"Ich hatte einen Massenmörder zum Freund!" Der Freiburger Rapper Malik über den Tod von Deso Dogg

Marius Buhl

Das Pentagon hat den Dschihadisten Denis Cuspert alias "Deso Dogg" für tot erklärt. Der Berliner Rapper, der sich dem IS anschloss, starb angeblich bei einem Luftangriff der Amerikaner. Malik kannte Deso Dogg von früher. Im Interview erzählt er von der Radikalisierung seines alten Freundes:



Malik, heute wurde bekannt, dass der Rapper Deso Dogg getötet worden sein soll. Es gibt auf Facbook ein altes Bild von euch zweien, das euch sehr vertraut zeigt. Woher kanntest du ihn?

Ismael Hares: Deso Dogg hat damals einen Beitrag über mich im ZDF gesehen, es ging um Rap und Ramadan. Er hat mich bei MySpace angeschrieben, dass er klasse findet, was ich musikalisch mache und mich nach Berlin-Kreuzberg eingeladen. Dort habe ich ihn besucht, das war 2009.

Wir waren relativ schnell ein Herz und eine Seele, wir mochten beide amerikanischen Rap und waren uns sehr sympathisch. In einem Teehaus in Kreuzberg entstand dann auch das Foto von uns beiden, das heute noch auf meiner Facebook-Seite zu sehen ist.

Was mochtest du an ihm?

Er war sehr verantwortungsbewusst und warmherzig. Nach und nach habe ich aber auch gemerkt, dass er ein zerrissener Mensch ist. Einerseits hat er das Unheil in der Welt angeprangert und andererseits eine extreme Sehnsucht nach Anerkennung verströmt. Er wollte ernst genommen werden.

Hattet ihr weiter miteinander zu tun?

Wir haben uns oft auf Konzerten gesehen. Dort war er zwar präsent - aber immer auch sehr am Rand, als Beobachter. Im Gespräch gab er sich gesellschaftskritisch, nach dem Motto: „Guck mal, überall in der Welt schießen sie sich gegenseitig ab. Das ist doch substanzlos.“ Das hat mich damals beeindruckt, weil diese Sicht auf die Dinge in der Rap-Szene nicht alltäglich war.

Bald haben wir dann einen gemeinsamen Track aufgenommen, der hieß „Wir leben für einander“. Ich wollte ihn auf ein Album von mir packen, das bis jetzt nicht erschienen ist. Irgendwann will ich es aber noch veröffentlichen.

Wann kam der Bruch?

Ich werde das nie vergessen. Ich war in Berlin und habe mich von ihm verabschiedet, da meinte er: ‚Ich habe bald eine neue Handynummer, ich werde sie dir zuschicken. Und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört, ihn auch nie wieder erreicht. Ich habe es per SMS, Telefon und E-Mail versucht, er war wie tot.

Der Beginn der Radikalisierung?

Richtig. Zuerst kam der optische Wandel. Er wurde in der U-Bahn in Berlin mit langen, arabischen Gewändern gesehen. Dann war er beim Chirurgen und hat sich alle Tattoos weglasern lassen, insbesondere eine Träne unterm Auge, auf die er sehr stolz war. Dann kam der Salafisten-Bart, dazu ein muslimischer Hut.

Was hat Deso Dogg innerlich radikalisiert?

Das ist schwer zu beurteilen, ich habe das ja auch nur noch von weitem erlebt. Es gab bald ein Video im Internet, in dem er weint und sagt, er schäme sich für seine früheren Lieder und wolle nun aufhören mit der Musik. Die Katastrophe war aber schließlich das Video mit Pierre Vogel, der ihn vor laufender Kamera vollsülzte: ‚Du bist der mit dem Draht zu den Jugendlichen, lass uns mal versuchen, mehr junge Leute für unsere Werte zu begeistern.‘

Zu mir hatte Deso Dogg immer gesagt, er sei schiitischen Glaubens. Und plötzlich zeigte er sich in diesen Videos mit Salafisten und Wahabiten wie Pierre Vogel, der ein erklärter Feind des schiitischen Glaubens ist.

Was trieb Deso Dogg in den bewaffneten Dschihad?

Das ist schwer zu sagen. Jeder Grund bedeutet auch ein Stück Entschuldbarkeit, das will ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese permanente Zerrissenheit in seiner Person irgendwo ausschlaggebend war. Er hat immer Halt gesucht: Erst in der Musik, später dann bei den Salafisten und zuletzt beim IS. Ich habe ein Video von dort gesehen. Darin sagt er: „Wir gehen jetzt Schiiten schlachten!“

Du bist selbst Schiit.

Ja. Wobei ich da differenzieren kann: Er hat nicht nur Schiiten geschlachtet sondern auch gemäßigte Sunniten, Kurden und alle anderen, die gegen den IS sind.

Nun ist Deso Dogg selbst tot. Berührt dich das?

Ich trauere nicht um den Dschihadisten Denis Cuspert sondern um alle Menschen, die er und der IS im Irak und in Syrien getötet haben. Ein Stück weit trauere ich aber um den alten Rapperfreund Deso Dogg, wie ich ihn vor der Radikalisierung kennen gelernt habe. Ich weiß nun: Ich hatte in meinem Leben einen Massenmörder zum Freund. Damit muss ich klar kommen. Ich hätte ihm aber gerne nochmal gesagt, wie er alte Freunde, Familie und Brüder mit seinem Verhalten bis ins Mark enttäuscht hat.

Zur Person


Ismael Hares
aka Malik ist in Kabul/Afghanistan geboren und kam mit 6 Monaten nach Deutschland. Er ist 35 Jahre alt und lebt als Selbständiger, Musiker und Autor in Freiburg. Politisch engagiert er sich als Kommunalpolitiker in der SPD.

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[Foto: Ismael Hares]