"Ich bin ziemlich Rock'n'Roll": Interview mit Radprofi Simon Geschke

Bernhard Amelung

Einmal eine Etappe bei der Tour de France gewinnen – davon träumt jeder Radprofi. Vor zwei Wochen wurde dieser Traum für den gebürtigen Berliner und Wahl-Freiburger Simon Geschke Wirklichkeit. Er gewann die 17. Etappe von Digne-les-Bains nach Pra-Loup, eine schwere Bergetappe. Bernhard Amelung hat mit ihm gesprochen - übers Biertrinken, Fotos in sozialen Netzwerken und seinen Etappenerfolg.



Ein Hochsommertag in Freiburg. Der Himmel ist blaurein, die Sonne brennt. Simon Geschke, 29, sitzt entspannt auf dem Sofa in seiner Wohnung. Blickt er aus dem Fenster, sieht er die Weinbergslagen am Loretto- und Schlossberg. Der Shop des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg ist nicht weit. Muss schwer sein, mit dieser Versuchung vor Augen zu leben.


Simon, wie oft hast du schon nach einer Trainingsausfahrt im Staatsweingut eingekauft?

(lacht) Ich war dort noch nicht. Auch wenn ich schon seit rund zwei Jahren in Freiburg lebe, bin ich ja kaum in dieser Stadt unterwegs. Im Juli war ich in Frankreich, Mitte August beginnen die nächsten Rennen. Da bleibt nicht viel Zeit, um solchen Versuchungen nachzugehen.

Auf Facebook hast du allerdings ein Foto veröffentlicht, das dich beim Biertrinken zeigt.

Da halte ich eine Flasche Leffe in der Hand, ein belgisches Klosterbier. Das Bild entstand am letzten Tag der Tour de France in Paris. Nach drei Wochen auf dem Rad und über 3000 Rennkilometern in den Beinen darf man sich auch mal ein Bier gönnen.

Braunes Ledersofa, schwarzes Fixie an einer Wand, an einer anderen ein Plattenspieler und ein Barschrank mit ausgewählten Spirituosen. Es könnte die Wohnung eines jungen, erfolgreichen Werbers oder Unternehmensberaters sein. Hart arbeiten während der Woche, hart feiern an den Wochenenden.

Feierst du gerne?

Ja. Auf jeden Fall. Von Frühjahr bis Herbst muss ich privat zwar oft zurückstecken, aber das bringt mein Job nun einmal mit sich. Ich bin Leistungssportler. Mein Körper ist mein Kapital, und damit gehe ich verantwortungsvoll um. Nach der Rennsaison im Oktober gehe ich allerdings gerne auch einmal in eine Kneipe und unternehme was mit Freunden.

Was sagt der Trainer dazu?

Zu meinem Trainer unterhalte ich ein professionelles und freundschaftliches Verhältnis. Er weiß, dass ich mich ganz auf den Sport konzentriere und mich auch im Winter nicht gehen lasse. Jeden Tag bekommt er meine Leistungswerte über die Cloud auf seinen Bildschirm. Da bleibt nichts unentdeckt. Doch ab und zu ein kühles Pils geht völlig in Ordnung, erst Recht nach einer harten Saison.

Wie flexibel sind deine Trainingspläne eigentlich?

Mein Trainingsplan bietet mir eine Orientierung, woran ich arbeiten muss. Ich kann ihn aber je nach Tagesform auch anpassen. Er ist kein starres Gerüst. Sollte ich morgens mal mit schweren Beinen aufwachen oder mich erkältet fühlen, macht es ja keinen Sinn, genau an diesem Tag die Kraftausdauer am Berg zu trainieren. Ich bin schließlich keine Maschine.



Wie waren denn deine Beine am Tag deines Tour de France-Etappensiegs?

Zunächst überhaupt nicht gut. Ich war in den Tagen zuvor immer wieder in Ausreißergruppen dabei. Durch die beständigen Attacken habe ich viel Kraft verloren und war entsprechend platt. Außerdem war es der Tag nach dem Ruhetag. Da fühle ich mich morgens immer etwas tapsig auf den Beinen.

Ab wann hast du gemerkt, dass du etwas reißen kannst?

