Ich habe ein Wochenende mit AirBnB in Weingarten verbracht – und es war super!

Annalina Ebert

Als Freiburgs Ghetto gebrandmarkt hat Weingarten bei vielen Freiburgern keinen guten Ruf. Als neu Zugezogene wusste fudder-Mitarbeiterin Annalina Ebert davon nichts. Sie hat spontan ein Wochenende dort verbracht.

Tippt man in die Suchleiste von AirBnB "Weingarten, Freiburg" ein, findet man eine Handvoll Angebote. Ich entscheide mich für ein sonnendurchflutetes Zimmer bei einem deutsch-französischen Pärchen. Ich wohne noch nicht lange in Freiburg und kenne mich kaum aus. Von den Geschichten über Weingarten habe ich bisher nur am Rande gehört. Was hat es damit auf sich? Immerhin ist Weingarten mit seinen über 11.000 Einwohnern der bevölkerungsreichste Stadtteil Freiburgs. Ein paar Wochenenden später werde ich mir ein Bild machen.


Freitag, 20.30 Uhr

Mein Host hatte mir im Vorhinein schnell und sympathisch auf meine Nachrichten geantwortet. Nun stehe ich bei ihm in der Wohnung und habe ein kleines Gästezimmer mit großem Fenster für mich und meinen Freund, der mich begleitet. "Fühlt euch wie Zuhause", sagt unser Gastgeber auf Französisch, während er uns den Wassersprudler und die Kaffeemaschine in der Küche zeigt. Die Küche und das Bad teilen wir uns mit ihm.

Es gebe nicht viel zu tun hier in Weingarten an einem Freitagabend, warnt uns unser Host, doch die Anbindung zur Altstadt sei super und Angst zu haben brauche man auch keine.


21 Uhr

Wir schlendern los, ohne zu wissen, was uns an diesem Abend erwarten wird. Die kleinen, ruhigen Straßen mit den Mehrfamilienhäusern führen zur Krozinger Straße. Hier fangen die berühmt-berüchtigten Hochhäuser an. Mit den einzelnen beleuchteten Apartments, die neben den dunklen fast in der Luft zu schweben scheinen, sehen die Hochhäuser interessant und modern aus. Wir ziehen weiter und kommen zu einem Haus, in dem etwas los zu sein scheint: "Mehrgenerationenhaus EBW Freiburg" steht am Eingang.



21. 30 Uhr

Wir sitzen mit Stella, ihrer Cousine Vanessa und Torben an einem Tisch vor der Bar des Mehrgenerationenhauses. Alle drei arbeiten hier - so wie insgesamt über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter. Das Haus ist ein Treffpunkt für junge und alte Menschen, für Gruppen, Vereine und Leute verschiedenster Kulturen, wie Stella uns erklärt. Wer ein bestimmtes Talent hat und sich engagieren möchte, soll das hier tun können. Bei der bunt gemischten Bevölkerung Weingartens aus 106 verschiedenen Nationen kann man sich die Vielfalt der Angebote gut vorstellen.

"Es ist wie ein eigenes, kleines Land hier." Stella vom Mehrgenerationenhaus
Von Yoga, orientalischem Tanz und Capoeira über Mal- und Sprachkurse, Schach, Improvisationstheater bis zu Computerberatungen lässt sich hier alles finden. Und das zu günstigen Preisen oder kostenlos. Stella, die in Weingarten geboren und aufgewachsen ist, fühlt sich in ihrem Stadtteil wohl: "Es ist wie ein eigenes, kleines Land hier." Seit den 90er-Jahren gab es eine große Hiphop- und Streetdance-Szene in Weingarten. Stella tanzte bei einer Gruppe namens Youngster mit, nahm an Battles teil und gab selbst Tanzunterricht. Zwar ist die Szene ruhiger geworden und Youngster gibt es nicht mehr, aber die Erinnerungen an diese Zeit lassen Stellas Augen aufleuchten.

