Ich kann nicht malen - aber habe 'Das Mädchen mit den Perlenohrgehängen' gezeichnet

Laura Maria Drzymalla

Fudder-Autorin Laura Drzymalla ist keine Künstlerin - für uns hat sie sich dennoch an einem Meisterwerk der Kunst versucht: Jan Vermeers "Mädchen mit den Perlenohrgehängen". Warum Laura das tat - und wie sie sich schlug:



Mit ihren dunklen Augen blickt sie mir direkt entgegen. Ihre Haut ist elfenbeinfarben, ihre Lippen sind tiefrot und leicht geöffnet. Ihr Perlenohrring funkelt seicht. Ihr Blick sagt: „Na? Schaffst du es, mich zu malen, Baby?“

Ich sitze vor einer Leinwand auf einer Staffelei, 40cm x 50cm und habe vor mir nur folgende Utensilien: Drei Pinsel, einen Bleistift, einen Pappteller, ein Wasserglas und eine Fotografie des 1665 von Jan Vermeer gezeichneten Gemäldes "Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge".

Meine Aufgabe für heute ist es, in einer zweistündigen Session genau dieses Bild zu malen. Und bestenfalls so, dass es sich nicht nur meine Mutter aus Liebe über das Sofa hängen würde. Viele Mythen ranken sich um die Abgebildete. Wer die Schöne war, ist ungeklärt. Im fiktiven Roman von Tracy Chevalier ist sie eine Magd namens Griet, die den wertvollen Perlenohrring der Ehefrau Vermeers trägt. Verrucht. Spannend. Verboten. In der Verfilmung wird sie von Scarlett Johansson gespielt, das sagt ja schon alles.



Gönül sagt: "Jeder kann malen!"

Ich nehme vorweg: ich habe kein Gefühl für das Malen. Das beste, was ich bisher auf Papier gebracht habe, war ein Picasso im Kunstunterricht in der sechsten Klasse: 3 Minus. Laut Gönüls "Mal-Meister"-Versprechen soll meine Talentfreiheit hier aber keine Rolle spielen, denn das soll kein Malkurs im eigentlichen Sinne sein.

"Jeder kann malen!", sagt die 42-Jährige Künstlerin, die in Freiburg Bildende Kunst an der HKDM studierte und jahrelang als Designerin arbeitete. "Da ich alles vorne genau zeige, kann es jeder schaffen, ein tolles Bild malen."

Malen für alle

"Social Painting" nennt Gönül ihre Malsessions, ein Phänomen, dass sie bei der Recherche in Amerika gefunden hat. "Hier geht es darum, dass Gruppen gemeinsam Bilder malen, ähnlich wie Musiker ihre Jam-Sessions haben." Es soll in erster Linie Spaß machen, man kann sich unterhalten, austauschen, Kekse essen und Kaffee trinken.

Und so passiert es auch: acht Staffeleien in der Mitte des Raumes, ganz vorne steht jetzt Gönül an ihrer eigenen Staffelei – sie wird vormalen, wir malen ihr nach. Sie drückt alle Acrylfarben, die wir brauchen in genau der richtigen Menge auf unsere Pappteller. Zuerst spannen wir Schablonen mit Pauspapier über unsere Leinwände und zeichnen die Konturen des Gemäldes mit Bleistift nach. Kein Malen nach Zahlen, aber es erleichtert natürlich vieles. 

Gönül plaudert fröhlich, während sie dem Mädchen mit dem Pinsel ihre blasse Gesichtsfarbe verpasst. Die Stimmung ist gelöst und fröhlich, alle sind ein bisschen aufgeregt.



Just happy little accidents

Ich atme durch, mische weiß mit ocker und gelb und setze den dicken Pinsel mit den breiten Borsten an. "We don't make mistakes here, just happy little accidents." Das sagt immerhin Bob Ross. Ich trage die dicke Paste auf die Leinwand, gucke dabei immer wieder verstohlen auf das Bild meiner Nachbarin. "Groooooßflächig auftragen!" ruft Gönül und malt an der Staffelei grob über die Ränder des Gesichts hinaus. "Wir können alles korrigieren!"

Meine angemischte Hautfarbe sieht ungesund aus, als hätte mein Mädchen ziemlich schlechte Leberwerte. Ich schattiere mit weiß hinterher, tusche die Wangen rötlich und die Backen in dunklem braun, weil auf dem Original dort der Schatten fällt. "Sieht aus wie Conchita Wurst", sagt jemand zu meinem Bild. Stimmt. Aber egal, denn was nutzt hier jetzt falscher Perfektionismus und Zögerlichkeit. Soll ja Spaß machen und Conchita macht das auf jeden Fall.

Ich werde mutiger, ja, fühle mich schon fast virtuos. Wild entschlossen ersetze ich die schwarze Hintergrundfarbe durch ein grelles pink, der Turban des Mädchens wird giftgrün, statt blau. Ihre Augen haben leider nicht den selben Ausdruck wie das Original. Mein Mädel sieht mich eher an und sagt die Worte: "Bitch, please". Ich hab sie trotzdem jetzt schon liebgewonnen, sie wirkt ein bisschen wie Perlenohrringmädchen gone wild. Meine Version hat Vermeer verlassen, als Magd gekündigt und ist nach Berlin gegangen, um in einer Werbeagentur zu arbeiten. Ungefähr so.



Stolz wie Bolle

Während ich über meinem Bild sinniere, wandert Gönül umher und sieht sich jedes Bild genau an. Sie verteilt viele Komplimente und gibt einem in der Tat das Gefühl, man hat es wirklich drauf. Sie gibt Ratschläge und setzt auch selber schnell den Pinsel an, wenn man sie drum bittet.

Ich wandere auch umher, bin neugierig auf die Bilder der anderen. Mein Sessionkollegen, fast ausschließlich Frauen, haben es geschafft, das Mädchen jedes einzelne Mal anders aussehen zu lassen. Obwohl wir fast alle Anfänger sind, kann man jetzt schon intuitiv andere Malstile erkennen. Ein Mädchen sieht aus wie eine afrikanische Prinzessin, eine andere wie von Van Gogh gemalt – großartig. Wir alle haben es in zwei Stunden geschafft, dieses Portrait fertigzustellen und sind in der Tat inspiriert, uns mal alleine an die Leinwand zu trauen.

Stolz wie Bolle trage ich mein Bild nach Hause. Meine WG hat es im Flur aufgehängt – danke dafür.


Info

Eine Session kostet 25 Euro, man braucht keine Utensilien oder Vorkenntnisse. Die Motive mit den jeweiligen Terminen kann man auf der Webseite finden und sich dort auch verbindlich anmelden. Jede Session dauert 2-3 Stunden. Sonntags gibt es ab 14 Uhr die "Mal was du willst"- Session für 8 Euro/ Stunde zzgl. ca. 5 Euro Materialkosten je nach Leinwandgröße.

MalMeister – Atelier Gönül Pasinli
Bettackerstraße 10b
0174 4375647
kontakt@mal-meister.de

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Foto-Galerie: Laura Drzymalla

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