Hurra-Atome und glückliche Melancholie

Eva Hartmann

Eigentlich sollte das hier ein Konzertbericht werden, in dem Fotos und die Meinungen verschiedener Konzertbesucher für sich sprechen. Einer, aus dem ich mich schön raushalte, damit man ja nicht merkt, wie viel mir die Musik der Kleingeldprinzessin bedeutet. Dann verreckte meine Kamera. Und als nächstes gingen meine Vorsätze flöten.



Dienstagabend halb neun, das Jazzhaus ist angenehm dreiviertelvoll. Das Licht geht aus, Dota und die Stadtpiraten betreten die Bühne. Das Konzert beginnt, von Anfang an gute Stimmung, keinerlei Tanzhemmung. Ich mache Fotos, nehme bei Mittelinselurlaub, dem vierten Lied, ein Filmchen auf, als plötzlich meine Kamera aus- und nicht wieder angeht.


Irritiert wende ich mich an meine fototechnikfirme Begleitung, die diagnostiziert "Speicherkartenschnupfen". Alles was ich retten kann: Vier schlechte Fotos und ein abgebrochenes Filmchen, und mir dämmert, dass das mit dieser mageren Materialgrundlage nichts wird mit dem Michraushalten aus der Liebe zur Musik von Dota und den Stadtpiraten: Wo keine Fotos für sich sprechen können, müssen eben doch mehr Worte her und, tut mir leid, wenn ich über die Kleingeldprinzessin schreiben soll, dann geht das nicht ohne Herzblut und Tränen.

Wie war's also? Mit einem Wort: Fantastisch. Mit der ihr eigenen Selbstironie nimmt Dota sich vor, einen "Konzeptabend zwischen traurig und beängstigend" zu spielen. Dass sie diesen Vorsatz zu Anfang tatsächlich noch einhält und Lieder übers Alleinsein und über rabengroße Fliegenbiester singt, tut der guten Stimmung keinen Abbruch: Es dauert keine vier Lieder, bis sich die für Dota-Konzerte typische liebevoll melancholisch-glückliche Atmosphäre im Publikum ausbreitet.

Während der ersten Hälfte des Konzerts spielen Dota und die Stadtpiraten überwiegend Lieder, die auf keiner der CD's enthalten sind, denn: "Die Freiburger sind so anspruchsvoll, wenn wir da nur spielen, was alle mitsingen können, denken die noch, wir haben nichts Neues!". Mehrmals betont Dota, wie gerne sie in Freiburg spielt und singt dann, weil sie mit dieser Stadt gewissermaßen eine ebensolche pflegt, ein Lied über Fernbeziehungen



In der Pause merkt man dann schon, dass jener magische Vorgang, der das Publikum im Laufe jeden Dota-Konzerts zu einem Saal voller Freunde werden lässt, bereits zu wirken beginnt - alles unterhält sich, lächelt und lacht und wartet gut gelaunt auf die zweite Konzerthälfte. Diese beginnt Dota solo, indem sie die Leute sacht mit einem portugiesischen Lied einsammelt. Neben weiteren neuen Liedern spielt sie mit ihrer Band dann auch die Klassiker. Das Publikum singt mit, tanzt ausgelassen, hüpft, hält sich im Arm, küsst, hat Gänsehaut, weint, klatscht, juchzt und pfeift vor Freude.

Jedes Mal frage ich mich aufs Neue, wie Dota das macht, diese vollkommen natürliche Interaktion mit dem Publikum, dieses Abholen und Mitnehmen eines gesamten Konzertpublikums in eine Welt, in der er es einfach okay ist, melancholisch zu sein, in der allem Traurigen eine unfassbare Schönheit innewohnt und in der es kein größeres Glück gibt als einfach seinen Gefühlen nachzugehen - egal, ob das nun tiefe Sehnsucht oder unerwartete Liebe ist. Sie schafft es, verbindende Begeisterung auszulösen, ohne irgendwem etwas aufdrücken zu wollen. Wer das nicht wenigstens einmal live erlebt hat, hat wirklich etwas ganz Großes verpasst.

Eine Zugabe, nach einer weiteren geht das Licht an und Musik setzt ein, das Publikum fordert lautstark und ausdauernd nach mehr und bekommt drei weitere Zugaben. Darunter eine Neuauflage von Menschenklone, die Gänsehautfaktoren Selten Aber Manchmal und Alles du,  Öffentlicher Nahverkehr, das Lied über Liebe auf den ersten Blick, außerdem noch Früh am Morgen, örtlich Regen, und ohne Die Drei darf natürlich auch kein Dota-Konzert beschlossen werden.

Was letztendlich aus dem angekündigten Konzeptabend zwischen traurig und beängstigend wird, ist ein Abend mit einem Saal voller tanzender Hurra-Atome und glücklicher Menschen, der auch nach drei Stunden und fünf Zugaben am liebsten noch immer nicht zu Ende gewesen wäre. Danke Dota.

Mehr dazu:

  • Dota und die Stadtpiraten: MySpace

Dota & Die Stadtpiraten: Mittelinselurlaub