Hund am Strand mit Band

Carolin Buchheim

"Morgen Abend spielt Franz Kasper im Rattenspiegel. Der hat letztes Jahr Haldern eröffnet. Sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!" hatte uns ein Bekannter mit ausgezeichnetem Musikgeschmack am Freitag Morgen gesmst. Also haben wir auf diesen Bekannten gehört, und bereut haben wir das nicht.



In der Wohnzimmeratmosphäre von Freiburgs kleinster Musiklocation gab Franz Kasper am Samstag Abend mit Band ein kuscheliges Konzert irgendwo zwischen Alternative Folk, LoFi, Singer-Songwritertum und Jazz. Und mit Hund. (Mit Video)


Zuerst dachten wir, Bright Eyes' Conor Oberst hätte sich nach Freiburg verirrt, als der dunkelhaarige junge Mann im Kapuzenpulli hinter dem Keyboard zu singen anfing, zu seinen Füssen ein dösender Hund.

Wo dieser Eindruck herkam können wir heute gar nicht mehr so genau sagen, waren wohl mehr die Äußerlichkeiten als wirklich Musik und Attitüde, denn im Gegensatz zu Conor Oberst, den wir selbst schon mal dabei erlebt haben, wie er bei einem Konzert das Publikum bespuckte, ist Franz Kasper ein ausgesprochen freundlicher Mann, welt-ekel frei und unprätentiös. Wie Conor Oberst ist er aber eben das, was EchteJournalisten? jetzt an unserer Stelle als Musikalisches Multitalent bezeichnen würden, oder auch, vor allem dann, wenn es EchteJournalisten? sind, die es nie verwunden haben, dass sie es selbst nie mit der Musik geschafft haben und jetzt zu alt für eine Band sind, als Musikalisches Wunderkind. Aua. Sparen wir uns das.



Franz Kasper bewegt sich jenseits aller Musikstildefinitionen und genau das macht den Reiz seiner Musik und den Reiz des Konzerts aus; und genau das macht es auch schwer, jetzt im Nachhinein zu beschreiben wie es denn nun war.

Franz Kasper war nicht nur mit Keyboard, Gitarre und dem Hund seiner Freundin (und seiner Freundin) in den Rattenspiegel gekommen, nein, der Kölner Philosophie-Doktorand (Systemtheorie, galore!) hatte seine Band dabei, die aus dem Kontrabassisten Kees van Zomeren, dem Violinisten Radek Stawarz, dem Trompeter Anselm Weyer und dem Drummer Andreas Berg besteht. So abgefahren wie diese Instrumentierung für eine Indie (wenn er das liest, wird der Herr Kasper grinsen, denn er hält von diesem Terminus nämlich so rein gar nichts, Kapuzenpulli hin oder her) Band ist, so abgefahren wunderbar war die Musik, die diese fünf miteinander gemacht haben.

Der Kern von allem ist ganz klar und beinahe klassisch das Singer/Songwritertum von Franz Kasper, um das sich die einzelnen Bandmitglieder ganz virtuos und mit Liebe zum Detail herumspielen. Da wummert der Kontrabass so richtig schön, die Violinmelodien perlen, der Drummer darf mal ein kleines Jazzsolo spielen, was den Hund dazu bewegte, mal fünf Minuten wach zu werden, sich auf dem freien Quadratmetern zwischen Band und Publikum ein wenig zu dehnen und zu seiner Besitzerin zu trotten, nur um sich beim nächsten Song wieder zwischen Keyboard und Drums zu legen, und Franz Kasper singt mit seiner wirklich hübschen Stimme ganz wunderbar hingebungsvoll über allem drüber, und zwar nicht fluffig und oberflächlich, sondern so richtig zu Herzen gehend. Aber auch mal lustig. Oder auch mal über Martin Heidegger. Oder über Politik.

Nebenbei bemerkt: Endlich mal ein einheimischer Indie (Nicht schon wieder lachen, Franz Kasper!) Sänger, der so gut Englisch kann, dass einem beim Zuhören nicht dauernd die Grammatikfehler auffallen.



Da passt einfach fast alles, bei dieser Band, die - entgegen aller Trends zum gitarrenlastigen mal eben so in fünf Minuten dahingerotzten teenagerhaften NewWavePopRockSong- handwerklich aussergewöhnlich gute Musik macht. Fast unmodern, soviel Liebe und Hingabe und Talent (alles übrigens schon auf drei Alben verewigt), aber ob etwas modern ist oder nicht, das ist uns ja bekanntlich total egal. Hauptsache gut, und gut war das alles so, wirklich richtig außergewöhnlich gut.

Während wir im Rattenspiegel auf der Nachtspeicherheizung saßen, uns den Hintern verbrannten und versuchten die Dehydration mit dem Konsum von Bier in Zaum zu halten und Herr Kasper und Kollegen eine schöne Coverversion von John Lennon's 'Nobody told me' darboten, da waren wir wirklich sehr glücklich. So ganz generell. Glücklich mit der Welt, glücklich über die Musik, glücklich darüber an diesem Abend in dieser Atmosphäre diese Musik zu hören. Das war alles sehr Besonderes.

Und bei dem Bekannten der die SMS geschickt hat am Freitag Morgen, bei dem müssen wir uns noch mal so richtig bedanken.

Als Schmankerl diesmal Videos, die wegen mangelnder Beleuchtung selbst für unsere Standards so sehr Indie geworden, dass wir lange überlegt haben, ob wir sie Euch zumuten wollten. Aber sie sind dann doch ganz schön, irgendwie, mit den tanzenden Mädchen und dem quietschen und den Leuten draussen vor dem Fenster im Schnee, die sich nicht reingetraut haben. Es sind die letzten beiden Zugaben, auf Drängen des Publikums mehr als eine Stunde nach dem Konzert gespielt, und daher von den meisten Konzertbesuchern verpasst. Voll Indie halt.