Ich steh' dazu: Ich hasse Fußball

Carolin Buchheim

Matthias verweigert sich dem sozialen Druck in diesen EM-Tagen. Er ist nicht beim Public Viewing, er schwenkt keine Fahnen. Denn Matthias hasst Fußball, "eine Veranstaltung, bei der unintelligente Millionäre hinter einem Ball herlaufen". Und er steht dazu.



Ich hasse Fußball. Das war schon immer so. Als meine Klassenkameraden in der Grundschule wie wild Fußballbildchen getauscht haben, habe ich nicht mitgemacht. "Was sind das denn für Idioten?", habe ich mich gefragt, und das frage ich mich noch immer, wenn ich Fußballfans sehe. Ich wundere mich, dass vollkommen normale Menschen, mit denen ich befreundet bin, Leute, bei denen eigentlich alles stimmt, plötzlich zu Fußballverrückten werden. Warum ist das so?


Mich interessiert generell nicht, was unintelligente Millionäre machen. Warum sollte es mich also interessieren, wenn unintelligente Millionäre hinter einem Ball herlaufen, während ein paar tausend Zuschauer dazu Fahnen schwingen?

Überhaupt. Das Fahnen schwingen. Ich finde es schrecklich, dass es im WM-Wahn vor zwei Jahren plötzlich schick geworden ist, sein Auto, seinen Balkon und sich selbst mit Deutschlandfahnen zu dekorieren und man auch jetzt, während der EM, fast nirgends hingehen kann, ohne von Leuten mit schwarz-rot-goldenen Hawaiiketten und Perücken belästigt zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, so etwas zu tragen oder irgendwelche Fahnen hoch zu halten, von keinem Land.

Ich freu' mich auch schon auf die Kommentare, die diese Aussage generieren wird. "Wenn Du keine Deutschlandfahnen magst, dann wander' doch aus!" Das ist natürlich Quatsch: Ich habe generell etwas gegen Nationalismus. Egal wo ich wohnen würde, ernsthaftes Fahnen schwenken fände ich immer blöd.

Ich habe in meinem Leben erst zwei Fußballspiele gesehen. Das eine war 1992 das EM-Finale Deutschland gegen Dänemark, als Dänemark gewonnen hat. Damals habe ich in Augsburg gewohnt, und nach dem Spiel haben meine Freunde und ich eine Sowjetfahne mit einem weißen Kreuz aus Papier beklebt, mit dem wir dann durch die Stadt gezogen sind. Das kam damals nicht sonderlich gut an, aber wir hatten wirklich Spaß.

Das zweite Spiel war das Halbfinale des olympischen Fußballturniers der Frauen 2004, Deutschland gegen die USA. Das habe ich nur gesehen, weil ich bei Leuten zu Besuch war, die das Spiel unbedingt gucken wollten. Und Deutschland hat wieder verloren.



Die einzige Fußballveranstaltung, die mir sympathisch ist, ist die Deutsche Alternative Fußballmeisterschaft, die im Mai in Freiburg stattgefunden hat; dabei geht es ums Fair-Play, nicht ums Gewinnen. Da habe ich mir zwar kein Spiel angeguckt, aber immerhin nette verschwitzte Herren und Damen abseits des Spielfelds getroffen und eine sehr leckere Wurst gegessen.

In meinem Leben ist für Fußball einfach kein Platz. Ich verbringe meine Zeit lieber mit schlechten Fernsehserien, lauter Musik und schnellen Autos. Die nächsten Wochen werde ich deshalb in Ruhe zu Hause mit meiner neuen DVD-Box "Magnum" verbringen oder abends in Läden gehen, in denen kein Fußball läuft. Außerdem veranstalte ich an einem der Tage, an denen Deutschland spielt, ein tolles Konzert. Da weiß ich wenigstens, dass ich unter Gleichgesinnten sein werde.

Entweder man ist cool, oder man guckt Fußball.

[aufgezeichnet von Carolin Buchheim]