Ich steh' dazu: Ich lausche

Bianca Fritz

Man lauscht nicht - das hat auch Biancas Oma immer wieder gesagt. Und trotzdem kann es die 27-Jährige aus Basel nicht lassen. Zu groß ist die Gefahr, eine spannende Geschichte oder einen absurden Dialog zu verpassen.



Irgendwann kommt immer die Frage: „Was machst du eigentlich von Beruf?“ „Ich bin Journalistin“, antworte ich wahrheitsgetreu. „Oh! Dann muss ich ja jetzt aufpassen, was ich sage.“ Nein, liebes Gegenüber. Du hättest vorher aufpassen müssen, was du sagtest. Als du noch dachtest, ich kenne und höre dich nicht. Denn hobbymäßig bin ich leidenschaftlicher Lauscher.


Es kostet nichts, es amüsiert mich und ist überall und einfach zu praktizieren. Ob in Bus und Bahn, Supermarkt und Schuhgeschäft, im Wartezimmer oder auf der öffentlichen Toilette. Was ich da so höre, ist manchmal so absurd, dass ich hingehen und den Sprechern Honorar zahlen möchte: für hervorragende und unbewusst praktizierte Comedy.  

Neulich zum Beispiel habe ich im Wartezimmer meiner Hautärztin folgendes belauscht:
„Und wenn du dann keine Studiengebühren  zahlen willst…“
„Hä? Was für Gebühren?“
„Hasch’ nicht mitgekriegt? Da gab es doch so ganz viele Protestanten!“
„Das heißt Demonstrierer!“
„Ja, jedenfalls, wenn du die nicht zahlen willst, machst du einen IQ-Test, der sagt dir, wie intelligent du bist.“
„Cool! Das will ich auch machen.“ 
„Zum Beispiel, gehst du ins Internet…“
„Ach nee, warte, da muss ich sicher so schwule Fragen beantworten, oder?“
„Ja klar.“
„Nee! Dann nicht.“

Um nach solchen Dialogen nicht laut loszuprusten, verstecke ich mich hinter meinem Notizbuch und schreibe die Dialoge auf. Manchmal lese ich Freunden daraus vor. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Erstens geben die Leute dieses Zeug ja freiwillig und in großer Lautstärke von sich und zweitens kommen keine Menschen in meinem Notizbuch vor, die ich kenne. Nur Fremde – und denen gewähre ich natürlich den Schutz ihrer Anonymität.