Ich bin 15 und habe kein Facebook

Deborah Krzyzowski

An diesem Dienstagmorgen hat der Europäische Gerichtshof entschieden: Die USA sind kein sicherer Hafen für Nutzerdaten von Facebook. Die Reaktion von fudder-Praktikantin Deborah: "Mir kann das ja egal sein - ich habe kein Facebook." "Warum nicht?!", haben wir entsetzt gefragt. Also hat sie diesen Text geschrieben:



Natürlich denkt hier erstmal jeder an Datenschutz, CIA und Edward Snowden - was mitunter auch ein Grund ist, wieso ich kein Facebook habe - aber nicht der Hauptgrund. Auch ich hatte mal den Wunsch, mich auf Facebook anzumelden, spätestens als alle meine Freunde irgendwann fragten: „Hast du Facebook?“ Die Versuchung ist groß, denn es hat durchaus seine Vorzüge – mit Leuten aus aller Welt immer und überall Kontakt haben, Fotos und Videos des letzten Urlaubs austauschen und alle wissen lassen, was man mag und gut findet.


Aber genau hier kommen wir zum Wesentlichen der Sache: Dein Profil zeigt nur deine besten Seiten, es zeigt dich so, wie du es gerne hättest - auf Partys, beim Sonnenuntergang am Strand, wenn du „Es war toll mit euch, immer wieder gern!“ mit den Namen deiner "Besten" postest.

Wieso muss man das alle wissen lassen? Wieso können wir das nicht einfach direkt denen sagen, die es betrifft, in echten Gesprächen, mit echten Gesprächspartnern? Viele meinen, chatten wäre doch ein Gespräch, nur eben online. Doch genauso gut könnte man das Teilen der privaten Bilder mit dem Fotoalbum-Abend der Familie vergleichen.

Auch hier kommen wir zu einem wichtigen Aspekt von Facebook: Das Verwenden von auffordernden Slogans, die einfach und simpel erscheinen. Klick „Gefällt mir“ und zeige, dass dir und 84 anderen das Bild gefällt, zeige deine Interessen, indem du auf deine Lieblingsserien und Musik aufmerksam machst, zeige, wo du zur Schule gehst, wann du Geburtstag hast - und ganz wichtig: teile!

Wer teilt, ist nett

Teilen, das wurde uns schon in der Kindheit von Mama und Papa beigebracht. Wer teilt, ist nett, ist gut und alle mögen ihn. Und genau hier hat einen Facebook an der Angel: Man will doch gemocht werden, von jedem im guten Licht gesehen werden, „geliked“ werden.

Wenn man erstmal auf Facebook als „gut“ (oder schlecht) erachtet wird, ändert das sich auch nicht mehr so schnell. Leute die dich persönlich kennenlernen wollen, werden es schwer haben oder gar nicht erst versuchen, weil sie von Vorurteilen geprägt sind, die sie sich beim Ansehen deines Profils gemacht haben.

Facebook ist dadurch nicht schlecht oder Vum verteufeln, es hat ja einen eigentlich guten Kerngedanken: mit Leuten in Kontakt zu bleiben. Aber heutzutage entfremdet Facebook mehr als es Menschen näher bringt, die Chats bestehen aus Fragen wie „Wie geht’s?“ oder „Was machst du so?“ und es geht weiter mit dem neuesten Klatsch und belanglosen Geschichten. Facebook erzieht uns zur Oberflächlichkeit und so fällt es uns schwer, tiefsinnigere Gespräche als über das Frühstück oder die geplante Backpacking-Tour zu führen.

Die Botschaft soll also lauten: Wende dich endlich mehr dem echten Leben zu. Du musst jetzt nicht gleich Jane-Austen-Romane lesen oder dir Fragen zum „Sinn des Lebens“ stellen (was für die Allgemeinbildung aber durchaus nützlich wäre...). Widerstehe einfach mal dem Drang, ständig online und Up-To-Date sein zu wollen!

Warum kein WhatsApp?

Einerseits, weil es natürlich auch zu Facebook gehört, anderseits aber auch, da WhatsApp uns abstumpft und Zeit raubt. Glaubt mir, wäre ich auf WhatsApp, Instagram und allem, was ein „normaler Jugendlicher“ heutzutage so zu haben hat, hätte ich weitaus weniger Zeit für alles, was mein Spießer-Dasein so ausmacht: Lesen, Schreiben, draußen meinen Hobbys nachgehen, Telefonieren und einen Laptop benutzen, um ins Internet zu kommen - ganz oldschool eben.

Für wichtige Mitteilungen gibt es ja auch so etwas wie „SMS“ oder „Anrufen“. Außerdem ist es dann doch ganz nett, wenn man in der Straßenbahn sein Buch auspackt und die ältere Dame neben dir ganz begeistert von deiner Vernunft ist.

Warum kein modernes Smartphone?

So, und hier sind wir am Kern des Ganzen angelangt. Erstmal: Wieso ein Smartphone, wenn man eh kein WhatsApp, Facebook, Twitter & Co. hat bzw. haben will? Die Funktionen des Handys wären hier total überflüssig.

Außerdem Folgendes: Hat man ein Smartphone, wird man dauernd von tausenden von Eindrücken bombardiert - neue Apps, Nachrichten und All-time-Internet-Flats verführen zum "Online sein" wo und wann auch immer. Völlig abgeschottet zur Außenwelt herumlaufen, überall und egal wann. Es ist nicht nur unhöflich und respektlos, wenn man zum Kaffee eingeladen wird und anstatt sich zu unterhalten dauernd am Smartphone ist, es ist auch ein Beweis von  Realitätsverlust und anfänglichem Suchtverhalten.

Ja, denn das gibt es wirklich, im englischen Sprachraum auch als „FOMO - Fear of missing out“ bezeichnet. Die ständige Angst, etwas zu verpassen zeigt sich also auch beim Smartphone und nicht nur auf sozialen Netzwerken.

Ab und zu verfalle natürlich auch ich in den Wahn, das neueste Handy haben zu wollen. Aber dann denke ich mir: Warte ich lieber mal, bis mein jetztiges wirklich nicht mehr funktionsfähig ist, bevor ich mir was Neues anschaffe. Denn seien wir mal ehrlich: Wann haben wir uns letztens etwas neu gekauft, weil die alte Version wirklich nicht mehr gebrauchsfähig war?

Jedes Kind lernt, dass Materialsimus nicht glücklich macht, jedenfalls nicht länger als zwei Wochen. Folglich wäre die Theorie, dass ich, wenn ich ein Smartphone besitzen würde, als höhere Stufe dann ein iPhone haben wollte – oder eben das neuere, teuerere, modernere Modell.

Man lernt, sich mit dem zufrieden zu geben, was man hat -  sei es auch ein Samsung Star S5230
aus dem Jahre 2007, der Geburtszeit der Touch-Handys.

Am Ende muss jeder für sich selber entscheiden, wie er vernetzt sein möchte und ob er sich Gedanken machen will, ob das alles wirklich so notwendig ist, wie es scheint. Klar, wir leben im digitalen Zeitalter, in dem alles schnellstmöglich und unkompliziert gehen muss. Aber vielleicht ist es eben das, was uns ausmacht - denn Menschen sind nicht unkompliziert. Das merkt man nur erst, wenn man sich die Mühe macht sie persönlich kennenzulernen.

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[Foto: Marius Buhl]