Ich steh' dazu: Ich habe mein Studium abgebrochen

Claudia Kornmeier

Was man einmal begonnen hat, das hat man ordentlich abzuschließen. Durchziehen. Sich nicht verzetteln. Erst dann an neue Ziele denken. - Wenn Adrian, 26, nach dieser Maxime gelebt hätte, wäre er wohl nicht dort, wo er jetzt ist: Auf dem besten Weg in ein Airliner-Cockpit.

  Ich liege am Pool im US-Wüstenstaat Arizona. Es sind 32 Grad, der Himmel eigentlich immer blau. Heute bin ich mit dem Flugzeug solo, also ohne Fluglehrer, von einem Flugplatz zum nächsten geflogen. Wie kam es nach 6 Semestern Jurastudium zu diesem Wendepunkt?


Die ersten vier Semester Jura in Freiburg waren eine schöne Zeit. WG-Leben, neue Kommilitonen, ein unbekanntes Wissensgebiet. Es machte mir Spaß, zu lernen wie der Staat funktioniert, wie man ein Gutachten aufbaut und präzise mit der Sprache arbeitet. Ich war auf Kurs, hatte die Scheine, die ich brauchte. Diese waren gut genug, um ein Jahr ins Ausland zu gehen. Also ab nach Lyon: Neue Sprache, viele Eindrücke, zahlreiche Begegnungen. Ein Abstand, der die Dinge klarer werden ließ. Was will ich wirklich?

Und so wie in dem Film 'L’auberge espagnol' eine kleine, innere Stimme „Je veux écrir des livres“ sagt, so gab es auch in mir diese Stimme aus jugendlichen Zeiten, die sagte: „Ich will Pilot werden“.

Tatsächlich konnte ich auch beim zweiten Gedanken wesentlich mehr Leidenschaft der Fliegerei als den Paragraphen abgewinnen. Wenn da nicht diese ganzen Tests wären, die es vorher zu bestehen galt. Eigentlich hielt ich mich ja eher für den sprachlichen als für den naturwissenschaftlichen Typ...

Als ich aus Frankreich zurückkam, war die Luftfahrtbranche im Aufwind, alle suchten Flugzeuge und Piloten. Eine Dame an der Bewerbungshotline bestätigte, die Chancen seien nie besser gewesen als jetzt. Ich entschied mich dazu, die Bewerbung abzuschicken. Bei einer Durchfallquote von 93 Prozent ging ich davon aus, es eher nicht zu schaffen. Immerhin hätte ich versucht, einen alten Kindheitstraum, eine tiefe Leidenschaft zu leben.

Als sie mir nach einem viertägigen Bewerbungsmarathon ein positives Ergebnis mitteilten, war meine Euphorie so groß, dass überhaupt kein Zweifel mehr bestand, das Studium aufs Eis zu legen und endlich zu fliegen. Meine Eltern hätten sich das wahrscheinlich anders gewünscht. Doch meine Freude ließ selbst ihre Zweifel erlöschen.

Das ist nun eineinhalb Jahre her. Auch aus der jetzigen Perspektive war es die wohl beste Entscheidung meines Lebens. Die Momente, die ich hier beim Fliegen erfahre, das Fliegen an sich, macht so viel Spaß, dass sich allein dafür der Studienabbruch gelohnt hat. Das Leben ist zu kurz, um Dinge nur halben Herzens zu tun, wenn man die Möglichkeit hat, Leidenschaft zu leben. [Protokoll: Claudia Kornmeier]

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Ich steh' dazu