Man finde sogar einen Kurzfilm über die Weingärtner Tänzer auf YouTube mit dem Titel "Weingarten kommt". Es ist kurz vor Mitternacht, das Mehrgenerationenhaus hat offiziell seit eineinhalb Stunden geschlossen, doch die drei entscheiden selbst, wann Schluss ist. "Man merkt den Leuten einfach immer an, wenn sie aus Weingarten kommen", sagt Stella gerade. Woran sie das merke? "An der Direktheit. Und die Frauen in Weingarten tragen immer Leggins und enge Röcke, musst du mal drauf achten!" Das werde ich. Morgen.

"Weingarten kommt"



Samstag, 10 Uhr

Was tut man an einem verregneten Wintertag in Weingarten? Zum Frühstück geht’s auf den Markt. Auf dem kleinen Platz vor dem Einkaufszentrum, das die Weingärtner EKZ nennen, sind ein paar Stände aufgebaut. Den Leuten in Weingarten scheint der Markt wichtiger zu sein als das Wetter. Familien mit kleinen Kindern, alte Leute und routinierte Wochenmarktgänger laufen mit ihren Einkaufstrolleys von Stand zu Stand. Nur Frauen in Leggins und engen Röcken sind keine zu sehen. Wir setzen uns in "Klara’s Backstube" direkt neben dem Platz und betrachten das Treiben bei Schokocroissant und Kaffee. Alle, die die Bäckerei betreten, scheinen sich zu kennen. Und duzen tun sich hier alle.

12. 30 Uhr

Es hat aufgehört zu regnen und wir ziehen wieder durch die Straßen. Stellas Tipps führen uns vorbei an einem mit Graffiti besprayten Wohnwagen, der als Treffpunkt für Kinder dient, entlang an dem Dorfbach durch einen weitläufigen Park. Im Sommer muss es hier super zum Picknicken sein. Am westlichen Ende von Weingarten treffen wir auf ein 15-stöckiges Hochhaus, die Bugginger Straße 2.



13.30 Uhr

Der 96-jährige Hans Keller steht auf seinem Balkon und sieht in die Ferne. "Die Aussicht und die Ruhe hier sind einfach wunderbar", sagt Keller, der ursprünglich aus dem Schwarzwald kommt. Weil der Wohnungsmangel in Freiburg immer größer wurde, zog er 1999 mit seiner Frau nach Weingarten, erst in den Osten und vor drei Jahren in dieses Haus. Hier fühlt sich der Rentner rundum wohl: "Die Leute sind sehr zuvorkommend und es gibt viele Aktivitäten im Haus."

"Es geht hier nicht nur ums Einkaufen, sondern es ist einfach schön, mit den Kunden zu reden." Zahir Bek
Zu den hauseigenen Events gehören beispielsweise gemeinsames Joggen, Gymnastik oder Kaffee und Kuchen. "Jeder kann da mitmachen, man muss sich nur einbringen." Keller wohnt gerne in seiner 73 Quadratmeter-Wohnung zwischen alten Holzmöbeln, einem Orientteppich und Fotos von seinen Urenkeln.

16 Uhr

An Restaurants mangelt es in Weingarten. Steht man nicht auf Massenpizza oder Burger, sollte man ein Stückchen laufen. Wir überqueren die Brücke, die Weingarten von Betzenhausen trennt, und finden direkt an der Grenze das Restaurant Küchenschelle, in dem es leckerste Flammkuchen und Ziegenkäsesalate gibt.

Smiley face

18 Uhr

Mein Freund hatte eine Verabredung und jetzt bin ich alleine hier. Ich laufe durch die Straßen, mittlerweile ist es dunkel. Die vereinzelten Laternen am Straßenrand sind so funzelig, dass man die Gesichter der Fußgänger, die sich auf Rumänisch, Türkisch und Arabisch unterhalten, kaum erkennen kann. Auch ein paar Bars oder Cafés würden dem düsteren Straßenbild gut tun. Eine Mutter mit Kopftuch und vier Kindern kommt mir entgegen, alle trällern fröhlich vor sich hin: "Wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss geklaaaaut?".

