Huch, wie frivol: "Der Liebhaber" im Wallgraben

Rebecca Schnell

Im Wallgraben Theater inszeniert Regisseur Anatol Preissler seit Ende Februar "Der Liebhaber" von Harold Pinter. In dem Stück geht es um ein Ehepaar, das beim gegenseitigen Betrug seit Jahren bestens miteinander kooperiert. Oder etwa doch nicht? Fudder-Autorin Rebecca hat sich das Stück angesehen und war enttäuscht. Der dereinst avantgardistische Anspruch des Wallgraben Theaters geht in diesem netten, harmlosen Komödchen jedenfalls ziemlich unter.

Ein durchschnittliches, bürgerliches Ehepaar, irgendwo in einem englischen Vorstadthaus, irgendwann in den 60er Jahren. Schnöder Alltag, tödliche Langeweile. Trällernd schwingt Ehefrau Sarah (gespielt von Johanna Bronkalla) den Wischmob in Doris-Day-Manier: „Das bisschen Haushalt, geht doch von allein, sagt mein Mann... Dass ich auf Knien meinem Schöpfer danken kann, wie gut ichs hab, sagt mein Mann.“ Entzücktes Kichern im leicht angegrauten Publikum. Dazu Hans Poeschl alias Richard als biederer Pantoffelheld, der sich, das morgendliche Abschiedsritual befolgend, mit einem Kuss von seiner Frau verabschiedet: „Sag mal Schatz, kommt heute Nachmittag dein Liebhaber zu Besuch?“




Hans Poeschl und Johanna Bronkalla als "brave" Eheleute

Die auf den ersten Blick „normale“ Ehe basiert nämlich auf einem ausgeklügelt-pragmatischen Deal. Während Sarah sich dreimal pro Woche zur Teestunde mit ihrem Liebhaber vergnügt, hält sich Richard bei einer Hure schadlos. Solange die sexuell erfüllte Ehefrau für Harmonie, kalten Schinken und für das eine oder andere Glas Whiskey sorgt, funktioniert dieses Arrangement wunderbar. Scheinbar. Denn hinter den gesitteten Dialogen verbergen Ironie und Sarkasmus nur schlecht die Eifersucht des Mannes:

Richard: Dein Liebhaber war da?
Sarah: Hmm. Ja.
Richard: Hast du ihm die Stockrosen gezeigt?
Kleine Pause
Sarah: Die Stockrosen?
Richard: Ja.
Sarah: Nein.
Richard: Ach.
Sarah: Hätte ich sollen?
Richard: Nein, nein. Mir ist nur, als hättest du gesagt, er würde sich fürs Gärtnern interessieren.
Sarah: Hmmm. Ja stimmt.
Pause.
Aber so sehr nun auch wieder nicht.
Richard: Aha.
Pause

Irgendwas ist faul, wenn man über Abgründe des ehelichen Zusammenlebens hinweg von Stockrosen redet. Spätestens mit dem Auftritt des Milchmanns regen sich erste Zweifel an der Rollenverteilung. Nachdem dieser nachmittags Sarah vergeblich seine Sahne aufzunötigen versucht hat –der Sinn dieses Intermezzos bleibt unklar – erscheint nämlich der Liebhaber in Form des Ehemanns. Aus dem grauen Krawattenträger ist ein lüsterner Macho in Lederjacke geworden, der nicht lange fackelt, Sarah an die Wäsche zu gehen. Auch diese ist nicht wiederzuerkennen: Ganz Femme fatale im kleinen Schwarzen legt sie mit ihrem Lover einen flotten Tango aufs Parkett und greift ihm nonchalant zwischen die Beine. Erröten im Publikum, erregte Seufzer. Spätestens wenn Sarah ihre roten Vampschuhe, mon Dieu!, in die Luft reckt und sich frivol auf dem Fauteil räkelt, kennen viele Zuschauer kein Halten mehr. Die Dame am Nebenplatz knufft unentwegt ihren Begleiter in die Seite, „ha des isch ja fabelhaft“, tönt es emphatisch.



Femme Fatale auf dem Fauteil

Fabelhaft an diesem Abend sind vor allem die wirklich witzigen, doppelbödigen Dialoge des Nobelpreisträgers Harold Pinters, der das Stück 1962 schrieb. Vor allem über Hans Poeschl muss man lachen, wenn er mit Lakonie und Humor zwischen der Rolle des Richards und des Liebhabers hin und her switcht und seiner Geliebten vorjammert, sie sei nur „Haut und Knochen“. Dabei begehre er doch „Frauen wie Ochsen, mit riesigen Eutern“.

Das ist in der Tat komisch, da man sich um die Leibesfülle der Sarah nun wirklich keine Sorgen zu machen braucht. Das Schauspiel einer Ehe verwandelt sich zunehmend in ein Vexierspiel, bei dem man nicht weiß, was wirklich und was Schein ist. Eifersucht, Untreue, alles nur gespielt, um den unerotischen Ehealltag aufzupeppen? Augenscheinlich sind Erotik und Ehe, Anziehung und Respekt, Sex und Bürgertum in der Realität unvereinbar. Beides ist in dem Stück Pinters nur zu haben, indem die Figuren scheinbar mühelos die Rollen wechseln, von der Hausfrau zur Schlampe und zurück.



Der Liebhaber auf Knien

Bis der Ehemann die Schizophrenie des Rollenspiels nicht mehr aushält. Er bricht die essentielle Regel, beide Sphären, biederen Ehealltag und zügellose Affäre, nicht zu vermischen und dreht durch. Peng, peng.

Doch auch der Wortwitz Harold Pinters kann den Abend nicht retten. Denn leider ist die Inszenierung von Anatol Preissler ein wenig arg bieder geraten. Das Bühnenbild besteht aus farbig leuchtenden Fenstern, blau für sexfreies Vorstadtleben, rot für Lust. Die Jalousie, die im Verlauf des Stückes ständig hoch und runtergezogen wird, spielt an auf die französische Bedeutung des Wortes: Eifersucht. Spießige Kostümchen aus dem Hause Kaiser und „fetzig-moderne“ Musik à la Coldplay und Rammstein („Was isch jetz des für a Krach?“) tun ihr übriges, um echtes „Unterhaltungstheater“ zu bieten. Schön und gut, das Publikum amüsiert sich prächtig, das Stück ist ausverkauft. Doch wo bleibt der einst avantgardistische Anspruch des Wallgraben-Theaters? Mit einem derart netten, harmlosen Komödchen lockt man heutzutage wohl kaum junge Menschen unterm Ofen hervor.

Mehr dazu:

Was: „Der Liebhaber“ im Wallgraben Theater

Wann: 25.3., 26.3., 27.3.07 um 20.00

Wo: Rathausgasse 5a

Kartenreservierung: 0761-25656