Ich steh' dazu: Ich mach' ein zweites Gap Year

Vanja Tadic

Ein Jahr Pause nach dem Abitur ist schon für viele unverständlich. Aber zwei Jahre? Da muss ja einiges schief gelaufen sein. Ich, 18, Abi 2015, steh' dazu:



Es gibt eine Frage, die höre ich (und ich stehe hier vermutlich für alle Abiturienten dieses Landes) mittlerweile öfter als "Wie geht's dir?". Sie lautet: "Und, was machst du jetzt so?" Es scheint die Omas, Opas, Tanten, Bekannte, Freunde, Eltern nicht sonderlich zu interessieren, wie es einem "jungen Erwachsenen" nach dem Abi geht. Viel wichtiger ist die Frage, was er jetzt macht!


Akzeptiert werden folgende Antworten, absteigend geordnet.: Studium. Irgendwas Soziales. Ausbildung. Praktikum. Reise nach Kanada. Reise nach Thailand. Gap Year.

Szenario: Ich sitze mit meinen Freunden in einem Café. Ein Bekannter kommt vorbei und fragt, was wir denn alle so machen jetzt. Ich merke, wie ich nervös auf dem Stuhl rum rutsche, anfange zu schlucken und nicht weiß, wo ich hinschauen soll. Mein einziger Wunsch: Dass ich übersehen werde, weil es so interessant ist, meinen Freunden zuzuhören. "Medizin", "Jura", klingt alles echt gut.

Doch dann: "Und? Wie sieht's bei dir aus?" Meine Antwort, in die ich verkrampft Sinn reinpacken möchte, klingt so furchtbar, dass der Bekannte die Augenbrauen hochzieht und ganz verdattert fragt: "Du machst NOCH ein Gap Year?"

Zwei Jahre Pause. Geht's noch?

Exakt! Ich mache ein zweites Gap Year und ich stehe dazu. Obwohl dieser Ausdruck "Gap Year" sehr nach "International-Business-Käse" klingt. Ich formuliere es lieber anders und sage: "Ich lasse mir ein Jahr mehr Zeit mit der Wahl meines Studiums".

Warum auch nicht? Ich habe verständnisvolle Eltern, bin jung, verbringe viel Zeit mit Dingen, die mir Spaß machen und denke viel nach. Es fühlt sich richtig an. Trotzdem habe ich immer wieder das Gefühl, ich müsste so eine lange Pause mit etwas rechtfertigen.

Viele Gründe haben mich zu dieser Entscheidung getrieben. Der allerwichtigste: Ich fühle mich noch nicht so weit. Der zweitwichtigste: Ich will noch was erleben, was ich vielleicht nie wieder erleben kann. Der drittwichtigste: Ich will keine Marionette der Gesellschaft sein.

Wer bin ich? Was will ich?

Ich gebe zu: Ich habe noch nicht entschieden und gefunden, was ich machen möchte. Viele meiner ehemaligen Mitschüler studieren schon und ich habe oft das Gefühl, etwas zu verpassen. Aber da ich mich dazu entschieden habe, etwas zu warten, stehe ich auch dazu. Und etwas schöneres, als zu einem weiteren Jahr in Freiheit zu stehen, gibt es glaube ich nicht.

Die Argumente dagegen kommen zahlreich: Wer früher studiert, hat früher einen Job, früher Geld, früher Kinder. Mir ist das egal. Ich will diese freie Zeit packen, wie ein Kleinkind sein Kuscheltier und einfach weiter genießen. Ich will keinen Alltag, keine Schule, kein Stress. Zeit zum Denken: Wer bin ich? Was will ich? Wo will ich einmal landen?

Ich werde dieses zweite Jahr in vollen Zügen genießen. Ich werde meinen Nebenjobs nachgehen, viel tanzen, nachdenken - und Bilder aus Vietnam, New York und vom Feldsee schicken, während ihr in der Unibibliothek hockt. Kopf hoch, es gibt ja für die meisten dann auch die Möglichkeit mal nach dem Studium zu pausieren.

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[Foto: Laura Wolfert]