18. 30 Uhr

Im EKZ ist noch was los. Ich stehe vor dem Kühlregal des türkischen Pinar Markets und bestaune die 18 verschiedenen Sorten an Fetakäse. Seyhat Bek und sein Bruder Zahir sind seit mittlerweile zehn Jahren Teil des Familienbetriebs. "Wir haben viele Stammkunden, die Lage im EKZ ist super und es ist echt multikulti hier", fasst Seyhat zusammen. Was will man mehr? Auch Zahir arbeitet gerne bei Pinar: "Es geht hier nicht nur ums Einkaufen, sondern es ist einfach schön, mit den Kunden zu reden, sie zu beraten und sich Zeit zu nehmen. Das macht den Unterschied zu Aldi und Lidl."

"Ich fühl mich hier in Weingarten sicherer als in der Innenstadt." Pelin

19.30 Uhr

Gegenüber des Marktes steht eine Gruppe Jugendlicher vor TEDi. Auf die Frage, was man an einem Samstagabend in Weingarten macht, deuten sie auf das Raclette-Gerät, was sie soeben hier gekauft haben. Im Winter treffen sie sich Zuhause, im Sommer sitzen sie draußen. Die Clique ist in dem Viertel aufgewachsen, mittlerweile leben aber zwei von ihnen in Hawei, Haslach-Weingarten, wie sie mir erklären. Alle fünf sind der Meinung, dass der Stadtteil seinen Ruf nicht verdient hat. "Ich fühl mich hier in Weingarten sicherer als in der Innenstadt", sagt Pelin. Jülide pflichtet ihr bei: "Und vor allem sicherer als im Stühlinger!" Ihre Begründung: die soziale Kontrolle. Hier kenne jeder jeden, bei Problem wüssten alle sofort, wer der Übeltäter war.

20 Uhr

Ich bin begeistert von so viel Offenheit und Freundlichkeit der Menschen hier. Langsam schließen auch die letzten Geschäfte im EKZ und übrig bleiben die beiden Bars, von denen Stella mir als Frau abgeraten hat: Istanbul und La Palma. "Na gut", denke ich mir, und betrete das La Palma.

21 Uhr

Tatsächlich falle ich in der gut besuchten Raucherkneipe auf. Weniger durch mein Alter oder Geschlecht, sondern mehr, weil ich alleine ein Bier bestelle. Auch hier scheinen sich wieder alle zu kennen. Die Hälfte der Leute fiebert beim Fußballspiel im Fernsehen mit, eine Gruppe spielt mit der Bedienung Dart und ein paar Leute sitzen vor Spielautomaten und plaudern. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit dem Barkeeper, bevor ich erschöpft ins AirBnB zurückgehe.



Sonntag, 10 Uhr

Heute wird ein ruhiger Tag. Um 12 Uhr ist Check-Out, wir schlendern noch ein wenig durch das Viertel. Mittlerweile wirkt alles schon vertraut. In der Sinti und Roma-Siedlung im Auggener Weg steht an einer Wand der gesprayte Schriftzug "WGG": Weingarten Ghetto. Auch diese Abkürzung haben mir die Jugendlichen gestern erklärt. Es ist das Markenzeichen der Weingärtner Band "Don und Krime", die über den Alltag in ihrem Stadtteil rappt.

Es war ein langes und spannendes Wochenende, von Langeweile keine Spur. Vor allem aber bin ich beeindruckt von den Menschen hier. Mit welcher Ruhe sie unterwegs sind, wie viel Zeit sich jeder einzelne von ihnen für ein spontanes Gespräch mit mir genommen hat und wie aufgeschlossen alle auf meine Fragen geantwortet haben. Das, was an Bars, Restaurants und Cafés fehlt, versuchen die Weingärtner durch eigene Veranstaltungen auszugleichen.

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