Ich habe bei den Horror Nights im Europapark Leute erschreckt - und manche haben sich fast in die Hosen gemacht

Alexander Schumacher

Fudder-Autor Alexander Schumacher ist eigentlich ein wohlsituierter, gutgekleideter VWL-Student. Für uns hat er sich eine schwarze Zunge und Adern auf die Stirn schminken lassen und hat im Europapark Leute erschreckt. Das hat zu Beginn nicht funktioniert - dann änderte er seine Taktik:



Ich setze meinen gefährlichsten Zombieblick auf und klopfe wütend gegen das Glas. Ich strecke meine schwarzgefärbte Zunge heraus, verdrehe meinen Kopf. Wut. Angst. Furcht. Das will ich mit meinem Gesichtsausdruck provozieren. Dann kommen die ersten Besucher. Ein junges Paar schaut sich meine Darbietung für eine Weile an, dann gehen sie unbeeindruckt weiter in den nächsten Raum. Meine Zombieperformance hat sie mal so gar nicht erschreckt. Ich bin nicht zufrieden mit meinem Debüt als Horror-Schauspieler. Wenn ich ein angsteinflößender Horror-Zombie sein will, muss ich dringend etwas ändern.


Zwei Stunden früher, im Europa-Park in Rust. Die Mumie schaut von ihrem Smartphone auf und fragt, ob wir Zigaretten haben. Meine zwei Begleiter, die mich an der Pforte abgeholt haben, verneinen und auch ich kann der Mumie nicht helfen. Stattdessen folge ich den beiden anderen durch eine Absperrung aus Gitter und betrete eine Gasse zwischen zwei Reihen aus einstöckigen Containern. Vor mir sehe ich ein großes Durcheinander aus irren Clowns, schwarzen Mönchen, Mumien und Mutanten mit Latex-Geschwülsten: Sie alle sind Darsteller der Horror Nights. Mit diesen Leuten soll ich also heute Abend den Europapark-Besuchern das Fürchten lehren. Dass das alles andere als einfach ist, werde ich auch merken.

Gleich bei meiner Ankunft wird mir meine Rolle mitgeteilt: Sie heißt „Evolution Scare“ und ist Teil des „Labors“, einer Art Geisterhaus, in dem die Forschungsobjekte eines gescheiterten Experiments die Besucher verfolgen sollen. Ich brauche also ein Kostüm und ein Zombie-Make-Up. Dabei hilft mir Arthur, der Teamleiter im Labor. An der Kostümausgabe organisiert er mir einen ursprünglich weißen Overall, der mit Dreck beschmiert und an einigen Stellen zerfetzt ist. In der Umkleide steige ich in den Overall und betrachte mich im Spiegel: Noch fühle ich mich nicht sehr furchteinflößend.

"Jeder einzelne hier ist verrückt"

Während ich vor der Maske warte, komme ich mit Arthur ins Gespräch. Er ist Anfang zwanzig und schon zum dritten Mal dabei. Nachdem er die Horror Nights besucht hatte und begeistert war, absolvierte er erfolgreich ein Casting und wurde selbst Horror-Darsteller. „Du musst wissen: Jeder einzelne, der hier mitmacht, ist verrückt“, erklärt mir Arthur, „und das muss auch so sein.“

Das hier alles ziemlich verrückt ist, ist mir auch schon aufgefallen. Aber liegt das nicht einfach an Verkleidungen und Make-Up? Ich beobachte die Menschen um uns herum. Ein verdächtig authentischer Kettensägenmörder stiert mich drohend an, eine Clownfrau im Pelzmantel lacht laut und überdreht. Trägt die im Alltag auch knallrote Irokesenstacheln?

Es dauert, bis ich an der Reihe bin. Menschen verschwinden in dem kleinen Containerraum, heraus kommen leichenblasse Zombies mit offenen Wunden, Mumien, deren Haut verkrustet ist wie getrockneter Schlamm, und fies grinsende Clowns. Arthur sieht, dass ich noch immer nicht geschminkt bin und schiebt mich zur Tür.

"Das ist noch nicht genug Blut!"

Als sich die Visagistin mir zuwendet, blicke ich in den Lauf einer Sprühpistole. Ich sitze ein paar Minuten unbewegt auf einem Hocker und atme den Farbnebel ein. Zurück vor der Tür betrachte ich mich im Bild meiner Handykamera: Aus dunkelgrünen Augenringen sieht mir ein Leichnam entgegen, seine Lippen sind eingefallen, schwarze Adern ziehen sich über sein ganzes Gesicht und seine Hände. Mir jedenfalls kommt dieser Typ ziemlich gruselig vor. Doch als Arthur mich sieht, ist er noch nicht zufrieden. „Das ist noch nicht genug Blut“, findet er. Also werde ich in der Maske in eine Ecke gestellt und großzügig mit Kunstblut bespritzt.