Bald nach dem Start bildete sich eine 28 Fahrer starke Ausreißergruppe. Eigentlich viel zu groß zum Überleben, erst Recht auf einer so bergigen Etappe. Nach den ersten Anstiegen merkte ich, dass was gehen könne. Mit meinem Angriff habe ich aber bis zum schwersten Teilstück, dem Anstieg zum Col d’Allons gewartet. Da habe ich attackiert und wollte das Rennen von Vorne rocken.

Bist du denn ein Rockertyp?

Ja. Ich bin schon ziemlich Rock’n’Roll. Ich versuche auch immer wieder, Stimmung in mein Team zu bringen. Das ist sehr wichtig, denn wir verbringen viel Zeit miteinander. Man muss sich auch außerhalb des Wettkampfs gut verstehen, sonst harmoniert man auch während des Rennens nicht.

Apropos rocken. Simon Geschke kann nicht nur gut in den Bergen. Auf Facebook, Instagram und Twitter zeigt sich der Wahlfreiburger seinen Fans gegenüber sehr nahbar. Die Bilder zeigen ihn, wie er auf seinem Balkon grillt, wie er Koalabären in Australien küsst und im Tour de France-eigenen Frisiersalon.

Wieviel Öffentlichkeit lässt du zu?

Was mein Leben als Radprofi betrifft, bin ich schon sehr offen. Ich informiere meine Fans gerne darüber. Ich möchte sie auch ein bisschen unterhalten, mit quatschigen Dingen vom Leben im Tourbus und den Reisen. Das macht mir Spaß und ich nehme mir gerne die Zeit dafür.

Hast du schon einmal Nutzer von deinen Social Media-Seiten verbannt?

Nein. Meine Schmerzgrenze bezüglich unsachlicher oder beleidigender Kommentare ist sehr hoch. Ich lasse das gar nicht an mich heran. Außerdem reguliert sich das von selbst. Andere Nutzer greifen ein und weisen die Beleidiger in ihre Schranken.

So war das zum Beispiel nach meinem Tour-Etappensieg. Da habe ich ein sehr emotionales Interview gegeben, bei dem alles aus mir herausbrach. Irgendjemand schrieb dann sowas wie 'bald heulst auch du vor dem Dopingausschuss'. Da ging's dann ab.

Der Dopingschatten will einfach nicht weichen.

Das ist doch wie bei einem Technofestival. Beim belgischen Tomorrowland feiern Zehntausende. Manche nehmen irgendwelche Substanzen zu sich. Viele lassen die Finger davon, werden aber trotzdem in die Schublade zu den anderen gesteckt. Erst recht, wenn ein Skandal den nächsten jagt.

Warum tut man sich das dennoch an?

1997 habe ich zum ersten Mal die Tour de France im Fernsehen mitverfolgt. Das hat mich umgehauen. Ich wollte das auch machen. Ab da hat mich mein Vater, der ja Bahnradfahrer war, schrittweise an den Sport herangeführt. Nach meinem Abitur habe ich entschieden, mich ganz dem Sport zu verschreiben. Als ich 2009 meinen ersten Profivertrag unterzeichnet habe, habe ich eines meiner größten Ziele erreicht.

Welche weiteren Ziele verfolgst du?

Ich motiviere mich mit kleinen Etappen, achte dabei aber auch auf meinen Körper. Ich bin einen guten Giro d'Italia gefahren, rückte in das Tour-Aufgebot nach und habe eine gute Tour gefahren. Mein nächstes Ziel ist die Weltmeisterschaft in den USA. Und im nächsten Jahr? Vielleicht wieder eine Tour-Etappe gewinnen.

Zur Person

Simon Geschke, 1986 in Berlin geboren, ist ein deutscher Radrennfahrer. Seit 2009 fährt er für das Profi-Team Giant-Alpecin, zu dem auch die deutschen Top-Sprinter Marcel Kittel und John Degenkolb gehören. Geschke, Sohn des ehemaligen Sprint-Bahnweltmeisters Jürgen Geschke, gewann unter anderem die Nachwuchswertung des französischen Etappenrennens Étoile de Bessèges (2009) und den Großen Preis des Kantons Aargau (2014). Bei der Tour den France 2015 entschied er die 17. Etappe von Digne-les-Bains nach Pra-Loup für sich und beendete das Rennen auf einem guten 38. Gesamtrang.

Mehr dazu:

[Foto 1: Simon Geschke, Foto 2: dpa Picture Alliance]