liebevoll einzeln aussteuere. Die Krönung der mühevollen Kleinarbeit ist dann das Herausbrechen des Kopierschutzes, wenn man ein Tape für rundum gelungen hält.



Auch die Hörgewohnheiten sind bei der Kassette ganz anders als bei CDs oder mp3-Files. Dadurch, dass das Tape als Ganzes konzipiert wurde, hört man es eher komplett durch. Man nimmt sich also mehr Zeit für die Musik. Bei einer CD springt man viel zu häufig hin und her, „hört mal schnell rein“. Insgesamt also – Karl Marx lebe hoch! – erreiche ich so bei Produktion, Distribution und Konsumption eine bewusste Verlangsamung und Intensivierung. Also eher Qualität statt Quantität beziehungsweise das Herausfiltern der musikalischen Qualität aus der Quantität – kleine analoge Schmuck-Kassetten statt digitaler Datenmengen.

In letzter Zeit habe ich das Ganze noch auf die Spitze getrieben mit der Idee des cadavre exquis beziehungsweise der cassette exquise. Damit meine ich, dass zwei Leute abwechselnd, quasi „blind“, ein Mixtape herstellen. Wir suchen ein Thema aus (Coversongs, Damenwahl... – whatever), ich nehme den ersten Song auf und gebe das Tape weiter. Das Heftige daran ist, dass der andere nicht zurückspulen und auch nicht probehören darf, sondern seinerseits „blind“ einen Song aufnimmt. Wenn das Tape voll ist, trifft man sich zur gemeinsamen Listening-Party – und lässt sich überraschen.

Hey, jetzt habe ich so viel davon erzählt, jetzt möchte ich am liebsten gleich die alte Tape- und Mottenkiste hervorkramen, den Kassettenspieler an- und den iPod wegwerfen!

Mehr dazu:


Web:
Art of the Mix

[aufgezeichnet von Alexander Ochs]