Ich erkenne mich wieder

Eva Hartmann

Gewichtshalbiererin Eva bastelt arbeitet gerade auf ihren Uni-Abschluss hin und hat dementsprechend viel um die Ohren: Von morgens bis abends sitzt sie in der Bibliothek, während sich ihr Sozialleben langsam dem Nullpunkt nähert. Ein bisschen was gibt es heute aber trotzdem zu berichten.



Lang ist er her, mein letzter Blogbeitrag in dieser hübschen Rubrik. Und obwohl soviel Zeit verstrichen ist, ist gar nicht so viel passiert.

Während ihr euch nämlich draußen in der Sonne aalt, grillen geht, Eis esst und braun werdet, sitze ich in der UB, schreibe eine Arbeit nach der anderen, habe dauernd Kopfschmerzen und bleibe konsequent käsebleich. Letzte hatte ich soviel zu tun, dass auch mein Sportprogramm gelitten hat: Statt vier- bis fünfmal war ich nur zweimal pro Woche dort.

Schlimmer noch: Eins meiner Examenskolloquien findet genau zu der Zeit statt, zu der ich sonst immer zum BodyPUMP! und zum TaeBo gegangen bin. Aber so ein Studienabschluss macht sich nun mal leider nicht von alleine und also werde ich mich hinsichtlich meiner Sportkurse wohl etwas umorientieren müssen.



Während ich mich also langsam zum UB-Zombie entwickle, scheint es  in Freiburg tatsächlich Frühling zu werden und im Zuge dessen gehen merkwürdige Dinge vor sich:

Vielleicht bin ich dadurch, dass ich während der letzten Zeit, abgesehen vom Sport, kaum etwas anderes mache, als von morgens früh bis abends spät über meinen Büchern zu hängen, irgendwie kein normales Sozialverhalten mehr gewöhnt. Jedenfalls irritiert es mich ziemlich, dass ich in letzter Zeit dauernd eingehend angeguckt werde – vorwiegend von Männern. Immer, wenn mich einer anschaut, setzen bei mir sofort die alten Reflexe ein: Loch in der Hose? Fleck auf dem Shirt? Nein? Na, dann starrt er mich garantiert nur an, weil ich so fett bin! Und so laufe ich in solchen Fällen geradezu mit Scheuklappen schnurstracks an den Jungs vorbei, um jede Konfrontation von vorne herein abzublocken.

Dass mich irgendjemand anschauen oder gar ansprechen könnte, weil ich ihm tatsächlich gefalle – auf die Idee kam ich erst vor Kurzem: Auf dem Heimweg vom Training kommen mir zwei Jungs in meinem Alter entgegen. Der erste geht weiter, sein Freund bleibt stehen, sieht mich von oben bis unten an und gibt ein langgezogenes „Wow!“ von sich. „Jaja“, denke ich, „du mich auch...“, und gehe einfach an ihm vorbei. „Ähm, sorry,...darf ich dich was fragen...?“ ruft er mir hinterher. Ich bleibe stehen und weil er ja immerhin so nett fragt, sage ich „Versuch’s mal“. Er stottert ein bisschen vor sich hin, grinst unsicher und fragt schließlich leise, ob ich vergeben sei. „Ja“, lüge ich, er bedauert das, wir lächeln uns an und wünschen einander einen schönen Abend.



Während ich weitergehe, warte ich darauf, hinter mir lautes Johlen über die gelungene Verarsche zu hören, aber – nichts. Es bleibt still und ich beginne langsam zu kapieren, dass das ein vielleicht plumper, aber immerhin nett gemeinter Anmachversuch war. Es mag etwas armselig sein, aber ich habe mich darüber tatsächlich gefreut, denn es war die erste Anmache seit Jahren, die nicht nur nett war, sondern vor allem nicht von einem ungewaschenen Mittfünfziger mit Schnapsfahne kam.

Was schließe ich daraus? – Dass ich mich mittlerweile zumindest äußerlich an das Erscheinungsbild eines attraktiven Menschen anzunähern beginne - was für ein Fortschritt!

Aber nicht nur anderen Menschen beginne ich langsam wieder zu gefallen, sondern, oh Wunder, auch mir selbst: Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich mich endlich wieder. Während der letzten Jahre kam mir mein Gesicht durch all den überflüssigen Speck beinahe entstellt vor und jetzt beginne ich sogar, mich hübsch zu finden. Ist es eingebildet, sowas zu sagen? Ich fühle mich jedenfalls gerade ganz seltsam dabei, das zu schreiben.

Auch andere Stellen meines Körpers gleichen sich langsam wieder einer erkennbaren Gestalt an: überall lassen sich Knochen und Muskeln ertasten, die lange Zeit ziemlich gut versteckt waren.



Was hingegen derzeit ziemlich leidet, ist meine Ernährung: Ich habe kaum Zeit, mir irgendetwas vernünftiges zu Kochen; morgens ist selten mehr als ein Glas Saft und ein Becher Hüttenkäse drin, mittags irgendein schneller Salat und abends Hüttenkäse mit Thunfisch, Couscous mit Gemüse oder Mienudeln mit Tofu. Wenig abwechslungsreich, aber wenigstens kein Fastfood. Der Höhepunkt meines Hüttenkäseflashs ist indes vorüber, allerdings ist die herrlich geschmacklose Pampe eine feste Größe in meiner Ernährung geworden – noch immer verputze ich jeden Tag ein bis zwei Becher davon.

Soviel für den Moment – die Bibliothek ruft! Ich hoffe, in nächster Zeit wieder regelmäßiger bloggen zu können. Bis dahin: Genießt die Sonne für mich mit!