Bald darauf versammeln sich alle Darsteller am Ende der Backstage-Gasse um Sebastian. Er begrüßt alle Mitarbeiter, alle freiwilligen Teilnehmer und, ja, auch mich, den Horror-Praktikanten. Plötzlich starren mich hunderte Augen an – das allein ist unheimlich genug. Doch in diesem Moment fällt mir zum ersten Mal auf, wie schrecklich die meisten dieser Gestalten wirklich aussehen. Bisher fand ich die vielen Verkleidungen vor allem absurd, im Backstage waren alle kumpelhaft und fröhlich, nun bin ich erleichtert, dass ich mich nicht wie die Besucher von ihnen jagen lassen muss. Wir stimmen einen Schlachtruf an („Generation Undead!“) und begeben uns auf unsere Positionen.

In dem Raum, in dem ich die nächsten vier Stunden verbringen soll, wird ein fürchterliches Experiment inszeniert. Auf einem Operationstisch liegt ein entstellter menschlicher Oberkörper, der an der Hüfte in Schläuche und Drähte übergeht. Um den Tisch herum flackern überall abgegriffene technische Anzeigen und Knöpfe, vor und hinter der Versuchsanordnung stehen für die nächsten Opfer zwei Meter hohe Röhren aus Plexiglas.

Ich, der langweilige Röhrenzombie

Eines dieser Opfer spiele ich, gefangen in meiner Glasröhre. Außer mir ist noch eine verrückte Professorin im Raum. Nachdem der Strom angeht, ist die sofort in ihrer Rolle, läuft hin und her, fummelt an den Armaturen und ihrem Versuchsobjekt herum und wirft ziemlich irre Blicke durch ihr Labor. Ich fange auch an, zaghaft meine Rolle zu spielen, übe meinen leeren und trotzdem wütenden Zombieblick und klopfe hin und wieder ein bisschen gegen die Scheibe. Wenn ich rechts hinter mir auf einen versteckten Schalter drücke, blitzt über meiner Röhre ein Stroboskoplicht und von irgendwoher lacht eine Stimme, die nach dem Ende von Michael Jacksons „Thriller“ klingt.

Erschrecken kann ich damit fast niemanden. Nachdem das erste Paar einfach weiter gegangen ist, ändere ich nun meine Taktik: Mein Röhrenzombie ist jetzt nicht mehr nur wütend, sondern auch verzweifelt. Ich schaue ängstlich ins Leere und klopfe flehend gegen meine Scheibe. Das funktioniert ganz gut, immer wieder bleiben Grüppchen stehen, schauen mir zu und lachen ein bisschen. Diese kleine Entspannung nutze ich, um sie zu erschrecken. Buh!

Betont coole Jungs erschrecken

Am besten funktioniert das, wenn ich sie vorsichtig dazu bringe, Kontakt mit mir aufzunehmen. Sind sie dann nah an meiner Röhre, versuche ich unbemerkt auf meinen Schalter zu drücken und fange zeitgleich mit den Lichteffekten an, wild gegen die Scheibe zu hämmern. Die meisten erschrecken sich kurz und laufen dann mit einem Grinsen davon, einige rennen tatsächlich vor Angst weg. Besonders freue ich mich, wenn ich einen der vielen betont entspannten Jungs dazu bringe, zusammenzuzucken.

So geht das dann die nächsten Stunden weiter. Das Spiel mit den Besuchern ist zwar abwechslungsreich, aber ich bin nun mal wirklich in einer Röhre gefangen. Die Schreie und das Gepolter aus anderen Teilen des Geisterhauses, mein eigenes Gehämmer – der Hintergrundlärm der Geisterbahn zehrt an meinen Nerven. Mein Grusel-Einsatz fühlt sich sehr lang an. Ich bin dann aber doch überrascht, als Sicherheitsmann Jerry auf seinem bunt blinkenden Scooter in den Raum gefahren kommt, um uns abzuholen.

Ich schlendere ihm hinterher durch das Labor, nach und nach schließen sich die anderen Zombies und Mutanten an. Draußen vor dem Geisterhaus, schlüpfen wir noch ein letztes Mal in unsere Rollen und stolpern stöhnend zum Backstage-Bereich. Dort angekommen schleppe ich mich kaum weniger untot in die Umkleide.

Ich ziehe meinen Overall aus und schminke mich flüchtig ab. In der Umkleide herrscht ausgelassene Stimmung, man klopft sich auf die Schultern und verabredet sich in lautem Alemannisch zum Feiern. Die gefährlichen Horrorkreaturen aus den Labyrinthen sind wieder harmlose Schauspieler. Verrückt sind sie trotzdem.

Mehr dazu:

Was: Die Horror Nights im Europa-Park
Wann: noch bis zum 7. November, immer freitags und samstags, alle Termine auf horror-nights.de
Wo: Europa-Park Rust